SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

26. Februar 2003, 04:58 Uhr

Monterey Bay Aquarium

Qualle im Goldrahmen

Einst war die Ölsardine ihr Schicksal: In ihren Boomzeiten galt Monterey als die "Sardinenhauptstadt" der USA. Heute ist die Stadt an der kalifornischen Küste Standort des weltberühmten Monterey Bay Aquariums - statt Fisch in der Dose gibt es Quallen hinter Glas.

Zum Greifen nah: Die Wunderwelt des Meeres hinter Glas im Monterey Bay Aquarium
GMS

Zum Greifen nah: Die Wunderwelt des Meeres hinter Glas im Monterey Bay Aquarium

Monterey - Hinter der größten Scheibe Amerikas liegt der offene Ozean: Acht Zentimeter dickes Acrylglas trennen den hellblauen Lebensraum metergroßer Thunfische, Schildkröten und Hochseehaie von den Besuchern. Die Szenerie erscheint unwirklich, so als hätte jemand das Meer einem Pudding gleich aufgeschnitten und ein Vier-Millionen-Liter-Stück aus seiner Mitte - sechs Meter hoch, 18 Meter breit - in einen dunklen Saal gestellt. "Outer Bay" heißt dieses größte Becken des Aquariums, gelegen in Monterey in Kalifornien - einer Stadt, die das Meer einst fütterte, später hungern ließ und der es nun wieder zu einem guten Geschäft verhilft.

"Unsere Becken sind eine lebendige Verlängerung der Bucht", erklärt Steve Johnston vom Monterey Bay Aquarium bei einer Führung hinter den Kulissen. "Wir zeigen ausschließlich Tiere von hier." Bunte Korallenriffe werden Besucher daher nicht sehen, dafür aber Becken mit rund 70 verschiedenen Arten an Meerestieren - von winzigen Nacktschnecken über Seesterne und Meerohren bis hin zu großen Tiefseehaien und Seeottern.

Die Bucht von Monterey liegt direkt vor dem Aquarium. In einem großen Bogen spannt sie sich 32 Kilometer weit von hier bis nach Santa Cruz im Norden - in der Mitte durchschnitten von einer Unterwasserschlucht, die bei Moss Landing fast an den Strand reicht und bei einer Tiefe von bis zu 3600 Meter den Grand Canyon klein erscheinen lässt. Die Nährstoffe, die dort aus der Tiefsee hochgespült werden, versorgen eines der artenreichsten Meeresgebiete der Welt, das eine Vielzahl an Fischen, Walen, Delfinen und Robben beherbergt.

"Straße der Ölsardinen": Das Denkmal John Steinbecks in der Cannery Row
GMS

"Straße der Ölsardinen": Das Denkmal John Steinbecks in der Cannery Row

Von Lebewesen aller Art scheint das Meer hier fast überzuquellen - und dem Besucher auf den Leib zu rücken. Wenn morgens um fünf die Sonne über den Hügeln auf der anderen Seite der Bucht aufgeht, sind die Seelöwen, die den Pier am nahen Hafen bewohnen, schon lange wach - und die Touristen auch, die das hohle Bellen der Tiere um den Schlaf gebracht hat. Silbermöwen machen sich mit lautem Gezeter auf den Balkons breit und übersäen Tische und Stühle mit weißen Flecken, vor dem Ufer treiben Seeotter rücklings in den Wogen.

In den Jahrzehnten vor dem Zweiten Weltkrieg galt Monterey als "Sardinenhauptstadt" der USA. Täglich entluden die Boote hier ihre silbrige Fracht, die in den Konservenfabriken quasi vergoldet wurde. Die Stadt stank nach Fisch und Öl, doch sie war wohlhabend. Dann änderte sich plötzlich das Bild. Die Bestände waren überfischt, die Fänge blieben aus, und Monterey versank in Agonie. Der Ort wurde wieder das Kaff, das er vor dem Boom gewesen war.

