Michael Martins Blog aus Spitzbergen Eiskristalle auf der Haut

Minus 27 Grad Celsius, tobender Schneesturm, eisige Flächen - krasser kann der Unterschied zu den Regionen, die der Wüstenfotograf Michael Martin bisher erkundet hat, nicht sein. In seinem Blog auf SPIEGEL ONLINE berichtet er von seinen ersten Tagen auf Spitzbergen.
Fotostrecke

Michael Martin: Spitzbergen im Schneesturm

Foto: Michael Martin

Der Schneesturm hat Jörg und seinen Motorschlitten verschluckt. "White out" ist mein erster Gedanke. Ich muss an die beschwörenden Worte unseres Guides Andisch denken, unbedingt stehen zu bleiben, bis die Sicht zurückkehrt oder man gefunden wird. Wie lange kann man in diesem Inferno überleben? Ein paar Stunden vielleicht, kaum eine Nacht, kalkuliere ich.

Vor drei Tagen sind ein befreundeter Fotograf, Jörg Reuther, und ich von München aus nach Spitzbergen aufgebrochen. Lufthansa-Streik, heftige Schneefälle in Kopenhagen und Oslo und eine deswegen fällige Nacht auf dem Flughafen in Oslo machten die Anreise komplizierter als erwartet. Der Blick beim Landeanflug auf die arktische Wüste entschädigte aber für alles. Aus weißen Eisflächen ragten von der niedrigen Sonne beschienene Gipfel auf. Am Flughafen in Longyearbyen empfing uns ein ausgestopfter Eisbär und eine Nachmittagstemperatur von minus 27 Grad Celsius.

Jetzt, bei unserer ersten Fahrt auf Spitzbergen, muss ich an meinen letzten Sandsturm denken, der drei Tage lang tobte. Ich kann mich nicht entscheiden, was schlimmer ist. Die Eiskristalle stechen genauso wie Sandkörner, die Lautstärke ist ebenfalls enorm, doch die Kälte ist für mich viel unangenehmer als Hitze. Ist es eine Stunde, sind es zwei, die ich im Schneesturm ausharre? Egal, entscheidend ist, dass der Wind plötzlich nachlässt und ich Jörg und dahinter Andisch auf ihren Motorschlitten entdecke. Ich starte mein Gefährt und fahre zu den beiden. Andisch hat längst die Entscheidung getroffen, umzukehren. In dichtem Abstand fahren wir langsam nach Longyearbyen zurück.

Noch ist mir warm, denn zum ersten Mal in meinem Leben habe ich eine Reise gut ausgerüstet angetreten. Ich hatte Respekt vor den Verhältnissen in der Hocharktis. Winter am 78. Breitengrad, das hörte sich kalt an. Nach eine Stunde tauchen die Lichter von Longyearbyen auf. Der kurze Polartag verabschiedet sich bereits wieder, zehn Tage zuvor ist die Sonne zum ersten Mal wieder über den Horizont gekommen, jetzt werden es täglich 20 Minuten mehr. Ich wollte unbedingt im Februar nach Spitzbergen, um das zurückkehrende Licht zu erleben und zu fotografieren.

Unsere Unterkunft am Ortsrand von Longyearbyen sieht äußerlich aus wie eine Baracke. Aber die Besitzerin Mary Ann hat sich viel Mühe gegeben, um sie mit viel Holz sowie Bildern und Ausrüstungsgegenständen aus Pionierzeiten wohnlich zu machen. Energieverbrauch scheint keine Rolle zu spielen. Überall summen Heizlüfter, aus den Hähnen kommt fast kochendes Wasser. Das nahe Kraftwerk macht aus der heimischen Kohle billigen Strom. Die stetige schwarze Rauchfahne passt nicht so ganz in die Zeit des Klimawandels, der auch in Spitzbergen zu massiven meteorologischen und ökologischen Veränderungen führt.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.