91-Jährige auf großer Fahrt Miss Norma findet das Glück

Norma Bauerschmidt ist 91 und schwer krank. Seit der Krebsdiagnose reist sie per Wohnmobil durch die USA - und holt nach, was sie vorher nie geschafft hat. Zum Beispiel: berühmt werden.

Ramie B. Liddle

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Leicht gebeugt sitzt Norma Bauerschmidt, 91, in ihrem Rollstuhl und beobachtet ein paar Vögel vor dem Fenster. Sie macht das manchmal stundenlang, so wie viele Menschen in ihrem Alter. Doch Bauerschmidts Ausblick unterscheidet sich von dem der meisten Senioren: Er ist jeden Tag anders. Gestern war vor ihrem Fenster noch ein See, heute schaut sie auf einen Wald, manchmal sieht sie das Meer.

Bauerschmidts Zuhause ist ein Wohnmobil, elf Meter lang, mit ausfahrbaren Seiten. Seit sieben Monaten reist sie darin durch die USA: Sohn Tim Bauerschmidt sitzt am Steuer, Schwiegertochter Ramie Liddle navigiert, beide sind Mitte sechzig. Hinten passt Pudel Ringo auf Norma auf. Im vergangenen halben Jahr waren die drei US-Amerikaner unter anderem am Grand Canyon, im Yellowstone-Nationalpark und in Florida. Nebenbei wurden sie ein bisschen berühmt, weil das Fernsehen über die Reise berichtete. "Für Norma ist es das Abenteuer ihres Lebens", sagt Liddle.

Ginge es nach einem ihrer Ärzte, wäre die alte Dame jetzt kein reisender Promi, sondern im Pflegeheim. Vielleicht sogar im Hospiz. Norma Bauerschmidt ist todkrank.

Im Juli vergangenen Jahres wurde bei ihr Gebärmutterkrebs festgestellt. Von der Diagnose erfuhr sie zwei Tage nach dem Tod ihres Mannes Leo, mit dem sie 67 Jahre zusammen war. "Wir waren wie gelähmt", sagt Liddle. Plötzlich war die Familie mit Tod und Krankheit konfrontiert - Themen, die sie bis dahin ausgeklammert hatten.

Wohnmobil statt Pflegeheim

Für die beiden stand fest, dass Norma nicht allein leben konnte - und dass sie sie bei sich aufnehmen würden, wenn sie wollte. "Das machen jeden Tag Tausende Menschen", sagt Liddle. "Nur, dass unser Zuhause Räder hat." Das pensionierte Paar lebte zu diesem Zeitpunkt bereits seit zwei Jahren im Wohnmobil. Sie waren Tausende Kilometer durch die USA gefahren und wohnten auf ständig wechselnden Campingplätzen. "Wir lieben das nomadische Leben", sagt Liddle. "Wir reduzieren uns gern auf das, was wir im Wohnmobil transportieren können."

Pflegeheim oder Wohnmobil - vor die Wahl gestellt, überlegte Norma nicht lange. Sie wollte ihr Krebsgeschwür nicht konventionell behandeln lassen und mit ihrer Familie auf Reisen gehen. "Wir waren natürlich verunsichert - kann sie einfach so mitkommen, ohne OP, Bestrahlung oder Chemotherapie? Was ist, wenn sie Schmerzen bekommt?", sagt Liddle. Ein Arzt riet ihnen ab, die alte Dame mitzunehmen, ein anderer sprach ihnen Mut zu. "Er sagte, er würde in unserer Situation das Gleiche tun. Dann wünschte er uns eine gute Reise."

Ende August brach die Familie von Bauerschmidts Heimatstadt in Michigan aus Richtung Westen auf. Schon kurz danach spürte Liddle, wie ihre Schwiegermutter aufblühte. "Norma hielt sich immer im Hintergrund, als ihr Mann noch lebte. Er war lustig und unterhielt die Leute. Sie war die stille, gute Seele, die für alle da war, aber kaum auffiel." Auf Reisen änderte sich das. Plötzlich stand Bauerschmidt im Mittelpunkt, andere Camper wollten mehr über die Frau wissen, die mit 90 noch reist. "Anfangs war das ungewohnt für sie. Aber nach und nach kam sie aus sich heraus."

