Mantas vor Thailand Fliegender Teppich auf Kollisionskurs

Gipfel der Giganten: Das Riff Hin Muang südlich von Phuket war immer ein sicherer Tipp für ein Rendezvous mit Mantarochen und Walhaien. Doch die riesigen Fische werden seltener - und Begegnungen erst recht zum unvergesslichen Erlebnis.

Von Linus Geschke


Das erste Sonnenlicht des Tages erreicht das auf glatter See südlich von Phuket ankernde Tauchboot "MV Aragon". Plötzlich beginnt die Himmelskuppel zu strahlen und das in der Nacht so dunkle Meer nimmt wieder sein gewohnt tiefes Blau an. Für Holger Schwab, den deutschen Besitzer des Sea Bees-Tauchcenters, ist dies die Zeit, die am besten zum Tauchen geeignet ist: die Stunde, in der seine Gäste an Bord noch schlafen und das Meer gerade von den ersten Sonnenstrahlen durchflutet wird.

Unter dem Kiel der "MV Aragon" wartet Hin Muang. Das in Taucherkreisen fast schon legendäre Riff beginnt in acht Meter Tiefe. Über und über mit purpurnen Weichkorallen besiedelt, die ein wohlwollender Gärtner der Evolution ausgeschüttet haben muss, finden sich dort neben Nacktschnecken und tropisch-bunten Rifffischen auch immer wieder die Giganten der Meere ein: Mantarochen mit bis zu sieben Metern Spannweite und Walhaie, die größten Fische unseres Planeten.

Schwab springt vom Schiff ins Wasser und lässt sich - wie sein Tauchpartner - langsam tiefer sinken. In 15 bis 20 Meter Tiefe stoppen sie und beginnen, am Riff entlangzugleiten, die Aufmerksamkeit dabei immer wieder ins Freiwasser gerichtet. "Kein anderer Meeresbewohner kommt in Eleganz und Größe dem Walhai gleich", berichtet Schwag später. "Wer einmal erlebt hat, wie dieser friedliche Riese mit gleichmäßigem Flossenschlag durchs Wasser gleitet, ist dem Tier auf alle Zeit verfallen."

Walhai-Begegnungen werden seltener

Die bis zu 14 Meter langen und 12 Tonnen schweren Walhaie ernähren sich hauptsächlich von Plankton und Kleinstlebewesen, die sie durch Ansaugen in ihrem Maul filtrieren. Für Menschen sind Begegnungen mit diesen Giganten vollkommen ungefährlich. Ihre Unterseite ist hell gefärbt, ihr Rücken schimmert grau-blau, durchsetzt mit Streifen und deutlich sichtbaren hellen Punkten. Weltweit nimmt ihr Bestand von Jahr zu Jahr ab. Überfischung, gezielte Bejagung, Umwelteinflüsse – die Gründe hierfür sind vielfältig. Und auch bei Hin Muang, einst eine sichere Adresse für Begegnungen mit Mantas und Walhaien, sind sie seltener geworden.

Holger Schwab taucht am Riff entlang und schwimmt dabei immer wieder in Richtung Freiwasser. Eine große Schule Makrelen kreuzt seinen Weg. Schnelle Schwimmer, deren Körper silbern glänzen. Der Tauchlehrer schenkt ihnen nur kurz seine Aufmerksamkeit, ebenso der Schildkröte, die an einem Büschel Weichkorallen ihr Frühstück zu sich nimmt. Die Sicht reicht heute, bedingt durch das hohe Planktonaufkommen, nur maximal 15 Meter weit – eigentlich ideale Bedingungen für die sanften Großfische. Auf dem Sandboden neben dem Riff liegt ein Ammenhai, ein gut zwei Meter langes Exemplar. Die Haiart ernährt sich bevorzugt von Krebsen, Muscheln und Kopffüßlern und ist bei Tauchern aufgrund seiner wenig scheuen Art äußerst beliebt.

