Mississippis Comeback Neues Grün aus schiefen Palmen

Schlammfluten des Hurrikans "Katrina" begruben vor anderthalb Jahren die Küste Mississippis. Jetzt ist die Region auferstanden. Zwar liegen noch gestrandete Schiffe in manchen Blumenbeeten, doch die Krabbenfischerboote sind wieder unterwegs, und die Kasinos machen großen Reibach.


Tiefblau schimmert der Golf von Mexiko. Glatt wie Glas ist das Wasser, Delfine tanzen im glitzernden Meer, Pelikane schießen kopfüber hinein. Lang vergessen erscheint hier an der Küste des US-Bundesstaates Mississippi der Hurrikan "Katrina", der im August 2005 nicht nur im benachbarten New Orleans schwere Verwüstungen anrichtete. Es ist heute nur noch schwer vorstellbar, dass auch hier mehr als zehn Meter hohe Schlammfluten und enorme Wellen die Küste nahezu in Stücke schlugen.

Kapitän Louis Skrmetta starrt von der Brücke seines Ausflugbootes durch eine dunkle Sonnenbrille über den Sund. Er hat "Katrina" nicht vergessen. Am Sonntag, dem 28. August 2005, wurde klar, dass der Hurrikan am Tag darauf Kurs auf die Küste von Mississippi nehmen würde. In aller Eile warf Skrmetta damals die Leinen los und brachte seine drei Schiffe durch die hintere Biloxi-Bucht in einem Kanal in Sicherheit. "Wir machten sie an den Bäumen fest", erinnert er sich. "Wir ritten den Sturm aus und blieben an Bord, auch als das Wasser über den Wipfeln stand. Nur so konnten wir die Flotte retten."

Ship Island Excursions, der Fährbetrieb zu den rund 20 Kilometer vorgelagerten Barrier Islands, ist ein Familienunternehmen, das seit 1926 besteht. Die drei Ausflugsboote bringen im Sommer drei Mal am Tag Besucher auf die kleine Insel mit der Festung aus dem Bürgerkrieg und den schneeweißen Stränden. Normal kommen 64.000 Gäste pro Jahr. In der ersten Saison nach "Katrina" waren es nur 19.000.

Für Hunderte Millionen Dollar renovierte Luxushotels

Die Küste verschwimmt hinter dem Kielwasser. Schemenhaft ist der Leuchtturm von Gulfport auszumachen, dahinter ragen Kasino-Resorts und Wohnkomplexe bis zu 30 Stockwerke hoch in den Himmel. "Zehn der zwölf Glücksspielpaläste sind wieder in Betrieb", sagt Mississippis Vize-Wirtschaftsminister Gray Swoope. Ein weiteres Dutzend ist in Planung. Im Inneren der meist fensterlosen Klötze machen die Spieler den Tag zur Nacht und hoffen auf das große Glück beim Poker, Roulette oder an den "Einarmigen Banditen".

Es herrscht viel Betrieb: Ein Jahr nach "Katrina" erwirtschafteten die Kasinos bereits wieder Rekordumsätze. Die für Hunderte Millionen US-Dollar renovierten Luxusherbergen bieten vergleichsweise preiswert Kost und Logis und ziehen ein buntes Volk in ihre Spielhöllen.

"10.000 der ursprünglich 17.000 Hotelzimmer warten an der Golfküste wieder auf Gäste", sagt Swoope. "Die Kasinos sind die Lokomotive unserer Volkswirtschaft, sie machen zehn Prozent aller Steuereinnahmen aus." Dank guter Beziehungen des republikanischen Gouverneurs Hailey Barbour zur US-Regierung in Washington hat auch der Bund den zerstörten Küstenbezirken beim Wiederaufbau mit zehn Milliarden Dollar unter die Arme gegriffen. Baufirmen, Kasinounternehmen, Restaurants und Hotels investieren rund 20 Milliarden. Auch Spenden von Kirchen und Wohltätigkeitsorganisationen, Geld vom Katastrophenschutz und ein Heer von Freiwilligen helfen beim "Comeback" der Golfküste.

"'Katrina' war ein Fluch - aber auch ein Segen"

"Wir brauchen Touristen mehr als alles andere", seufzt die Künstlerin Lorie Gordon. Die Frau mit den verschmitzten Grübchen sitzt vor einer Portion Nudeln bei "Ricky's" im Ort Bay St. Louis. Das Fischrestaurant ist berühmt für seinen Jambalaya-Eintopf. "Katrina" hatte das Strandlokal platt gemacht, aber die Küche wurde nach dem Umzug schnell wieder angeworfen. Sie steht nun in einem schmucklosen Einkaufszentrum im Landesinneren. Hier gibt es mehr Sicherheit vor Hochwasser anstelle des Seeblicks.

Nachdenklich nippt Lori am Weißwein: "Wissen Sie, als das Wasser kam, als der Strom ausfiel, als die Verwüstung begann" - dann bleibt ihr die Stimme weg. Sie kämpft mit den Tränen, wie fast jeder hier, der den Tag der Zerstörung schildert. "Da gab es gleichzeitig die Chance für den Neuanfang", setzt sie fort. "Wir Mississippians halten zusammen und machen unsere Heimat schöner und sicherer. Nein, dass "Katrina" neben dem Fluch auch ein Segen war, ist nicht übertrieben."

Die Zeitrechnung an der Golfküste besteht aus einem Abschnitt vor und einem Abschnitt nach dem Sturm. Die Trümmer sind beseitigt, und aus schiefen Palmen mit grauen Büscheln spitzt vorsichtig neues Grün. Die Skelette ehemaliger Tankstellen, Imbisstuben und Einkaufszentren lassen erahnen, wo vor "Katrina" rege Betriebsamkeit herrschte.