Das zeigen auch die Fotos von unterwegs: In den ersten Tagen guckte die Uralt-Abenteurerin noch ziemlich ernst in die Kamera. Inzwischen zieht sie Grimassen, schiebt ihren Sohn im Rollstuhl oder ahmt grimmig blickende Graffiti-Figuren nach. Auf den meisten Bildern aber lacht sie einfach nur herzlich.

Hunderttausende Fans auf Facebook

"Driving Miss Norma" nannte Liddle den Facebook-Account, den sie aufsetzte, um Familie und Freunde über ihre Erlebnisse auf dem Laufenden zu halten. Ein kleines Internetportal berichtete darüber, bald kamen mehr und mehr Medienanfragen. Vor Kurzem berichtete sogar der landesweite TV-Sender CBS über "Miss Norma". "Vor einem Monat hatten wir 520 Facebook-Likes, jetzt sind es bald 350.000", sagt Liddle. "Es ist total verrückt."

Mittlerweile wird das "Team Norma", wie sie sich auf Facebook nennen, auf Campingplätzen erkannt. Manchmal muss Norma Autogramme geben. Auf Hilton Head Island an der Ostküste der USA wurde sie zum Star einer Straßenparade, bei der sie eigentlich nur zuschauen wollte. Liddle hatte im Voraus im Ort angerufen, um zu fragen, von wo aus sie die Parade am besten im Rollstuhl verfolgen könnten. Die Frau am Telefon hatte über die reisende Rentnerin gelesen - und fragte prompt, ob sie nicht teilnehmen wolle.

Mit Sohn und Hund wurde sie im Cabrio durch die Straßen gefahren. "Sie sah aus wie eine Königin", erzählt Liddle. "Selbst, als wir danach auf der Tribüne saßen, konnte sie nicht aufhören zu lächeln und zu winken. Ein herrlicher Anblick."

Für Liddle und ihren Mann hat sich einiges verändert, seit Miss Norma mit ihnen reist. "Früher sind wir oft den ganzen Tag gewandert oder Mountainbike gefahren." Heute fahren sie morgens Kajak, wenn Norma noch schläft, oder machen eine Radtour, während sie liest. "Es hat eine Weile gedauert, bis wir zusammen in den Flow gekommen sind", sagt Liddle. "Wir reisen jetzt anders. Durch sie sehen wir vieles mit anderen Augen."

Reisen macht mutig

Mutter, Sohn und Schwiegertochter leben sparsam. Sie gehen selten essen; bis auf die laufenden Kosten für Wohnmobil und Campingplätze haben sie kaum Ausgaben. Mit dem Ersparten kommen sie aus, außerdem erhält Bauerschmidt eine Witwenrente. "Unser Lebensstil kostet weniger, als wir fürs Pflegeheim zahlen würden", sagt Liddle. "Und alle sind glücklicher."

Auch wegen der kleinen Abenteuer. "Es gibt fast jeden Tag etwas, das sie noch nie probiert hat", sagt Liddle. Sei es eine Biersorte, eine Pediküre oder eine Bootsfahrt, bei der sie zum ersten Mal Delfine in freier Wildbahn sieht - "je länger wir unterwegs sind, desto mutiger wird Norma".

Manchmal wird die alte Dame etwas übermütig. "Sie hatte uns ein paarmal erzählt, dass sie unbedingt mal zum Mond fliegen wollte", sagt Liddle. "Als wir zum Kennedy Space Center in Florida kamen, wo man einen simulierten Raketenflug machen kann, war klar: Mehr Mondfahrt geht nicht." Tatsächlich stieg die damals 90-Jährige in den Simulator. "Die Fahrt war ihr aber etwas zu holprig. Ich bin ganz froh, dass wir sie nicht in eine echte Rakete gesteckt haben."

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