Mittsommer in Lettland Nacht der Nächte

Farn suchende Liebespaare, lodernde Feuer, mythische Blumenkränze und Talismane gegen das Böse: Rund um die Sommersonnenwende taucht Lettland in den Zauber des Volksglaubens ein. Die Magie der Nacht erfasst Jung und Alt. Sogar die Präsidentin feiert höchstpersönlich mit.

Von Alva Gehrmann


Schon von weitem erklingen ihre Stimmen: "Ligooo, ligooo...", singen die fünf Frauen, die es sich auf einer kleinen Bank vor der Holzhütte gemütlich gemacht haben. Ihre Lieder handeln von der Liebe, von alten Mythen und von der Sonne, die für alle Letten Dreh- und Angelpunkt ihres lebendigen Volksglaubens ist. Während die Frauen singen, flechten sie bunte Kränze aus Blumen und Gräsern. Die Kränze werden später die Haare junger Mädchen schmücken. Als Deutsche wähnt man sich bei diesem Anblick im Musikantenstadl, doch die Szenerie in dem kleinen Ort Zoseni ist nicht für eine Fernsehsendung gestellt. Wenn der längste Tag des Jahres anbricht, besinnen sich die Letten auf ihre Tradition.

Mittsommernacht wird nicht nur in den skandinavischen Ländern gefeiert, auch im Baltikum ist die Sommersonnenwende das wichtigste Fest des Jahres. Die folkloristische Feier mit lodernden Feuern und Konzerten ist ein jahrtausendealter Brauch, der viel von der Kultur des Landes vermittelt.

In Lettland wird - wie in allen baltischen Ländern - Mittsommernacht stets in der Nacht zum 24. Juni gefeiert, dem Namenstag Johannes des Täufers. Seit die Letten vor über 800 Jahren christianisiert wurden, trägt das einst heidnische Fest seinen Namen: Jani. An ihren alten Riten hielten die Letten dennoch fest. Ganz stur. Schließlich sind sie stolz auf ihre eigene Tradition und Kultur, die sie sich trotz der langen Fremdherrschaft durch Deutsche, Polen, Schweden und später Russen bewahrt haben.

Feiern als Protest gegen das Sowjetregime

Und so verwandelt sich die lettische Hauptstadt Riga kurz vor Jani stets in ein buntes Meer aus Blumen, Gräsern und Eichenblättern. Am 22. Juni findet auf dem Domplatz der große Blumenmarkt statt: Hier besorgen sich viele Städter die Blumen fürs Fest, einige kaufen sich schon fertig geflochtene Kränze. Auch hier erklingt über den gesamten Platz das "Ligooo, ligooo". Gesungen wird es von der Folklore-Gruppe Skandinieki. Ligo ist die lettische Bezeichnung für das Fest der Sommersonnenwende. Doch so richtig übersetzen lasse sich das Wort nicht, sagt Zoja Klujeva, Mitglied von Skandinieki, in einer Pause. In Lettland ist das Folklore-Ensemble berühmt, weil es Ende der 1980er Jahre, als die Bürger singend gegen das Sowjetregime protestierten, in der ersten Reihe stand.

Heute ist Klujeva Lehrerin, bis zur Unabhängigkeit Lettlands 1991 arbeitete sie im Rigaer Freilichtmuseum. "Zu Sowjetzeiten war es der einzige Ort, an dem wir Mittsommernacht feiern durften", sagt sie. "Auch einige Volkslieder waren verboten, dabei ist das Singen doch ein wichtiger Teil unserer Identität." Die Letten erzählen gern, dass sie genauso viele Lieder wie Einwohner hätten: rund zwei Millionen. Offiziell registriert sind nach Angaben des Lettischen Instituts 1,2 Millionen Volkslieder, die sogenannten Dainas. Für unerfahrene Ohren klingen sie sehr ähnlich, fast schon monoton.

Am Morgen des 23. Juni ist Riga wie ausgestorben, denn zu Mittsommernacht fahren alle Letten aufs Land. Gefeiert wird meist im Kreis der Familie auf kleinen, privaten Festen; doch es gibt auch einige öffentliche Veranstaltungen. Eines der größten Feste findet in dem kleinen Dorf Zoseni bei Cesis statt. Etwa zwei Autostunden von Riga entfernt, treffen sich jedes Jahr rund tausend Letten, um gemeinsam die kürzeste Nacht zum Tage zu machen.

Blätter und Blumen gegen das Böse

Die Frauen von Zoseni sitzen auch noch am späten Nachmittag vor der Hütte und flechten die kunstvollen Kränze. Von ihrer Bank aus blicken sie auf ein riesiges Feld. Dort stehen die Bühne und Holzbänke für das Publikum. Überall hängen ihre Kränze oder Blumensträuße: am Scheunentor, am Traktor, sogar die Tiere schmücken sie an diesem Tag. Die Blätter und Blumen sollen alles Böse fernhalten.

Langsam füllt sich das Festgelände, unter den Besuchern sind viele junge Leute. Auch Oskars und Sanita sind extra aus Riga hierher gefahren. Das junge Pärchen läuft Händchen haltend über die Wiese und grüßt die Frauen vor der Hütte. Als eine von ihnen sieht, dass Sanita keinen Blumenkranz hat, geben sie ihr einen: Die Margariten sollen ihr Kraft geben. Kurz darauf verschwindet das Pärchen kichernd im angrenzenden Wald. "Wir gehen den magischen Farn suchen", rufen sie.

"Es ist eines der uralten Rituale, die es in dieser mythischen Nacht gibt", erklärt Liena, eine der Frauen. Der Legende nach blüht der Farn nur in dieser Nacht und soll den Menschen Glück bringen. "Und neun Monate später gibt es viele neue Babys." Gesehen hat die magische Farnblüte noch niemand. Doch Kinder, die im März zur Welt kommen, gibt es reichlich. Kein Wunder also, dass Janis (Johannes) der beliebteste Jungenname ist.

"Man darf nicht schlafen"

Am frühen Abend trifft die lettische Präsidentin ein, um das Fest zu eröffnen. Vaira Vike-Freiberga erscheint in rustikaler Tracht, ein Kranz aus roten Rosen schmückt ihr Haar. Mit der lettischen Tradition kennt sich die Präsidentin sehr gut aus, schließlich ist sie Folklore-Wissenschaftlerin. "Jani ist das wichtigste Fest für uns Letten", sagt sie in fast perfektem Deutsch. "In dieser magischen Nacht darf man nicht schlafen gehen, bevor die Sonne wieder aufgeht. Sonst geht alles schief." Der Volksglaube besage, dass man sonst das ganze Jahr über träge sei. Und was wünscht sich Vike-Freiberga an diesem Abend? "Dass es im März viele neue Letten gibt." Dann spaziert sie lächelnd und umringt von ihren Bürgern zur großen Sängerwiese.

Vor Sonnenuntergang werden schnell noch die Jani-Feuer angezündet, sie sollen die ganze Nacht lodern und so den letzten Rest Dunkelheit vertreiben. Über dem gesamten Gelände liegt nun ein sanfter Musikteppich, das "Ligooo, ligooo" versetzt manche in Trance. Auf einmal tauchen Oskars und Sanita wieder auf. Ob sie die Farnblüte entdeckt haben, wollen sie nicht verraten, aber sie sehen sehr glücklich aus in dieser für sie so magischen Nacht. Um alles Böse zu vertreiben, springt das Pärchen zur Sicherheit noch über ein kleines Lagerfeuer.

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