Mackenzie Mountains Erstklassiges Leiden

Der Keele River führt auf fast 450 Kilometern durch ein Naturparadies sondergleichen. Wer das Kanada-Klischee sucht, ist hier richtig. Allerdings ist die Tour nicht ohne Strapazen.

Von Ole Helmhausen


Kanu-Tour: Ein Abenteuer auch abseits des Stromes
Patrice Halley Photo

Kanu-Tour: Ein Abenteuer auch abseits des Stromes

Wenn es zwei Tage und Nächte geregnet hat und die Temperatur um Null Wurzeln schlägt. Wenn das Wasser braun wird und der Himmel fast schwarz und der Schlafsack so klamm ist, dass man die Nacht lieber dösend am Lagerfeuer verräuchert. Wenn die Arbeit mit dem Paddel und der ständige Wasserkontakt die Haut aufspringen lassen und man paddelt, bis die Schultern sich wie Pudding anfühlen.

Wenn man mit Schüppe und Klopapier in den Busch zieht und sich in denkbar schutzlosester Stellung Heerscharen von Mücken und Schwarzfliegen ausliefert. Kurz, wenn man sich gründlich mies fühlt und es 180 Kilometer (Luftlinie) zur nächsten warmen Dusche sind, dann stellt man sich schon mal die Sinnfrage, die so kurz ist wie berühmt: Warum nur, warum?

Die Antwort: Dies ist nicht irgendein Paddel-Revier. Dies ist der Keele River in den kanadischen Northwest Territories. Von seiner Quelle an der Grenze zum Yukon Territory bis zu seiner Mündung in den Mackenzie River fließt er rund 450 Kilometer durch die unberührte Bergwelt der Mackenzie Mountains.

Keine Menschenseele, dafür erscheint die Tierwelt meistens live
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Keine Menschenseele, dafür erscheint die Tierwelt meistens live

In der Übersetzung für Outdoor-Fans bedeutet das: keine Menschenseele, umso mehr Elche, Karibus und Grizzlies. Schneebedeckte Bergriesen, Urwälder aus Schwarzkiefern und Espen und herrliche Lagerstellen. Mitternachtssonne und Angeln der Extraklasse, vor allem Lachse. Gute Aussicht auf warme Sommertage mit Spitzentemperaturen knapp unter 30 Grad. Das macht selbst Leiden erstklassig und garantiert grandiose Stimmungsumschwünge.

Wer seinen Traum von Kanada im Kanu wahrmachen möchte, liegt hier goldrichtig. Der Keele fließt mit einer Geschwindigkeit von sechs bis acht Stundenkilometern, nach Regenfällen etwas schneller. Die Stromschnellen und Wirbel rechnen Experten den Kategorien eins und zwei zu und sind daher auch von Wildwasser-Novizen zu bewältigen. 10 bis 12 Tage sollte man für diese Tour veranschlagen, bei Tagesetappen zwischen 30 und 60 Kilometern Länge.

Drei Tage vor der Mündung in den Mackenzie River tritt der Keele River aus den Bergen heraus. Er wird breiter und verlangsamt seine Fließgeschwindigkeit. Hier und da zerfasert er in mehrere flache Kanäle, von denen manche in toten Armen enden.

Die Anreise zum Put-In erfolgt per Wasserflugzeug. Das kann selbst organisiert werden. Erheblich preiswerter (im Klartext: bezahlbar) wird es jedoch, wenn man sich weder um Kanu noch um Charterflugzeug kümmert, sondern einem professionellen Veranstalter anvertraut. Seit Jahren hier oben aktiv ist Wanapitei Canoe, Kanadas ältester Kanutrip-Veranstalter.

Wanapitei organisiert ein- und mehrwöchige Trips für Gruppen bis zu zehn Personen und stellt von den Kanus über die Campingausrüstung bis hin zu erfahrenen Guides alles zum Überleben in der Wildnis Notwendige bereit. Nicht im Peis enthalten ist die Anreise nach Norman Wells.

Norman Wells ist das Basislager für alle Keele-Kanuten. Die 800-Seelen-Siedlung am Mackenzie River liegt hart unter dem Polarkreis und wird als Drehscheibe zwischen den Städten im Süden und den Siedlungen am Eismeer täglich von Passagierflugzeugen angeflogen. Straßen hierher gibt es nicht.

Die Bewohner arbeiten meist für eine Ölgesellschaft und werden durch drei Restaurants, zwei Supermärkte und eine Espressomaschine bei Laune gehalten. Besucher übernachten in einem der beiden Hotels. Tags darauf geht es von Norman Wells aus mit einer von Wanapitei gecharterten Twin Otter zum Put-In.

Nach einem anderthalbstündigen Flug dicht über die Spitzen der Mackenzie Mountains drückt der Pilot die Schwimmkufen der zweimotorigen Maschine sanft in die Fluten. An diesem ersten Tag paddelt man nur zum ersten Lager wenige Kilometer flussabwärts. Zum Tagesende veranstalten die Guides einen Kanu-Intensivkurs, bei dem die Teilnehmer das kleine Einmaleins des Wildwasser-Kanuwanderns lernen. Wie nähert man sich bis zu anderthalb Meter hohen Wellen?

Wie navigiert man bei Flussmündungen durch fadenscheinige Wirbel? Wie überquert man einen Fluss mit einer Fließgeschwindigkeit von zehn Kilometern? Wie bleibt man bei hohem Wellengang trocken?

Das Wasser des Keele River ist klar und eiskalt. Das macht Kentern zu einer ernsten Angelegenheit und zum Prüfstein nicht nur für die Unglücksvögel, sondern für das gesamte Team. Es muss wegen der starken Strömung blitzschnell reagieren, will es eine unterkühlte Besatzung nicht erst zehn Kilometer flussabwärts aus dem Wasser ziehen.

Erstaunlich, wie schnell die Handhabung eines Kanus unter sachkundiger Anleitung in Fleisch und Blut übergeht. Die Mitternachtssonne flegelt sich auf den gezackten Kämmen der Backbone Range herum und denkt nicht daran unterzugehen.

Man schießt im Kanu über weißbemützte Wellenberge hinaus, landet krachend in einem Wellental und brüllt "jiiiieehaaa" dabei. Am Ende des Tages zieht man das Kanu an Land und gönnt sich einen Kaffee.

Ein Lachs oder Hecht zieht an der Leine. Oder man schlägt beim Überqueren des Keele der starken Strömung ein Schnippchen und surft im 45-Grad-Winkel elegant über die Wellen. Oder es könnte noch lange so weiter gehen. Dabei ist die Sinnfrage schon längst beantwortet.



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