Millionen für Kasbah Aufbruch in Algier

Heißer Sand, kristallklare Buchten, uralte Architektur: Für viele Touristen ist Algerien ein Geheimtipp zwischen Wüste und Mittelmeer. Die Regierung will das durch Terror und Krieg geschwächte Image aufpolieren und steckt Millionen in den Aufbau von Algiers verfallener Altstadt.


Auf dem Vorplatz verkaufen Händler Mandarinen, frische Baguettes und Winterjacken. Alte Männer sitzen auf den Stufen vor der Moschee, einem Gebäude mit zwei Sandstein-Minaretten, umlaufenden Balkonen und kleinen Kuppeln. Auf der Rückseite stört ein westlich anmutender Fremdkörper das orientalische Bild: Dort trägt die Moschee einen weiteren Turm, in dem eine mächtige Kirchenglocke hängt. Sie ist ein Überbleibsel der französischen Kolonialvergangenheit.

Wenn in den Gassen der Altstadt der Ruf des Muezzins erklingt, strömen Hunderte Gläubige zur Ketchoua-Moschee. Die "Kasbah", die Altstadt von Algier, besteht aus neben- und übereinander gewürfelten Häusern, die an dem steilen Hügel am Mittelmeer zu kleben scheinen. Manche Gassen sind so eng, dass man mit ausgestreckten Armen an beiden Seiten die Hauswände berührt. Oft sind die Durchgänge so steil, dass man sie gleich in Stufen angelegt hat.

Die Kasbah ist eine der charmantesten Altstädte am Mittelmeer. Auf Grund des langen Bürgerkriegs blieb sie vom Tourismus weitgehend verschont. Der Krieg ist längst vorbei, und auch wenn es - wie in anderen arabischen Ländern - muslimische Extremisten gibt, kommen wieder mehr ausländische Besucher nach Algerien. Die Bewohner der Kasbah reagieren freundlich auf Gäste, von aufdringlichen Touristenführern oder Souvernirverkäufern ist keine Spur.

Drei Millionen Euro für Wiederaufbau

Unlängst hat die Unesco den chaotisch besiedelten Hügel ins Weltkulturerbe aufgenommen. Die Architektur der Häuser ist so angelegt, dass die im Sommer unerträgliche Sonne sie nicht unnötig aufheizt. Die Mauern haben nur winzige Fenster, und die weißgekalkten Fassaden haben oft Vorbauten, die durch schräg gestellte Holzbalken abgestützt werden. Aus der Ferne sehen sie wie überdimensionierte Kämme aus. Viele Eingänge sind mit bunt gemusterten Kacheln dekoriert.

In den vergangenen Jahren sind rund 350 Häuser der Kasbah verfallen. Vor allem im Herbst, wenn heftige Regengüsse auf Algier prasseln, werden immer wieder alte Lehmziegelmauern eingerissen. Mehrere Organisationen bemühen sich, bedrohte Häuser zu restaurieren. In den engen Gassen geht die Modernisierung aber nur langsam voran. Wasser- und Abwasserleitungen müssten dringend ausgebessert werden. Wer es sich leisten kann, zieht in eine andere Ecke der Stadt.

Jetzt hat das Land knapp drei Millionen Euro zur Verfügung gestellt, um die historische Altstadt zu restaurieren. Ein Sprecher der Stadt Algier sagte, das Geld solle für ein Projekt eingesetzt werden, das drei Jahre lang an der Reparatur verfallener Häuser und Moscheen arbeitet. Einige Häuser sollen zu Bibliotheken umgebaut werden. So sollen die historischen Gebäude geschützt und Touristen angelockt werden.

Die Fußspuren der Franzosen

Die Spuren der Kolonialvergangenheit werden nach und nach getilgt. An einem Haus ist gerade noch eine Steintafel lesbar, dass dort einmal ein Gericht seinen Sitz hatte. Das Gebäude der kolonialen "Nationalbibliothek" ist frisch restauriert, doch die Inschrift ist unter einer Sperrholzplatte verborgen. In der Kasbah ist deutlich zu spüren, dass der brutale Unabhängigkeitskrieg der 50er und 60er Jahre das Verhältnis zwischen Algerien und Frankreich bis heute belastet.

Am Eingang der Ketchoua-Moschee, die von den Franzosen in eine Kirche umgewandelt worden war, steht heute ein Gedicht über die Beständigkeit des Islams in Marmor gemeißelt. Die Zeiten, in denen hier unter Anwesenheit des französischen Kaisers Napoleon III. die Messe gefeiert wurde und der Komponist Camille Saint-Saëns die Orgel spielte, sind längst vergessen. Heute wird die Freitagspredigt des Imams über Lautsprecher übertragen. Wer nicht zur Moschee geht, setzt sich in einen Hauseingang oder auf eine Treppenstufe und hört zu. Für 30 Minuten herrscht dann Ruhe in den sonst so quirligen Gassen.

sta/Reuters/Ulrike Koltermann, dpa



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