Plötzlich stoppt Schwab, wendet sich mit einem Schlag des linken Beines vom Riff ab und schaut hinaus ins Freiwasser. War dort was? Hat sich im diffusen Sonnenlicht etwa der schemenhafte Umriss eines Mantas gezeigt? Schwab wartet, er lauert förmlich. Perfekt austariert und nur flach atmend hofft er auf die Krönung des frühen Tauchganges. Eine Minute vergeht, eine zweite folgt, und nichts tut sich – der Umriss ist verschwunden, war vielleicht nur ein Trugbild der Phantasie, die einen eleganten Manta herbeigewünscht hat. Das Finimeter zeigt nur noch 90 bar Restdruck in der Tauchflasche an, und Schwab wendet sich zum Rückweg, flacher tauchend hin zum Schiff.

Mekong-Whiskey in der Affenbar

"1997 haben wir die ersten Touren von Phuket aus nach Hin Muang angeboten", erzählt Schwab dann später auf dem Sonnendeck der "MV Aragon". "Richtige Abenteuertrips waren das noch, mit Übernachtungen in kleinen Bungalows auf der Insel Ko Lanta. Strom gab es nicht, wir haben uns mit Taschenlampen den Weg gesucht. Dafür gab es auf der Insel die 'Affenschädel-Bar', in den Regalen Mekong-Whiskey, einen richtigen Kracher mit dickem Kopf am Tag danach."

Ein wenig wehmütig klingt er dabei schon, der Umsteiger aus Augsburg, der seit 1995 in Thailand lebt und dort mittlerweile zwei Tauchcenter, zwei Resorts und sechs Tauchboote betreibt. "Über Mantas musste man sich damals noch keine Gedanken machen, die waren einfach da, so selbstverständlich wie der Sonnenaufgang."

Dann sieht Holger Schwab zu seinen Gästen, die sich gerade auf ihren ersten Tauchgang vorbereiten, auf dem Gesicht ein verschmitztes Lächeln. "Aber Hin Muang ist für mich wie eine Frau, die vielleicht mit den Jahren auch etwas weniger attraktiv wirkt, zu der jedoch die alte Liebe nie verglüht. Was soll ich machen?" Und er lacht.

Neben den Walhaien sind es vor allem die Mantas, die ihn nicht mehr loslassen. Wenn sie sich langsam aus dem tiefen Blau schälen und sanft mit den Flügeln schwingen, einem fliegenden Teppich gleich, dann wird auch der erfahrene Tauchlehrer wieder zu einem kleinen Jungen, der sich von der eigenen Begeisterung mitreißen lässt.

Oftmals harrt er dann bewegungslos im Wasser, lässt die Giganten auf sich zukommen, bis sie kurz vor ihm hochsteigen und ihre helle Bauchseite präsentieren. Und dann – die Faust, die Boris Becker einst populär machte: Das ist es, das Gefühl, dass nur ein Taucher so richtig verstehen kann!

Wie schöne Frauen – faszinierend und selten berechenbar

Heute bleibt ihm dieses Gefühl versagt, sind ihm Manta und Walhai untreu geworden. "Macht nichts", sagt Schwab, "mal gewinnt man, mal verliert man. Das offene Meer ist halt kein Zoo, in dem alles planbar ist. Ich weiss ja, dass sie irgendwo da draußen sind. Vielleicht waren sie nur knapp außerhalb der Sichtweite. Und irgendwann sehe ich sie wieder, das kann heute noch sein oder auch erst im nächsten Monat. Wie bei schönen Frauen halt – faszinierend und selten berechenbar."

Eine knappe Stunde später tauchen seine Gäste wieder an der Oberfläche auf. Der sanfte Wind verweht ihre Worte, die Gesten jedoch sind eindeutig: Sie haben ihre Arme wie Vogelschwingen ausgebreitet, bewegen sie auf und nieder – das unter Tauchern gebräuchliche Zeichen für Mantasichtungen. An Bord glühen die Gesichter dann vor Freude, wandern die Digitalkameras von Hand zu Hand: Zwei Mantas mit jeweils knapp 4 Metern Spannweite im Formationsflug sind auf ihnen zu erkennen.

Wie sagte es Holger Schwab doch? Mal gewinnt man, mal verliert man. Heute hat er verloren und die Tauchgäste gewonnen, und dennoch ist es keine Niederlage für ihn: Würde er sonst schon wieder so ansteckend lachen, hier, am Riff der sanften Riesen?



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.