Wahnsinn am Mount Everest Herzstillstand am Gipfel, Tod am Hillary Step

"Tod. Massensterben. Chaos": In dieser Saison sind bereits doppelt so viele Bergsteiger am Mount Everest gestorben wie im vergangenen Jahr. Manche Alpinisten verbringen zu viel Zeit in der Todeszone.

ANN/ picture alliance

Ganz kurz vor seinem Tod hatte sich der Traum von Don Cash erfüllt. Der Bergsteiger stand auf dem Gipfel des höchsten Berges der Welt, als er das erste Mal zusammenbrach.

Der 8848 Meter hohe Mount Everest war der Letzte der legendären Seven Summits, der ihm noch fehlte. So werden die jeweils höchsten Berge der sieben Kontinente bezeichnet - nahezu jeder ambitionierte Hochalpinist träumt davon, diese Gipfel einmal im Leben zu besteigen. Auch der 55-jährige Cash aus Utah - so beschreibt es eines seiner vier Kinder später auf Facebook.

Der US-Amerikaner ist Teil einer Todesserie, die in den vergangenen Tagen am Everest das Leben von inzwischen zehn Bergsteigern gefordert hatte, zählt die Zeitung "The Himalayan Times" auf. Die jüngsten Opfer seit Beginn der Klettersaison waren ein Ire und ein Brite, beide starben oberhalb von 8000 Metern beim Abstieg. Weitere zehn Alpinisten kamen am Lhotse, dem Annapurna und anderen Achttausendern des Himalaya um.

Vergangenes Jahr starben am Mount Everest in der gesamten Saison fünf Menschen, dieses Jahr liegt die Zahl der Toten schon doppelt so hoch. Die Saison läuft gewöhnlich Anfang April langsam an. Dann reisen die ersten Bergsteiger in die Region und wandern vom nächstgelegenen Flughafen etwa eine Woche lang zum Basislager. Dort gewöhnen sie sich an die Höhenluft und steigen anschließend zu noch höher gelegenen Lagern am Berg auf. Von etwa Anfang bis Ende Mai versuchen die Bergsteiger dann, eines der wenigen Wetterfenster abzupassen.

20 Stunden auf der letzten Etappe zum Gipfel

Aber dieses Jahr gab es wegen schlechter Bedingungen weniger Tage, an denen man den Aufstieg wagen konnte. Denn um den Gipfel zu erreichen, braucht es perfekte Bedingungen - geringe Windgeschwindigkeiten und kaum Schneefall.

Und schon einige Gipfeltage weniger haben dramatische Folgen: Auf dem Weg nach oben herrscht Stau in der Todeszone. Fotos auf der Internetseite Explorersweb zeigen Bergsteiger am Seil, die aufgereiht wie an einer Perlenkette stehen und kaum vorwärts kommen. Der dazugehörige Augenzeugenbericht eines kanadischen Bergsteigers klingt wie aus einem Horrorfilm. "Tod. Massensterben. Chaos. Warteschlangen. Leichen auf dem Weg und im Camp 4", so berichtet es Elia Saikaly. Er habe versucht, Bergsteiger zum Umdrehen zu bewegen, die später gestorben seien. Menschen seien niedergerissen worden, er musste über ihre Körper steigen

Auch der Brite Nirmal Purja hatte kürzlich den Andrang mit seinen Fotos dokumentiert. Er schätzt, dass am Mittwoch mehr als 300 Bergsteiger auf einmal auf dem Grat zum Gipfel des Berges standen. "2019 hören wir Horrorgeschichten über Besteigungsversuche, die vom Südsattel bis zum Gipfel 10, 12 oder sogar 14 Stunden benötigen", schreibt der Everest-Chronist Alan Arnette auf seiner Webseite. "Aufgrund der Staus dauert die Rückkehr zum Südsattel noch mal sechs Stunden - also zusammen 20 Stunden, das ist verrückt."

Für manche ist das zu viel. Jede Minute mehr in der sogenannten Todeszone oberhalb einer Höhe von 7000 Metern erhöht die Wahrscheinlichkeit, unter der Höhenkrankheit zu leiden. Sie beginnt meist mit Schwindel, Konzentrationsschwächen und Kopfschmerzen. Später drohen lebensgefährliche Ödeme. Wer erste Anzeichen spürt, sollte sofort in geringere Höhen absteigen. Doch für die Everest-Alpinisten, die im Bergsteigerstau stehen, ist das nicht möglich, oder der Abstieg kommt zu spät.

