Martinique Volles (Zucker-)Rohr

Schatzschiffe und Piratengold? Koloniale Altstädte aus der Pionierzeit? Die wahre Karibik, behaupten echte Fans dieses Fleckchens Erde, liegt in der Tradition eines edlen Rums. Die besten, heißt es, kommen von Martinique.
Von Frank Schneider

Der Schatz der Karibik liegt nicht in Silber- oder Goldminen, die schon von den ersten Eroberern wieder aufgegeben wurden. Es ist die fruchtbare Inselwelt selbst. Hier blüht, wächst und gedeiht beinahe alles, was viel Sonne verträgt. Viele Nutzpflanzen sind aber erst per Schiff hierher gekommen. So auch das Zuckerrohr, das seinen Ursprung vermutlich in Indien hat.

Nicht erst die Piraten der westindischen Inseln stellten fest, dass in der Zuckerrohrstaude noch etwas ganz anderes steckt als kleine weiße, süß schmeckende Kristalle. Im 17. Jahrhundert wurde Rum zunächst aus Melasse gemacht, einem Sud als Nebenprodukt bei der Zuckerherstellung. Nicht viel mehr als eine Droge für die Sklaven. 90 Prozent des weltweit produzierten Rums sind heute noch aus Melasse. Auf Martinique jedoch macht man seit rund achtzig Jahren Rum nur noch aus den holzigen Stämmen: Schnaps statt Zucker. Nichts anderes. Gute Rumsorten haben dabei einen Anteil zwischen 40 bis zu 60 Prozent Alkohol. Ganz nach dem Motto "volles (Zucker-) Rohr".

Die ausgeklügelten frühen Zuckermühlen haben ihr Vorbild sehr wahrscheinlich in Holland, von wo ähnliche Konstruktionen bekannt sind. Vieh oder Sklaven drehten das Mahlwerk, durch das die Zuckerrohrstängel gequetscht wurden. Das Prinzip hat sich seitdem nicht geändert. Mindestens zwei Walzen der mechanisch äußerst robusten Konstruktion zermalmen das Zuckerrohr, wonach ein klebriger Saft in einen Auffangbehälter läuft. Auf diese Weise wird der Grundstein für das aromatische Getränk gelegt.

Reichtum und Wohlstand dank Rum

Es gab Zeiten, da gründete sich der Wohlstand einer Karibikinsel fast allein auf den Export seines Rums. So war es bis nach der letzten Jahrhundertwende auch noch auf Martinique. Im Hafen von St. Pierre lagen unüberschaubar viele Eichenfässer vor den Anlegestegen. Vor dem Ufer ankerten Segler und Dampfschiffe auf Reede, bereit beladen zu werden für den Transport in die ganze Welt. Viele ehemalige Sklaven arbeiteten auch nach der Revolution auf den Zuckerrohrfeldern. Die Arbeit war nicht leichter geworden, aber wenigstens war man aus freien Stücken geblieben.

In den letzten hundert Jahren hat sich jedoch einiges geändert. Der Hauptexportartikel von Martinique sind Bananen, und bis auf den kleinen Familienbetrieb Neisson in Le Carbet sind die anderen Destillerien von Konzernen geschluckt worden. Keine zehn gibt es noch. Von ehemals über hundert. Eines aber ist bei Neisson nach wie vor gültig: Der ‚Rhum' wird immer noch in Handarbeit produziert. Geerntet im Schatten des Vulkans Mont Pelée läuft der junge, klare Rum nach etwa vier Monaten in die Flasche, der braune lagert mehrere Jahre in Eichenfässern.

Eine der ältesten Marken Martiniques ist der "Rhum Clement", dessen Firmengründer sein Imperium im 18. Jahrhundert aufbaute. Zwar sind die alten Produktionsstätten um die ‚Habitation Clement', dem historischen Wohnsitz der Familie, jetzt ein Freilichtmuseum, aber in den Lagerhallen ruhen noch immer Tausende alter Eichenfässer. Und die sind keineswegs leer, auch wenn die Produktion nun in modernen Hallen in der Stadt läuft. Im Verkaufshäuschen werden nach Besichtigung der ehemaligen Wohnräume Clements und dem Rundgang über das weitläufige Anwesen mit Park die verschiedenen Rumsorten probiert. Rund ein Dutzend sind es, und vielleicht ist es ja ratsam, den Park hinterher zu erkunden und dort ein Plätzchen zum Ausruhen zu suchen. Schließlich gibt es weißen Rum und braunen Rum, ganz alten Rum und Rumlikör und, und, und...

Der Beste: Rhum Neisson

Wenn die Einheimischen auf Martinique gefragt werden, welcher der zahlreichen Rums der Insel denn nun der Beste sei, fällt der Name Neisson. Der kleine Familienbetrieb bei Le Carbet an der Westküste steht unter der Leitung von Madame Neisson. Der Vater nahm der Ärztin das Versprechen ab, den Familienbetrieb weiterzuführen und die Tradition am Leben zu halten. Bei Neisson kann man sich als Besucher frei bewegen und vom Mahlen des Zuckerrohrs mit einer ebenso alten wie gepflegten Maschine über den Blick in die riesigen Gärkessel bis hin zur Abfüllung alles beobachten können. In den Gärkesseln brodelt die Suppe, deren Alkoholgehalt in weiteren Prozessen sorgsam mit Quellwasser auf ein - halbwegs - verträgliches Maß reduziert wird. Der junge (weiße) Rum erinnert im Geschmack an das Aroma frisch geschnittenen Zuckerrohrs, während der in Eichenfässern gelagerte alte Rum locker einem guten Cognac oder Whisky Konkurrenz macht. All das wird in der Probierstube gleich neben der Destillerie bewiesen und zum Kauf angeboten.