"Wir packen es an"

Treppenstufen führen heute ins Nichts, Schiffe liegen gestrandet in ehemaligen Blumenbeeten, hinter denen kein Haus mehr steht. Viele Holzvillen am Strand-Boulevard sind unwiederbringlich verloren.

Aber ein Bau-Boom hat eingesetzt, und das Leben geht weiter. Auf 26 Golfplätzen grünt neuer Rasen. Die überwiegend von vietnamesischen Einwanderern betriebenen Krabbenfischerboote strecken ihre Greifarme wieder ins Wasser, und weißer Sandstrand lädt zum Baden ein. Das "Maritime Museum" in Biloxi arbeitet in einem hölzernen Behelfsbau, die örtliche Bank hat ihre Schalter noch in einem Wohnwagen. Gleichzeitig wird der Flughafen erweitert, der Anlegepier im Hafen von Gulfport wurde bereits neu zementiert. Die untergehende Sonne taucht die ganze Kulisse in ein feuerrotes Licht - Postkartenidylle.

Captain Louis Skrmetta nimmt die dunkle Brille ab. Er hat "Captain Pete" sicher wieder in den Hafen gebracht. "Wir haben schon viel geschafft und noch einen langen Weg vor uns", sagt er. "Aber wir packen es an. 'Katrina' war nicht das erste 'Rodeo' hier für uns".

Tina Eck, gms



insgesamt 596 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Olaf 01.12.2006
1.
Meine letzte Reise in die USA (jedenfalls mit dem Flugzeug)ist schon ein bisschen länger her. Wird die gelbe Linie bei der Einreise am Flughafen immer noch so leidenschaftlich von der Immigration verteidigt? Ansonsten sind meine Erfahrungen mit den Amerikanern privat durchaus positiv. Die meisten Leute waren freundlich und hilfsbereit.
Dominik Menakker, 01.12.2006
2.
---Zitat von sysop--- Die USA sind eines der beliebtesten Reiseziele, trotz der erschwerten Einreisebedingungen. ---Zitatende--- Ich finde es bedenklich ein Forumsthema schon mit einer falschen Feststellung zu eröffnen. Es gibt zwar heute die Abnahme von Fingerabdrücken und ein Foto bei der Einreise, aber durch die Vorabübermittlung von Daten ist die Einreise eher leichter und die Passkontrolle eher schneller als früher. Ich kann mich noch an Zeiten ( 1995 ) erinnern, wo ich 2 Stunden an der Immigration stand. Mittlerweile ist es selbst auf Megaflughäfen wie Miami, New York oder Los Angeles selten mehr als 30 Minuten. Ich bin im Schnitt 4 mal pro Jahr drüben.
Nämbercher, 01.12.2006
3. Normal bleiben
Wenn man sich normal gibt, wird man auch normal behandelt. Ich hatte bei vielen Reisen keinerlei Probleme - mit Niemandem!! Was mich allerdings betroffen gemacht hat waren die Bilder von Biloxi und New Orleans nach dem Hurricane, 6 Monate nach meinem Besuch. Meine Urlaubsbilder und die Fernsehbilder sind wie ein "Vorher-Nachher" und treiben einem die Tränen in die Augen. Ansonsten sind die Amis einfach liebenswert meschugge ;-))
Arne Lund, 02.12.2006
4.
---Zitat von sysop--- Was haben Sie im US-Urlaub erlebt? ---Zitatende--- Durchweg freundliche, liebenswerte Menschen, die wie überall auf der Welt Spaß haben und ihr Leben leben wollen und nur in den seltensten Fällen unsere Klischees erfüllen (man muss nur lange genug suchen, dann findet man welche, aber eigentlich ist es unsinnig, so zu denken). Ein Erlebnis hat mich nachhaltig berührt: eines Abends haben wir bei einem Motel mitten im Niemandsland ein Zimmer gemietet. Das Motel gehörte einem Italiener, der vor vielen Jahren in die USA mit seiner Frau ausgewandert ist. Ganz selbstverständlich erzählte er uns in wenigen Minuten seine Lebensgeschichte und vom Krebstod seiner Frau. Er hat mich auf gewissen Weise fasziniert, denn er wirkte so verloren und so fern seiner Heimat und doch gleichzeitig "angekommen". Irgendwo zwischen den Welten zu Hause. Ich denke, dass viele Amerikaner nicht so recht wissen, wo ihre Wurzeln liegen. In Amerika oder in Europa? Es fällt mir schwer, mir vorzustellen, wie ich mich als Amerikaner fühlen würde. Irgendetwas würde mir wohl fehlen, das ich nicht genau beschreiben kann.
Subcommandante Insurgente, 02.12.2006
5.
Höfliche, hilfsbereite Menschen und atemberaubende Landschaften einerseits. Andererseits werden einem gängige "Vorurteile" bestätigt: 100 Obdachlose an einem Mittag (das ist kein Scherz, so gesehen in S F, alle um die 30 und weiß), Busfahrer, die explizit um Trinkgeld bitten, weil dieses zu einem großen Teil ihren Lohn ausmacht, inkompetente Dienstleister, Omas, die drei (!!) Berufen nachgehen müssen, um sich über Wasser zu halten, dumpfe Kriegspropaganda im Fernsehen (CNN brachte den amerikanischen "Krieg gegen Terror" allen Ernstes mit der Tragödie in Beslan in Zusammenhang!)... Heute würde ich auf eine Reise in die USA verzichten, der wunderbaren Landschaft, Flora und Fauna zum Trotze, aber unter den gegebenen Umständen (restriktive Fluggesetze!!) wäre ein Flug in die USA absolut nicht auszuhalten...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.