Wissenswertes zur Höhenkrankheit
Höhenkrankheit
Die Höhenkrankheit (Acute Mountain Sickness, AMS) ist eine Reaktion des Körpers auf Höhen über 2500 Metern. Dort nehmen Sauerstoffgehalt und Luftdruck rapide ab. Wenn der Körper nicht genug Zeit hat, sich auf die geringe Sauerstoffversorgung einzustellen, können schwerwiegende Symptome die Besteigung behindern. Der Mensch ist allerdings dazu fähig, sich an gewisse Höhen anzupassen. Diese sogenannte Akklimatisierung ist vor allem für mehrtägige Wanderungen in große Höhen obligatorisch. In der sogenannten Todeszone ab etwa 7000 Metern aber kann sich der Körper nicht mehr regenerieren.
Symptome
- schwerer Kopfschmerz
- schnelle Atmung / Atemlosigkeit / Atemnot bei Anstrengung
- Leistungsabfall / Müdigkeit
- Herzrasen und schneller Puls
- Schlaflosigkeit
- Appetitlosigkeit
- Übelkeit mit Erbrechen
- Schwindel / Gangunsicherheit / Benommenheit / Konzentrationsschwäche
- reduzierte Harnmenge / Ausscheidung von dunklem Harn
- Druck auf der Brust
Risiken
Missachtet man die Symptome der Höhenkrankheit, kann das schwerwiegende Folgen haben: Ignorieren Bergsteiger die Alarmsignale des Körpers, riskieren sie zum einen schwere Bergunfälle. Zum anderen drohen Höhenlungenödem oder Höhenhirnödem, also das Einlagern von Wasser in Lunge oder Gehirn. Diese können schnell zu einer lebensbedrohlichen Situation führen.
Vorbeugung
Der Körper kann sich an Höhen bis zu 5500 Metern meist gut anpassen. Ab einem längeren Aufenthalt auf mehr als 2500 Metern ist eine ausreichende Akklimatisierung zwingend erforderlich. Durch Aufenthalt und Eingehtouren in Höhen ab 3000 Metern bildet der Körper Erythrozyten und erhöht Atem- und Herzfrequenz. Die Akklimatisierung ist dabei individuell verschieden und unabhängig von der körperlichen Fitness. Wichtig dabei ist es, langsam aufzusteigen. Die Faustregeln: Nicht mehr als 300 bis 500 Höhenmeter pro Tag ("not too high too fast"), die Schlafhöhe sollte unter der maximalen Tageshöhe liegen, viel trinken.
Behandlung
Lassen die Symptome der Höhenkrankheit nicht nach, muss sofort zügig abgestiegen werden. Dabei sollte man den Oberkörper möglichst aufrecht lagern. Medikamente können bei der Behandlung der Symptome helfen, doch ist Vorsicht geboten: Denn sie lindern zwar die Symptome, führen aber auch dazu, die Anzeichen von Höhenkrankheit zu unterschätzen. In extremen Höhen greifen Bergsteiger oft zu künstlichem Sauerstoff.
Info
Österreichische Gesellschaft für Alpin- und Höhenmedizin: www.alpinmedizin.org
Deutsche Gesellschaft für Berg- und Expeditionsmedizin: www.bexmed.de

So viele Genehmigungen wie noch nie

Seit Jahren spielt sich jeden Mai das gleiche Drama am Everest ab. Alpinisten, Tourunternehmen und Nepals Politiker diskutieren immer wieder, wie der Wahnsinn am Sehnsuchtsberg der Bergsteiger bekämpft werden könne.

2017 führte die Regierung ein Besteigungsverbot für behinderte und doppelt amputierte Bergsteiger ein; Nepals höchstes Gericht hob dieses wieder auf. Die neuen Regeln hatte allerdings auch Solobesteigungen und Permits für über 75-Jährige verboten und schrieben einheimische Guides und Erfahrung auf mindestens Siebentausendern vor. Zu wenig, lautete die Kritik.

Tod im Himalaya: Das Mount-Everest-Problem

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Naheliegender wäre es, den Stau am Berg durch eine geringere Zahl von Aufstiegsgenehmigungen zu regulieren. In diesem Jahr wurden allerdings laut der "Himalayan Times" 381 erteilt - so viele wie noch nie. Der Grund: Für das Land und die Sherpa ist der Everest-Tourismus eine wichtige Einnahmequelle. Ein Guide ernährt mit seinem Einkommen viele Familienmitglieder.

Umgerechnet rund 9800 Euro müssen ausländischen Bergsteiger für eine Lizenz bezahlen. Dazu kommen erhebliche weitere Kosten für weitere Gebühren, für Ausrüstung, Flüge und die Bezahlung der einheimischen Bergführer. Die wenigen Minuten auf dem höchsten Gipfel der Welt kosten so manchen Kletterer bis zu umgerechnet 90.000 Euro. Ein Problem dabei: Den zunehmend kommerziellen Expeditionen schließen sich auch Bergsteiger mit nur wenig Vorerfahrung an - mit einem hohen Risiko für sie, aber auch für ihre Führer.

Tote wird es also vorerst weiterhin geben. Und sicher kannten die meisten die Gefahr - auch Cash. Er wird auf dem Gipfel von den Sherpas, die in begleiten, wiederbelebt. Aber beim Abstieg können ihm auch seine Begleiter nicht mehr helfen. "Nahe des Hillary Step stürzte er erneut. Er schien höhenkrank zu sein", sagte einer seiner beiden Sherpas. Am Hillary Step hatte er zwei Stunden im Stau warten müssen, in denen es nicht weiter abwärts ging. Cashs Leiche liegt noch immer auf dem Mount Everest.

Anmerkung der Redaktion: Das Zitat des kanadischen Bergsteigers Elia Saikaly haben wir in einer früheren Version dieses Artikels ungenau übersetzt und jetzt präzisiert.

joe/abl/AP/dpa



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