Karnevalist auf US-Art: In Mobile heißen die Karnevalsgesellschaften Mystic Societies
Karnevalist auf US-Art: In Mobile heißen die Karnevalsgesellschaften Mystic Societies
Foto: Dan Anderson / ZUMA Wire / IMAGO

Mardi Gras in Alabama Die Geheimgesellschaften der US-Karnevalisten

Der Kölner Karneval ist abgesagt, in Alabama wird trotz Ukraine-Invasion gefeiert: der älteste Mardi Gras der USA. Vielleicht nicht so freizügig wie in Deutschland, dafür um einiges rätselhafter.
Von Tobias Sauer

Schon bevor Conchita Wurst auf dem Eurovision Song Contest die Figur einer Dame mit Vollbart populär machte, feierte die Idee anderswo große Erfolge. In Mobile, einer Stadt im Süden des US-Bundesstaates Alabama.

Jedes Jahr zum Höhepunkt der Karnevalsfeiern am Faschingsdienstag, dem »Mardi Gras«, krönen die Mitglieder der »Comic Cowboys« eines ihrer männlichen Mitglieder zur Queen. Im Kostüm, mit Bart und gerne auch Zigarre rauchend, fährt die »Königin« dann auf einem Wagen unter dem Jubel Zehntausender Zuschauer durch die Straßen der Stadt. Als Thron dient eine umgebaute Toilette, als Zepter eine Klobürste.

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Karneval in Mobile: Kostüme nur für Auserwählte

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Mobile mit ihren 130.000 Einwohnern ist Heimat des ältesten und traditionsreichsten Mardi Gras in den USA. »Das erste Mal wurde das Fest 1703 gefeiert«, sagt Craig Roberts. Der Architekt ist, seitdem er aus dem Norden Alabamas nach Mobile zog, so begeistert, dass er ein Buch über die Geschichte des Festes geschrieben hat. Eingeführt haben es die französischen Siedler, die Mobile gegründet haben. Zwar ist der Mardi Gras im nicht weit entfernten New Orleans heute international wesentlich bekannter und größer. Doch der in Mobile ist älter, ursprünglicher – und für die Stadt als Identitätsanker noch wichtiger, sagt Roberts.

Und während sich der Karneval dort in eine exzessive Party verwandelt hat, legt Mobiles Einwohner Wert auf ihre Geschichte. »Der Mardi Gras war und ist in Mobile eine Tradition mit sehr großer lokaler Beteiligung«, sagt Judi Gulledge, die Direktorin der Mobile Carnival Association. Wer sich als Besucher davon mitreißen lässt, kann einen Karneval erleben, der sich von dem in Deutschland unterscheidet.

Schottische Nessie mit grünen Augen

Das beginnt schon mit der Verkleidung: Denn Kostüme gelten in Mobile als Auszeichnung und Vorrecht nur derjenigen, die auf den Umzugswagen mitfahren. Gelegenheit dazu gibt es glücklicherweise mehr als ausreichend. Schon in den Wochen vor dem Mardi Gras ziehen mehrfach Paraden durch die Stadt. Auf die Straße gebracht werden sie von als Mystic Societies bezeichneten Karnevalsgesellschaften wie den Comic Cowboys.

Die sind nicht nur dem Namen nach von Mysterien umgeben. Sogar die Mitgliedschaft ist geheim. Mehr als 75 dieser Societies gibt es in Mobile, sagt Craig Roberts. Und knapp die Hälfte davon organisiert eine eigene Parade, die jedes Jahr unter einem neuen Motto steht. Ab dem Karnevalssamstag steigt die Frequenz der Paraden spürbar an, bis sich die Energie am Dienstag endlich entlädt: Sechs Paraden halten Mobile dann vom Vormittag bis zum späten Abend in Atem.

Mit besonders fantasievollen Wagen begeistern Jahr für Jahr die »Knights of Revelry«, die »Ritter der Festlichkeit« das Publikum. Beim Mardi Gras 2020, dem letzten vor Corona, stellten sie ihren Zug unter das Motto »Jagd«. Auf einem Wagen etwa machten sich die Karnevalisten auf die Jagd nach dem schottischen Monster Nessie, das mit grünen Augen über den Wagenrand lugte. Auf Wagen anderer Gesellschaften bekommen Politik, Gesellschaft und Wirtschaft ihr Fett weg – meist mit Schildern, auf denen derbe, politisch unkorrekte Witze geschrieben sind.

Einige Zuschauer sichern sich bereits am frühen Morgen besonders vielversprechende Plätze entlang der mit Gittern abgetrennten Umzugsstrecke – einige mit Campingstühlen. »Es ist besser, am Ende der Strecke zu stehen als am Anfang«, sagt Roberts – besonders, wenn man viele »Beads« und »Moon Pies« fangen will, Halsketten aus Plastikperlen und die lokale Spezialität aus zwei Keksen, dazwischen eine Art Marshmallow. Je mehr, desto besser – behangen mit Perlenketten in allen möglichen Farben, vor allem aber in Grün und Lila, den Stadtfarben Mobiles, ziehen Kinder wie Erwachsene nach Hause.

Prachtvolle Bälle, königliche Gewänder

Wenn auch die Paraden bereits wie die Höhepunkte des Mardi Gras scheinen mögen, sind sie in einigen Fällen tatsächlich nur Auftaktveranstaltungen. Denn auf manche Umzüge folgt entweder ein Empfang oder ein aufwendiger Ball, auf denen die Mitglieder der Geheimgesellschaften unter sich und mit ausgewählten Gästen feiern. Auf diesen Veranstaltungen gilt ein strenger Dresscode. Nur die aktiven Mitglieder der Gesellschaft dürfen sich verkleiden. Die übrigen Gäste tragen elegante Abendkleider oder Anzug mit weißer Fliege.

