Skiexpedition in der kanadischen Arktis Mit der Pulka zum James-Bond-Berg

Michael Martin

Die kanadische Baffin Island ist ein verdammt einsamer und eisiger Flecken Erde. Hier überlebt man nur mit viel Training, Butterwürfeln im Kakao - und begleitet von der 67-jährigen Polarführerin Matty, mit der Michael Martin unterwegs war.

Die Morgendämmerung sorgt für erstes Licht in meinem Zelt, das Thermometer zeigt minus 31 Grad Celsius. Ich liege schon länger wach und hänge dem Gedanken nach, dass mein Schlafsack - abgesehen von denen meiner Expeditionspartner - der einzig warme Ort im Umkreis von hundert Kilometern ist.

Es ist der erste Morgen unserer Skiexpedition durch Baffin Island in Nunavut, jenem Inselreich im Nordosten von Kanada, das ein Fünftel der Landesfläche einnimmt und dessen Bevölkerungsdichte hundertmal mal geringer ist als die der Sahara.

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Expedition über Kanadas Cumberland-Halbinsel: Abenteuer mit Pulka, Polly und Fram

Eine regelmäßig verkehrende Propellermaschine hatte uns von Iqualuit nach Qikiqtarjuaq gebracht, von dort fuhren uns drei Inuit mit ihren Schneemobilen ans Ende des zugefrorenen Nord-Pangnirtung-Fjords. Nach 80 Kilometern Fahrt über das Meereseis setzten uns die Männer ab, und wir bauten zum ersten Mal unsere Zelte auf.

Unsere Expedition soll uns in zehn Tagen quer durch die im Südosten von Baffin Island gelegene Cumberland-Halbinsel über den Akshayuk-Pass nach Pangnirtung führen. Jeder von uns hat seine Ausrüstung und Vorräte in einem Pulka-Schlitten verstaut. Über ein fünf Meter langes Seil ist dieser mit einem Hüftgurt verbunden und wird gezogen.

Wir sind auf leichten, schmalen Tourenskiern unterwegs, zwei Huskies begleiten uns zum Schutz vor Polarbären. Die Route ist sehr einsam und wird selbst im kurzen Polarsommer nur von rund hundert Wanderern gegangen.

Kalorien gegen die Kälte

Die zehn Expeditionstage ähneln sich im Ablauf. Nach dem Frühstück im Kochzelt brechen wir gegen 9 Uhr auf und schaffen bis zum späten Nachmittag jeweils etwa 15 Kilometer, alle 90 Minuten unterbrochen von einer 15-minütigen Pause. Sie ist gerade lang genug, um heißen Tee, Schokolade und Nüsse zu sich zu nehmen - und kurz genug, um nicht auszukühlen.

Die wichtigste Maßnahme, um sich selbst vorm Erfrieren zu schützen, ist neben professioneller Polarausrüstung die ausreichende Zufuhr von Kalorien. Neben spezieller Expeditionsnahrung futtern wir dauernd Snacks wie Energieriegel - oder geben Butterwürfel in die Trinkschokolade, worauf John Huston schwört, einer der Expeditionsteilnehmer.

Ist der Lagerplatz für die Nacht gefunden, stellen wir die Tunnelzelte auf und bereiten im Kochzelt das Abendessen. Dafür bringen wir auf drei Benzinkochern Schnee zum Schmelzen: für heiße Getränke und für die Zubereitung der gefriergetrockneten Expeditionsnahrung.

Zur Person
  • Elfriede Martin
    Michael Martin, 1963 geboren, ist Diplom-Geograf und renommierter Wüstenfotograf. Der Münchner hat seit seinem 17. Lebensjahr 150 Wüstenreisen unternommen und darüber mehr als 20 Bücher veröffentlicht, darunter auch "Die Wüsten der Erde" und "Planet Wüste". Martins neues Projekt: ein Porträt des Planeten Erde.
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Auch wenn die meisten der Teilnehmer erfahrene Bergsteiger und Skigeher sind, wären wir ohne Matty McNair verloren. Unsere Polarführerin ist bereits mehrfach zum Nordpol und zum Südpol gegangen und gilt erfahrenste Polarfrau der Welt. Mit ihren 67 Jahren zieht sie immer noch zwei schwere Schlitten und kennt für jedes Problem eine Lösung. Als einer der Huskies meinen Daunenschlafsack aus dem Schlitten zerrt und zerfetzt, näht sie mit Nadel und Faden so lange Flicken auf die Löcher, dass ich weiter warm schlafen kann.

