Madagaskar Wo Halbaffen sich gute Nacht sagen

Madagaskar zählt zu den ärmsten Ländern der Welt, der Tourismus steht noch ganz am Anfang. Die viertgrößte Insel des Globus ist ein Geheimtipp für Globetrotter, die sich für seltene Tiere interessieren: Allein 300 Amphibien- und 350 Reptilienarten tummeln sich im Regenwald.


Zielsicher arbeitet sich Marie durch den Bergnebelwald von Perinet und stößt dabei kurze, schrille Ruflaute aus. Endlich kommt die ersehnte Antwort: Irgendwo hoch oben aus dem grünen Blätterdickicht meldet sich ein Indri. Die erfahrene Nationalparkführerin hat den Halbaffen schnell ausgemacht und lotst ihre Gäste zum günstigsten Standort für ein Foto. Dann zeigt er sich. Indris sind Madagaskars größte noch lebende Halbaffen. In 20 Metern Höhe hangelt sich gleich eine kleine Familie der possierlichen, schwarz-weißen Lemuren durch das Geäst.

Reisbauern im Zentralhochland südlich von Antananarivo: Madagaskar zählt zu den ärmsten Ländern der Welt
DDP

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"Der Indri ist so etwas wie das Aushängeschild Madagaskars", erklärt Marie den europäischen Besuchern. "Er lebt endemisch, ist also nur auf unserer Insel zu finden." Bislang sei es keinem Zoo der Welt gelungen, den absoluten Futterspezialisten über längere Zeit zu halten. Wohl auch deshalb sehen die Einwohner der riesigen Insel östlich des schwarzen Kontinents den Indri als Symbol der Freiheit.

Niemand weiß so ganz genau, wie viele Lemuren-Arten in den letzten, vom Kahlschlag verschonten Regenwäldern Madagaskars wirklich noch leben. In den vergangenen Jahren haben Wissenschaftler aus aller Welt neue Arten ausgemacht oder Tiere wiederentdeckt, die als ausgestorben galten. Mit etwas Glück, Geduld und einem erfahrenen Führer an der Seite kann man in den Schutzgebieten der Rieseninsel nicht nur den Indri, sondern auch Sifakas, den Wolllemur, den Braunen Lemur, den Katta oder die meist nachtaktiven kleinen Makis beobachten.

Die viertgrößte Insel der Welt ist ein Geheimtipp für Globetrotter, die sich für seltene Tiere und Pflanzen interessieren. Vor etwa 165 Millionen Jahren trennte sich der Mikrokontinent von der afrikanischen Platte und durchmachte fortan eine ganz eigene Evolution. Heute gilt Madagaskar als Refugium für schätzungsweise 300 Amphibien-, über 350- Reptilien-, 200 Vogel- und 100 Säugetierarten. Fast alle Arten gibt es nur hier. Ähnlich verhält es sich mit der Pflanzenwelt.

Madagaskar zählt zu den ärmsten Ländern der Welt. Der Tourismus steht noch ganz am Anfang, doch das Interesse besonders der Europäer, Südafrikaner, Amerikaner und Chinesen an der vielfältigen Insel wächst. Allein den Nationalpark von Perinet erkunden jährlich fast 30-000 Besucher, 15 Mal mehr als vor zehn Jahren. Vor allem junge Madagassen stellen sich auf die langsam wachsende Branche ein.

Mit dem Einbaum hinaus zum Riff

Küstenstädte und Regenwald-Reservate: Madagaskar im Indischen Ozean ist die viertgrößte Insel der Welt
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So wie Arosa Serge Rakotondratsima. Noch bis vor kurzem baute der 40-Jährige als Landwirt im Inselnorden Orangen und Vanille an. "Dann nahm ich das Recht eines jeden Madagassen in Anspruch und erhielt von der Regierung kostenlos ein 30 Hektar großes Areal nahe Perinet", sagt er. Arosa ließ für viel Geld das Hotel "Eulophiella" bauen. Das Anwesen mit landestypischen Holzbungalows in einem liebevoll angelegten Park und einer vorzüglichen Küche öffnete im November 2005. Nun hofft Arosa auf möglichst viele Gäste. Doch das Hotel, in dem abends ein Aggregat für Strom sorgt, liegt etwas abseits und ist nur über einen steinigen, sechs Kilometer langen Pfad erreichbar.

Nicht nur die Hotellerie, die sich mehr und mehr auch außerhalb der Hauptstadt Antananarivo internationalen Standards anpasst, auch unzählige Kleinunternehmer setzen ihre Zukunft auf die Touristen und entwickeln dabei die erstaunlichsten Geschäftsideen. In Antsirabe verkauft Rajamason Mamy kleine Fahrrad- und Automodelle, die er aus Draht, Schuhresten, Spraydosen und Telefondrähten zusammenlötet. Nach einer Ausbildung als Industriedesigner in Frankreich entwickelte er Pläne für die detailgetreuen Miniaturen, die er inzwischen für umgerechnet sechs Euro sogar bis nach Holland exportiert. Besonders die kleinen Nachbauten der Rikschas, die das Straßenbild der Städte bestimmen, sind bei Touristen begehrte Mitbringsel. Binnen weniger Jahre hat es der findige Unternehmer so zu einem beachtlichen Wohlstand mit eigenem Haus und Auto gebracht.

Auch die Ärmsten können vom Touristenboom profitieren. In dem kleinen Fischerdorf Ifaty bei Tulear an der Westküste fährt Samedi Sabut fast jeden Tag mit Gästen der nahe gelegenen Hotels hinaus zum Riff. Während des Abenteuertörns in einem aus einem Mangrovenbaum geschnitzten Einbaum erzählt der freundliche Fischer dann vom harten Alltag auf See und jenen glücklichen Momenten, in denen er einen Kapitänsfisch erbeuten und an eines der Hotels verkaufen konnte.

Ralph Sommer, ddp



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