»Zahllose erwachsener Männer und Frauen aus allen Altersgruppen, die sich so festlich kleiden, wie man es sonst nur vom roten Teppich bei den Oscars kennt – das hätte ich in einer vergleichsweise kleinen Stadt der Südstaaten so gar nicht erwartet«, sagt der nach Mobile zugezogene Craig Roberts und erinnert sich an seinen ersten Mardi-Gras-Ball, der ihn mit Akrobatik und Bühnenbild an eine Broadway-Show erinnerte.

Wer keine Einladung erwischt, muss sich nicht ausgeschlossen fühlen. Denn neben den zahlreichen Mystic Societies gibt es in Mobile auch zwei sogenannte Royal Courts. Diese Karnevalsgesellschaften krönen alljährlich je ein Königspaar – und die Krönungszeremonie der Queen of Carnival, die bereits am Karnevalssamstag stattfindet, ist öffentlich – und ebenso »over the top« wie die Bälle der Mystic Societies. Denn die königlichen Gewänder, ihre Kronen und Zepter sind inspiriert von Vorbildern wie dem französischen Empire des 19. Jahrhunderts.

Allein die mehr als sechs Meter langen Schleppen, geschneidert teils aus kostbaren Fellen und besetzt mit funkelnden Kristallen, wiegen Dutzende Kilo. »Die Schleppe der Königin war absolut phänomenal«, sagt Reggie Maddox am Tag nach der Krönungszeremonie begeistert. Die Kalifornierin wurde von einer Freundin eingeladen, den Karneval in Mobile zu besuchen. »Auch all der Pomp war großartig«, sagt sie. Die Freundinnen besuchen das Mobile Carnival Museum, in dem einige der schönsten königlichen Kostüme ausgestellt werden.

Dort erfahren sie, dass mehr als jeder zehnte Erwerbstätige in Mobile für den Karneval arbeitet. »Die Bedeutung des Mardi Gras ist enorm«, sagt Museumskurator Cart Blackwell. Schließlich müssen jedes Jahr mehr als hundert neue Umzugswagen gebaut, Kostüme geschneidert und Bühnen entworfen werden. »Es gibt hier Jobs, die es überhaupt nur wegen Mardi Gras gibt«, sagt er. »Viele Leute aus Mobile kehren an diesem Tag zu ihren Familien zurück, selbst wenn sie Weihnachten oder Thanksgiving auslassen.« Wie wichtig Mardi Gras für die Stadt ist, hat auch das Parlament von Alabama eingesehen und den Tag kurzerhand zum Feiertag in Mobile erklärt.

Mardi Gras im Vorgarten während Corona

Ausgefallen ist die Karnevalssaison in der gesamten Stadtgeschichte bislang nur viermal. Drei Kriege waren daran schuld: der Amerikanische Bürgerkrieg und die beiden Weltkriege. 2021 sorgte die Coronapandemie ebenfalls für eine Absage. »Den Bewohnern der Stadt fiel das sehr schwer«, sagt Judi Gulledge, die Direktorin der Mobile Carnival Association. »Also haben viele Menschen ihre Veranden und Vorgärten geschmückt. Mit dem Auto konnte man dann durch die Stadt fahren und wenigstens etwas Mardi-Gras-Gefühl bekommen.«

In diesem Jahr hingegen wollte Mobile endlich wieder normal feiern. »Möglicherweise stehen die Menschen am Straßenrand nicht ganz so nah beieinander wie sonst. Und wir empfehlen allen, die sich krank fühlen, zu Hause zu bleiben«, sagt Gulledge. »Aber viele Bürger sind geimpft und fühlen sich gut geschützt.«

Mardi Gras in Mobile

Mobile Carnival Museum

Informationen zur Geschichte des Karnevals in Mobile vermittelt das Mobile Carnival Museum . Es zeigt auch beeindruckende Schleppen der Mardi Gras-Königspaare, ausgefallene Kostüme und simuliert die Fahrt in einem Umzugswagen über Mobiles Straßen – was eigentlich nur Mitgliedern der Mystic Societies erlaubt ist.

355 Government St, Mobile, AL 36602

Wenn dann am Dienstagabend die Sonne untergegangen ist, werden Schlagzeuger die letzte Parade ankündigen. Der Order of Myths, die älteste noch existierende Mystic Society der Stadt, schickt ihren ersten Wagen stets ganz traditionell von Maultieren gezogen und von Fackeln erleuchtet durch die Straßen der Stadt. Auf ihm jagen sich wie jedes Jahr ein Narr im Tutu und ein Skelett um eine zerbrochene Säule. Einmal noch regnet es von den folgenden Wagen Beads und Moon Pies. Dann lässt die Feuerwehr die Sirenen heulen. Der Mardi Gras ist beendet.

Fast jedenfalls. Denn entlang der zentralen Dauphin Street spielen auf mehreren Bühnen Bands. Vor allem junge Leute nutzen die Gelegenheit, an diesem einen Abend in aller Öffentlichkeit Alkohol trinken zu dürfen, was in den USA ansonsten meist verboten ist. Laut singen sie aktuelle Hits mit, in den Ecken der schönen, mit schmiedeeisernen Balkonen geschmückten Häuser wird wild geknutscht. So ein wenig wird die ausgelassene Stimmung an diesem Abend dann doch noch an die Karnevalshochburgen von Köln, Düsseldorf und Mainz erinnern.

Tobias Sauer ist freier Autor des SPIEGEL. Die Reise wurde unterstützt von Alabama Tourism.