Mandalay Birmas letzte Königsstadt

Mandalay - allein der Klang des Namens war Grund genug, nach Myanmar zu reisen. Und noch immer leuchten goldene Pagoden und weiße Stupas in der Sonne und das Straßenleben fasziniert. Eine Radtour durch die Goldene Stadt.

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Per Rad durch Mandalay: Die Schilder sind auch auf Englisch beschriftet, nicht nur in der burmesischen Kringel- und Kullerschrift
Antje Blinda

Per Rad durch Mandalay: Die Schilder sind auch auf Englisch beschriftet, nicht nur in der burmesischen Kringel- und Kullerschrift

Mit geradem Rücken und graziös radelt Tin Tin Aye im immer gleichen, gemächlichen Rhythmus die Bayintnaung Road hinunter zum Fluss. Die morgendliche Luft ist mild in Mandalay. Tin Tin Aye hat sich in eine dicke graue Wolljacke gehüllt, die sie über ihren leuchtend roten Wickelrock, den Longhi, zieht. Als "Bicycle-Guide" wird sie mich auf meinem Leihrad einen Tag durch die letzte Königsstadt von Myanmar, dem ehemaligen Birma, führen. Mandalay - zweitgrößte Stadt des Landes - wirkt eher wie ein Dorf: Keine Wolkenkratzer schieben sich in den Himmel wie in anderen asiatischen Großstädten, viele Straßen sind ungeteert, die Luft trocken und staubig.

Am Ayeyarwady endet die Bayintnaung Road, der breite Strom ist die Lebensader von Myanmar und Handelsweg, Wäscherei, Büffelbadestelle von Mandalay. Am Ufer drängen sich Bambushütten, windschief und immer bedroht von den Fluten. Hausboote und flache Kähne gleiten an Frauen mit bunten Turbanen vorbei, die auf Bambusflößen sitzen und ihre Wäsche ins gelb-braune Wasser tauchen. Der Fluss begrenzt das Zentrum der Millionenstadt im Westen, im Norden erhebt sich Mandalay Hill, ein 236 Meter hoher Hügel, der der Stadt ihren Namen gab.

Statt Teakholzhäuser säumen Betonbauten die Straßen

Mandalay durfte sich nur kurze Zeit Hauptstadt des birmesischen Königreichs nennen: 1857 von König Mindon gegründet, wurde die Goldene Stadt, wie sie damals hieß, 1885 von den Briten überrannt. Der letzte König von Birma, Thibaw, und seine Frau Supayalat wurden ins indische Exil geschickt und das Land dem Britischen Empire einverleibt. Die Kämpfe zwischen Briten und Japanern im Zweiten Weltkrieg und spätere Großfeuer haben von dem Zauber Mandalays, wie er in alten Reiseberichten beschworen wird, nicht viel übrig gelassen. Tausende Pagoden und Klöster, selbst der Königspalast Mandalay Fort wurden zerstört, einiges erst in den letzten Jahren wieder aufgebaut. Heute säumen mehrstöckige Betonbauten im chinesischen Stil die Hauptstraßen, die traditionellen Teakholzhäuser sind verschwunden.

Blattgoldwerkstatt: Gold, Bambus- und Reisstrohpapier werden sorgfältig in Rehleder gewickelt Marmorbildhauerei: Die Männer meißeln, die Frauen polieren mit Sandsteinen und Wasser die Figur Mittagszeit im Teashop: Grüner Tee und Gebäck steht immer auf den niedrigen Tischen Stadtteilturnier: Die Fußballhelden werden lautstark von ihren Fans angefeuert, der Kommentar wird per Lautsprecher übertragen

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Tin Tin Aye winkt und tritt an einer Ampel überraschend hektisch in die Pedalen: "Schnell jetzt - und los!" Ich stürze mich auf meinem behäbigen Leihrad hinterher und schaffe die Linkskurve gerade noch, bevor die Pick-ups, Busse, Fahrräder, Toyotas und Tri-Shaws des Gegenverkehrs mich überrollen können. Hoch oben über der Kreuzung zeigt eine digitale Uhr die Sekunden an, die die Grünphase noch dauern wird - ein Hauch von Hightech, eingenebelt vom allgegenwärtigen gelben Staub.

Am Ufer des Ayeyarwady: Der Strom ist die Haupthandelsweg und Lebensquell von Myanmar
Antje Blinda

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Myanmar ist eines der am wenigsten entdeckten Länder Südostasiens. Erst seit 1995, nach 40 Jahren Isolierung, lässt die devisenhungrige Militärregierung Touristen in das verarmte Land zwischen Himalaja und dem Golf von Bengalen, zwischen Thailand und Indien. Etwas über 200.000 Gäste pro Jahr sind es in den letzten Jahren gewesen, die Junta hofft auf mehr: Für die geplanten eine Million Urlauber pro Jahr wurde ein riesiger Bahnhof-Hotelkomplex mitten in Mandalay gebaut, an dem wir vorüberfahren. Doch die international scharf kritisierten Methoden der Junta halten Touristen fern.

Der Bedarf der Burmesen an Gold ist gigantisch

Laute Hammerschläge dringen aus einer Blattgold-Werkstatt. Nur mit einem Longhi bekleidet, schlagen die Handwerker mit einem schweren Steinhammer auf kleine Lederpäckchen ein. Gold ist in das Rehleder gewickelt, sorgfältig geschichtet zwischen Bambus- und Reisstrohpapier. In einer Blechschüssel mit Wasser dreht sich eine sinkende Kokosnusshälfte und teilt die Zeit in 15-Minuten-Abschnitte. Dann wechseln sich die Männer ab, die letzte Schicht erholt sich mit einem Betelnuss-Paket in der Wange von der Fronarbeit.

Mahamuni Paya: Die Pagode wurde um den Buddha, der meistverehrten Figur des Landes, herumgebaut
Antje Blinda

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Insgesamt neun Stunden hämmern sie auf ein 25-Gramm-Stückchen 24-karätiges Gold ein, bis die Blättchen so dünn sind, dass sie in der Luft schweben könnten. Der Bedarf der Burmesen an dem hauchzarten Blattgold ist gigantisch. Die unzähligen Pagoden, Stupas und Buddha-Statuen, die das Land übersäen, sind mit dem kostbaren Metall, gewaschen aus den Fluten des Ayeyarwadys, überzogen. Die buddhistischen Gläubigen - immerhin 90 Prozent der Burmesen - hoffen ihr Karma, ihr Lebenskonto der guten Taten, damit aufbessern zu können, auch wenn sich viele gerade mal den täglichen Reis leisten können.

Mandalay gilt als Stadt des Handwerks. Jede Zunft hat ihr Viertel, allein 50 Familien fertigen Blattgold. Sie schlagen Buddha-Statuen aus Marmor, entlang ganzer Straßenzüge, wahlweise breit grinsend für den Export nach China oder milde lächelnd für den heimischen Markt. Mädchen mit Tanaka-Spuren, einer Rindenpaste als Sonnenschutz, im Gesicht beugen sich über quadratmetergroße Stickereien aus goldenen Fäden. Junge Männer mit geschürztem Longhi zerschlagen und polieren grüne Jade-Steinbrocken. Ein Junge schnitzt, vollkommen in seine Arbeit versunken, an einer Elefanten-Pyramide aus Teakholz. Mit einfachsten Werkzeugen dauert die Herstellung Wochen bis Monate.



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