Abends füllen wir sämtliche Thermoflaschen mit heißem Wasser und stecken sie in Neoprenüberzüge - so friert das Wasser nicht ein. Morgens liefert jeder seine verbliebenen Vorräte wieder im Kochzelt ab, wo sie nochmals erhitzt und dann für den Tag in Thermoskannen gefüllt werden.

Auch die Zahnpasta muss vor der Kälte geschützt werden, denn auch tagsüber steigt die Temperatur nie über minus 20 Grad Celsius. Die gemeinsamen Abende im Kochzelt enden abrupt, wenn die Kocher ausgestellt sind. Sofort wird es bitterkalt, und es bleibt nur die Flucht in den Schlafsack.

James-Bond-Berg und die höchste überhängende Felswand der Erde

Tagsüber wechseln sich flache Passagen mit verschneiten Steigungen ab, über die der Schlitten nur unter Aufbietung aller Kräfte zu bewegen ist. Abfahrten mit dem Schlitten gestalten sich schwierig, weil der Schlitten einen mitreißen kann.

Der Reiz der Expedition liegt neben der sportlichen Herausforderung in der Landschaft. Die Route wird von hohen Felswänden gesäumt, die des Mount Thor ist gar die höchste überhängende Felswand der Erde. Schönster Berg ist sicher der markante Doppelpfeiler des Mount Asgard, dem 1977 im James Bond Film "Der Spion, der mich liebte" ein cineastisches Denkmal gesetzt wurde.

Nach dem Akshayuk-Pass folgt die Route zunächst dem neun Kilometer langen Summit Lake. Dort am See ergeben sich für mich als Fotografen die besten Perspektiven, als ich an einem Pausentag einer Gletschermoräne ein paar Hundert Höhenmeter nach oben folge und sich bei wolkenlosem Wetter ein spektakuläres Panorama vor mir ausbreitet.

Nach dem Summit Lake folgt die Route dem zugefrorenen Weasel River und erreicht den eisigen Windy Lake. Auf den Seen tauschen wir die Skier jeweils gegen Grödel, einfache Steigeisen, die sicheren Halt bieten. Die inzwischen leichter gewordenen Schlitten gleiten fast von selbst auf den Eisflächen.

Am achten Skitag verlassen wir den Nationalpark und erreichen den Pangnirtung-Fjord, der von Westen her tief in die Cumberland-Halbinsel hineinreicht. Anders als an der Ostküste ist das Meereseis glatt und aufgrund einer Schneeauflage gut mit Skiern zu begehen. Nur an den Rändern haben die Gezeiten für Eiswälle und Risse gesorgt.

In diesen Rissen holen Robben oftmals Luft, was die Gefahr erhöht, hier auf einen Polarbären zu stoßen. Jeder von uns trägt Schreckschusspatronen am Körper, Matty hat ihr Gewehr griffbereit. Der beste Schutz vor dem König der Arktis sind aber Polly und Fram, die Huskies, die schon manchen Polarbären in die Flucht geschlagen haben.

Wir begegnen keinem und erreichen am Morgen des elften Tages Pangnirtung, eine Inuitsiedlung mit Holzhäusern, leeren Containern, Supermarkt, parkenden Schneemobilen und im Eis eingefrorenen Booten. Am Abend bringt uns eine Propellermaschine nach Iqualuit.

Eine Stunde nach der Landung betrachte ich nach einer heißen Dusche im Gästehaus im Spiegel meine erfrorene Nasenspitze. Dann lässt Matty Pizza für alle kommen. Auf meiner sind Champignons und Schinken.



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widower+2 10.05.2019

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