Moganshan bei Shanghai Sommerfrische auf dem grünen Berg

Längst verfallen sind die prächtigen Villen, zerbröckelt die pompöse Kirche: Auf den Berg Moganshan zogen sich einst westliche Kaufleute aus Shanghai in die Sommerfrische zurück. Ein britischer Ex-Medien-Tycoon entdeckte den verwunschenen Ort für ausländische Touristen.

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Shanghai kann die Hölle sein, besonders in den feucht-heißen Sommermonaten. Das war schon immer so, lange bevor die kommunistischen Planer die Stadt in eine einzige staubige Baustelle verwandelten, aus der immer höhere Wolkenkratzer wuchern, und in ein Netz von Straßen, das von immer mehr Autos verstopft wird.

Schon die westlichen Kaufleute und Missionare, die sich im 19. Jahrhundert in der Stadt am Huangpu niederließen, sehnten sich nach kühler, sauberer Luft. Auf Moganshan, einem Berg nahe der Nachbarstadt Hangzhou, wurden sie fündig: Ab 1898 richteten einige von ihnen dort ihre Sommerfrische ein - mit Villen, Freibad, Tennisplatz und einer Kirche.

Fünf Jahrzehnte währte die Idylle, dann wurde sie für lange Zeit unterbrochen: Nachdem die Kommunisten Shanghai 1949 "befreiten", blieben die westlichen Urlauber fort. Viele der schmucken Villen verkamen, standen leer oder wurden von Offizieren der Volksbefreiungsarmee als Ferienheime in Beschlag genommen.

Doch neuerdings kehrt in Moganshan wieder Leben ein. Nicht nur neureiche Chinesen suchen hier Erholung, auch Europäer und Amerikaner kehren in wachsender Zahl in die Berg-Enklave zurück: Verfallene Villen werden eifrig wieder hergerichtet - als luxuriöse Ferienhäuser oder Hotels, allerdings nur zur Miete vom Staat, nicht zum Kauf.

"Wie ich ein Leben in China fand"

Der Mann, der die verschlafene Sommerfrische für Ausländer praktisch neu entdeckte, heißt Mark Kitto. Wenn man Glück hat, trifft man den blonden Engländer vor "The Lodge", dem europäischen Café, das er mit seiner chinesische Frau Joanna betreibt: Der 42-Jährige sitzt dann auf der Terrasse, ein kühles Bier vor sich, die Gitarre in der Hand und Hund "Charly" zu Füßen.

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Von hier aus blicken Mark und seine Gäste weit über die grünen Berghänge, es ist ein idealer Platz, um sich von dem einstigen Geschäftsmann in Ruhe erzählen zu lassen, wie er vor elf Jahren als Tourist nach Moganshan kam und sich schließlich auf Dauer hier niederließ.

Mark hat die abenteuerliche Geschichte von sich und Moganshan auch in einem Buch aufgeschrieben, das in diesem Jahr auf Englisch erschien: "China Cuckoo - How I lost a fortune and found a life in China" - "Wie ich ein Vermögen verlor und ein Leben in China fand".

Denn Mark zog sich nicht ganz freiwillig auf den Berg zurück: Der Gründer von erfolgreichen Großstadt-Magazinen wie "That's Shanghai", die Informationen für in China lebende Ausländer bieten, sah sich vor ein paar Jahren von der chinesischen Obrigkeit und einigen seiner Manager gnadenlos ausgebootet und praktisch um die Existenz gebracht.

Im September 2004 sei er plötzlich aus seinem Büro in Shanghai ausgesperrt worden, berichtet Mark. Stattdessen habe drinnen ein Beamter des Staatsrates den 50 Mitarbeitern erklärt, dass es illegal sei, wenn sie weiter für ihren Chef arbeiten würden. "An einem einzigen Tag wurde mir alles genommen", sagt Mark. Zwar focht der Engländer dann vor Gericht um die Kontrolle über sein Unternehmen, aber im vergangenen Jahr wurde seine Klage in einem äußerst bizarren Verfahren abgewiesen.

Luxus für Shanghai-Bewohner

Der Medien-Tycoon reagierte indes anders, als manche frustrierte Ausländer es in ähnlicher Lage vielleicht getan hätten: Er floh mit seiner Familie nicht verbittert aus dem Reich der Mitte, er entschied sich vielmehr für eine Art inneres Exil, für Moganshan.

Und hier, in dieser Mischkultur aus chinesischer Dörflichkeit und westlichem Ferienparadies, schloss Mark, der auch fließend Chinesisch spricht, inneren Frieden mit seinem Gastland.

Schon deshalb ist Mark auch ein höchst verständnisvoller Reiseführer für alle Wochenend-Urlauber, die auf Moganshan neue Energie suchen für den zähen Alltag in der Weltfabrik und den beruflichen Überlebenskampf im Kapitalismus mit "chinesischen Kennzeichen".

Zugegeben, wer direkt vom Ausland, gar vom Harz oder dem Schwarzwald, nach China reist, wird in Moganshan wenig Aufregendes finden. Doch wer unter der Woche in Shanghai lebt, wird hier fast alles als Luxus empfinden: das satte Grün, das saubere Quellwasser, die frische Luft.

Aber den eigentlichen Reiz bieten natürlich die alten Ausländer-Villen, von denen viele noch leer stehen. Sie sind teilweise von Bambus überwuchert, wie verwunschene Schlösser. Auch die einstige Kirche, die einst frei auf dem Berg thronte, ist stark zugewachsen; sie dient jetzt als Lager und Tischler-Werkstatt.

Mark empfiehlt, Moganshan auf den alten steilen Steinpfaden zu erklimmen, die die Villen miteinander verbinden. Über fast jedes Haus weiß er eine Geschichte zu erzählen, zum Beispiel über das Anwesen von Victor Grosse, dem einzigen Russen, der ein Haus auf Moganshan besaß. Dessen Tochter heiratete in der alten Kirche 1922 den russischen Generalkonsul der nordchinesischen Stadt Harbin. Auf bunt dekorierten Sänften ließen sich die Vermählten über die Bergpfade tragen; allerdings starb die Braut wenige Jahre später an Scharlach.

Und einmal störte gar ein Mord den exklusiven Urlaubsfrieden auf Moganshan: Im Jahr 1912 wurde der Manager des örtlichen Ladens, er hießt R. J. Felgate, erschlagen - der Täter war offenbar der Tischler, der für seine Arbeit nicht bezahlt worden war. Aber manchmal muss auch Mark passen: Was zum Beispiel geschah mit der Villa "Moganshan Nr. 210", an die nur noch ein steinernes Tor erinnert mit der Inschrift "Haus Bergfriede, Laurenz"?

Eintritt fürs Urlauber-Dorf

Das heutige Moganshan fasziniert auch, weil es eben kein reines Ausländer-Ghetto mehr ist, sondern Chinas Aufstieg auch architektonisch widerspiegelt: Einige Villen künden schon mit ihren blauen Fenstern und prächtigen Anbauten von den heutigen chinesischen Bewohnern.

Gleichwohl bemühen sich die lokalen Behörden, den exklusiven Charme von Moganshan zu bewahren. Am Eingang zu dem Urlauber-Dorf kassieren sie ein für chinesische Verhältnisse stattliches Eintrittsgeld von umgerechnet acht Euro.

Die Einheimischen sind Mark bislang dankbar, dass er immer mehr westliche Touristen nach Moganshan lockt. Die Chinesen brauchen Ausländer wie ihn, um an die Historie des Berg-Idylls anzuknüpfen, aber natürlich wollen sie selbst die Regie über alles behalten.

Nun hofft Mark, dass er langfristig seine zweite Existenz in China behalten darf, seinen Berg-Frieden auf Moganshan.



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