Vom Meer umschlungen. Die Halbinsel von Monterey ist attraktiv für Meeressüchtige über und unter Wasser
GMS

Vom Meer umschlungen. Die Halbinsel von Monterey ist attraktiv für Meeressüchtige über und unter Wasser

Heute hat sich die Stadt wieder mit dem Meer versöhnt - auch Dank David Packard (1912 bis 1996). Der Mitbegründer des Technologieriesen Hewlett-Packard ließ das Aquarium für rund 55 Millionen Dollar auf dem Gelände einer ehemaligen Fischfabrik bauen. Im Oktober 1984 öffnete das Monterey Bay Aquarium seine Pforten. 2,4 Millionen Besucher kamen allein im ersten Jahr. 1996 entstand für 57 Millionen Dollar der neue Flügel mit der Hochsee-Ausstellung.

Neben dem Hochseebecken "Outer Bay" beeindruckt vor allem der Algenwald: Vom Grund bis zur Oberfläche wächst dort der Seetang hinter den Scheiben, das Sonnenlicht wird durch die drei Stockwerke hohen Fenster grün und blau gefiltert. "In jeder Minute pumpen wir 7500 Liter Seewasser durch das Bassin", sagt Steve.

Vom Dach des Aquariums fällt der Blick auf das alte Zentrum der Stadt und auf Cannery Row, die "Straße der Ölsardinen", welcher der Schriftsteller John Steinbeck einst ein literarisches Denkmal setzte. Hier ließ Steinbeck in den Boomjahren den Taugenichts Mack, seine Kumpel und den verschrobenen Meeresbiologen "Doc" im Kramladen des Chinesen Lee Chong anschreiben und bei Dora im Puff die Zeit totschlagen. Heute ist Cannery Row eine Touristenmeile, ein Disneyland an der Waterkant. Wo früher Fisch verarbeitet wurde, wird jetzt Sea-Food serviert. Vor den Schnellrestaurants stehen Angestellte in Hummerkostümen für Schnappschüsse bereit, die Souvenirshops bieten maritimen Nippes an.

Entlang der Küste ist es stiller: Vor allem die Halbinsel von Monterey mit den Orten Pacific Grove, Carmel, der Millionärskolonie Pebble Beach und der Privatstraße 17-Mile-Drive lädt mit ihren Stränden und wild-romantischen Felsbuchten zum Bummeln ein. Bei Ebbe dösen schwarz-weiß gepunktete Seehunde auf den Felsenkuppen bei Lovers Point oder Stillwater Cove. Zum Baden ist das Wasser des Pazifiks mit höchstens 16 Grad im Sommer allerdings zu kalt.

Pacific Grove auf der Monterey Halbinsel: Wenn das Meer zum Baden zu kalt ist, kann man es wenigstens auf Leinwand bannen
GMS

Pacific Grove auf der Monterey Halbinsel: Wenn das Meer zum Baden zu kalt ist, kann man es wenigstens auf Leinwand bannen

Auch bei Tauchern haben die stillen Buchten der Halbinsel einen guten Ruf. Garantieren sie doch einen leichten Einstieg in den Algenwald und damit Erlebnisse der besonderen Art: Viel dichter als im Aquarium stehen die riesigen Unterwasserpflanzen im Meer zusammen. Aus einer Tiefe von über 40 Metern wachsen sie - gezogen von luftgefüllten Auftriebsblasen - empor zur Oberfläche, wo sie einen dichten Teppich aus Blättern bilden.

Die neueste Attraktion des Aquariums hat dagegen Tiere zum Thema, die meist nicht beachtet werden: Quallen. "Wir konzentrieren uns hier auf die künstlerische Seite der Tiere, weniger auf die Wissenschaft", erklärt Steve. Besucher, die Quallen meist nur als glibbrigen Wackelpudding vom Strand her kennen, sollen die wässrigen Tiere neu erleben: Als grazile Lebensformen aus einer driftenden Welt ohne Wände. Die Schaubecken haben golden bemalte Holzrahmen - als handle es sich bei den Wassertieren um die Werke der alten Meister im Louvre von Paris.

Von Arnd Petry, gms

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung