Motorradtour in Dsawchan Ritt zu den Mongolen

Jörg Reuther

Noch immer sind die Seen von Eis bedeckt, die Nomaden beziehen gerade ihr Sommerlager: Michael Martin geht auf Fotoexpedition im entlegenen Westen der Mongolei.

Am Morgen unserer ersten Zeltnacht empfängt uns Dsawchan mit einem doppelten Regenbogen, der sich über einen weißen Stupa auf einem Hügel spannt. Die Landschaft mit ihren grünen Hügeln und idyllischen Tälern erinnert mich an meine frühere Modelleisenbahn. Kaum ein Baum oder Strauch durchbricht die Monotonie der Steppe, die nach einem harten Winter im Juni zu neuem Leben erwacht.

Am Vortag standen wir am Ende einer Teerstraße, gut tausend Kilometer westlich der mongolischen Hauptstadt Ulaanbaatar. In einem rot angestrichenen Haus aus Wellblech bekommen Lastwagenfahrer eine Suppe; eine Piste führt weiter nach Süden in die Stadt Uliastai. Wir folgen einer einzelnen Spur nach Südwesten, um die Region Dsawchan im entlegenen Westen der Mongolei kennenzulernen.

Zur Person
  • Elfriede Martin
    Michael Martin, 1963 geboren, ist Diplom-Geograf und renommierter Wüstenfotograf. Der Münchner hat seit seinem 17. Lebensjahr 150 Wüstenreisen unternommen und darüber mehr als 20 Bücher veröffentlicht, darunter auch "Die Wüsten der Erde" und "Planet Wüste". Martins neues Projekt: ein Porträt des Planeten Erde.
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Ich bin auf meinem Motorrad unterwegs und werde von meinen Freunden, dem Fotografen Jörg Reuther und dem Filmer Lars Böhnke, in einem Furgon begleitet. Baljir steuert den unverwüstlichen Geländebus russischen Fabrikats, die Mongolin Bolormaa ist unsere Übersetzerin.

Es wird bereits dunkel, als wir an einem teilweise noch gefrorenen Fluss auf eine Jurte stoßen, die von Vater und Sohn bewohnt wird. Wir fragen, ob wir auf einer Wiese am Fluss unsere Zelte aufschlagen dürfen. Von unserer Übersetzerin erfahren wir, dass die Jurte erst seit zwei Tagen hier steht.

Das Winterhalbjahr verbrachten die Nomaden mit ihren Yaks, Pferden, Ziegen und Schafen in Winterlagern, die mit ihren Steinwällen und ihrer erhöhten Lage einen gewissen Schutz vor der eisigen Kälte bieten. Erst wenige Tage zuvor haben die meisten Viehzüchter ihr Winterlager verlassen und ihre Herden auf Pferden zum Frühlingsplatz getrieben.

Drei Kinder studieren, ein Sohn hilft mit

"Wir werden vier Wochen hier bleiben", erzählt auch Vater Gankhuyag Naidan, "bevor wir ins höher gelegene Sommerlager weiterziehen. Und im Spätherbst ziehen wir dann wieder ins Winterlager." Gankhuyag klagt, dass er bereits zweimal fast alle Tiere im Zuud, in besonders kalten und trockenen Wintern, verloren habe.

Fotostrecke

16  Bilder
Fotograf Michael Martin unterwegs: Regenbogen über Stupa

"Beide Male konnte ich die Herde wieder neu aufbauen, heute haben wir wieder 700 Tiere" erzählt er stolz. "Drei meiner Kinder studieren in Ulaanbaatar, nur mein ältester Sohn unterstützt mich." Vorsichtig frage ich nach seiner Frau und erfahre, dass diese als Putzfrau in der Schule des Verwaltungszentrums Uliastai arbeite. Nur so könnten sie in guten Zeiten die Ausbildung der Kinder finanzieren und in schlechten überleben.

Nach dem politischen Umbruch Anfang der Neunzigerjahre hatte der Nomadismus in der Mongolei einen Aufschwung erlebt. Als die sowjetisch geprägten Strukturen zusammenbrachen und die wirtschaftliche Not groß war, besannen sich viele Mongolen ihrer langen nomadischen Tradition. Sie kehrten auf die Weiden zurück, die bis heute in Staatsbesitz sind.

