Michael Martins Blog aus Spitzbergen Beef Stroganow aus der Tüte

Im Schlafsack gewärmte Zahnpasta hilft wenig, wenn das Trinkwasser gefroren ist - Wüstenfotograf Michael Martin lernt seine ersten Arktis-Lektionen. Darunter auch, dass eine Husky-Schlittentour durch Spitzbergens Täler vor allem eins ist: harte Arbeit.
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Michael Martins Blog: Husky-Tour über Spitzbergen

Foto: Jörg Reuther

Es ist eng in meinem Daunenschlafsack. Die Innenschuhe meiner Stiefel, die Kameraakkus, die feuchten Handschuhe und die Zahnpastatube teilen sich die wenigen Kubikzentimeter Wärme mit mir. Draußen rüttelt ein eisiger Wind am Zelt, Schneeschauer fegen über unser Lager. Es ist meine erste Zeltnacht in der Arktis, von Romantik keine Spur.

Draußen liegen unsere Huskys völlig ungeschützt im Schnee und werden langsam zugeweht. Sie haben den ganzen Tag schwere Arbeit geleistet und zu siebt meinen voll beladenen Schlitten durch den Neuschnee gezogen. Fünf Stunden harter Arbeit haben wir gebraucht, bis die Hunde versorgt, die Zelte aufgebaut und alle mit warmem Essen versorgt waren. Völlig erschöpft schlafe ich ein.

Das Bellen der Hunde reißt uns um 6 Uhr aus dem Schlaf. Während unser Guide Sigurd die Hunde füttert, zwängen Jörg und ich uns im engen Zelt in die steif gefrorene Kleidung. Ich lerne, dass gewärmte Zahnpasta wenig nützt, wenn das Trinkwasser gefroren ist. So beginnt der Tag mit Schneetauen, Frühstücken im Kochzelt, Abbauen der Zelte und Verstauen der Ausrüstung auf den fünf Schlitten. Neben Sigurd sind noch Marco aus Italien und Christoph aus Nürnberg mit uns auf der Hundeschlittentour unterwegs.

Nach vier Stunden streifen wir den Huskys endlich die Geschirre über und spannen sie an die Schlitten. Jeder Hund hat seine Position, vorne laufen jeweils die beiden Leithunde, hinten zwei besonders kräftige Tiere. Alle paarweise, bis auf jeweils einen, der als streitfreudig gilt. Die Hunde sind aufgeregt, springen in die Höhe, wälzen sich im Schnee und bellen laut und ausdauernd. Ein Frontanker und zwei Bremsanker hindern die Hunde daran, mit den Schlitten durchzugehen. Dann gibt Sigurd das Kommando, die Anker aus dem Schnee zu ziehen. Mühsam kann ich den Schlitten gerade noch mit der Fußbremse halten.

Sturmmasken, Fellmütze, Kapuze

Mit einem Ruck setzt sich Sigurds Schlitten in Bewegung. Wir folgen. Augenblicklich erstirbt das Gebell. Die Hunde ziehen sofort mit voller Kraft, lautlos gleiten die Schlitten durch den makellosen Schnee. Ich stehe auf den Kufen, genieße das Dahingleiten und muss an Pferdeschlittenfahrten in Tirol denken. Als Kind habe ich dem aber nicht viel habe abgewinnen können.

Bald schon verlassen wir das geschützte Seitental und biegen nach Osten in das weite Reindalen-Tal ein. Augenblicklich packt uns der Wind und bläst uns Eiskristalle ins Gesicht. Zwei übereinandergezogene Sturmmasken, eine Fellmütze und ein Kapuze sowie eine Schneebrille schützen mein Gesicht. Am Körper trage ich fünf Lagen Funktionskleidung, deren Sinn mir nun klar wird.

Die Huskys zerren so stark am Schlitten, dass ich auf der Bremse stehen bleiben muss. Nach mehreren kurzen Stopps halten wir mittags für eine halbe Stunde. Die Hunde und wir brauchen dringend Energie. Unser Mittagessen besteht aus einer Tüte Trockennahrung, in die ein Schuss kochendes Wasser aus der Thermosflasche kommt. Auf meiner Packung steht "Beef Stroganow", Jörg hat "Pasta Bolognese" erwischt.

Stundenlang Hundenahrung kochen

Sigurd drängt rasch wieder zum Aufbruch, denn vor uns liegt ein hoher Pass. Über ihn wollen wir ins Adventdalen-Tal kommen. Die Geschwindigkeit der Hunde hat sich bereits deutlich verlangsamt. Längst stehe ich nicht mehr auf der Bremse, sondern helfe den Hunden, indem ich mit einem Bein anschiebe. Vor besonders steilen Anstiegen stoppt der ganz Tross. Wir werfen die Anker in den Schnee, um die Schlitten zu sichern und schieben, besser gesagt, wuchten gemeinsam mit den Hunden Schlitten für Schlitten nach oben. Solche Aktionen bringen uns an den Rand unserer Kräfte.

Es ist bereits dunkel, als wir um 18 Uhr die Passhöhe erreichen. In einem geschützten Hochtal schlagen wir das Lager auf. Es wird Mitternacht, bis wir im Kochzelt um einen Topf Nudeln sitzen. Vorher musste Sigurd auf den beiden Benzinkochern mehrere Stunden lang Hundenahrung aufwärmen, denn nach zwei Tagen Schwerstarbeit reicht ein Stück gefrorenes Fleisch nicht mehr aus.

Nach dem Essen steige ich auf eine Anhöhe, der Wind hat sich gelegt, der Mond beleuchtet die Schneefelder. Unten liegt das Lager mit den rot leuchtenden Zelten. Für einen Moment vergesse ich die Kälte und genieße die arktische Wüste.