Dann kam der Bergbauboom. Viele Nomadenfamilien gaben das harte Leben unterwegs auf, um in den Minen Geld zu verdienen. Nach einem Korruptionsskandal wiederum wurden viele bereits vergebene Konzessionen annulliert, derzeit steckt der Bergbau in der Krise. Und wieder ist die Rückkehr zur Viehzucht für viele Mongolen eine Option.

Erkundung per Fotodrohne

Wir verabschieden uns am nächsten Morgen von Gankhuyag und halten uns gen Westen. Dauernd teilen sich die Fahrspuren, die Orientierung gelingt aber mit GPS und digitalen Karten, die auch die Topografie wiedergeben. Unser Ziel ist der See Char Nuur, den nicht einmal Baljir, der Fahrer unseres Geländebusses, kennt.

Tief hängende Wolken und Schneeschauer beeinträchtigen die Sicht. Der heftige Wind teilt immer wieder die Wolken und gibt den Blick auf den noch weit entfernten See frei. Im letzten Licht erreichen wir das Ufer. Zu meinem Erstaunen ist der See immer noch zum großen Teil zugefroren. Schwäne gleiten zwischen Eisfläche und Uferlinie über offenes Wasser.

Nach einer Zeltnacht lassen wir bereits kurz nach Sonnenaufgang unsere Fotodrohnen aufsteigen. Auf den Monitoren sehen wir, dass die Eisfläche eine Insel umschließt, deren Hügel von Dünen überweht sind. Das Aufeinandertreffen von Sand und Eis ist nur in der Mongolei zu finden. Da kein naher Ozean für Temperaturausgleich zwischen Winter und Sommer sorgt, folgt auf einen langen, extrem kalten Winter ein kurzer heißer Sommer - Geografen sprechen von Kontinentalität.

Wir halten uns vom See Char Nuur aus nach Norden und kommen zunächst gut voran. Doch dann schieben sich Dünen in das Tal und blockieren die Piste. Jetzt hilft nur noch, den Luftdruck der Reifen zu reduzieren und Gas zu geben. Immer wieder müssen wir das Motorrad aus dem Sand befreien, dann haben wir das Dünengebiet bewältigt und finden einen schönen Lagerplatz.

Hotel ohne Waschbecken

Nächstes Etappenziel ist Tudewtei, ein sogenannter Sum. Die Planwirtschaft der 70-jährigen sowjetischen Herrschaft prägt bis heute noch viele Strukturen im Land. Die größte Verwaltungseinheit ist der Aimag, zum Beispiel die Region Dsawchan mit dem Aimag-Zentrum Uliastai. Meist nur wenige Hundert Einwohner dagegen haben die sogenannten Sums, wo es Läden, kleine Restaurants, Werkstätten und einfachste Unterkünfte gibt.

Es sind noch einmal 70 Kilometer zum Sum Songino, das sogar ein Hotel besitzt. Die Zimmer bieten Schutz vor der nächtlichen Kälte und eine Steckdose zum Laden der Akkus, aber mehr auch nicht. Die einzige Toilette des Hotels ist ein Holzverschlag auf dem Hof, ein Waschbecken oder ein Restaurant gibt es nicht.

Am nächsten Abend bauen wir trotz Kälte und Wind gerne wieder unsere Zelte auf. Wir haben inzwischen den Aimag Dsawchan verlassen und sind im Aimag Uws. Dort liegen die schönsten Seen der Mongolei.

Der nächste Blog über die Mongolei-Fahrt von Michael Martin folgt in den kommenden Tagen.



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10 Leserkommentare
nadennmallos 14.06.2019
ambulans 14.06.2019
razer 14.06.2019
Papazaca 14.06.2019
ambulans 14.06.2019
Simmons 14.06.2019
Papazaca 14.06.2019
flammermann 14.06.2019
susiwise 14.06.2019
Papazaca 15.06.2019

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