Full Circle Everest Expedition beim Training am Mount Rainier im US-Bundesstaat Washington
Full Circle Everest Expedition beim Training am Mount Rainier im US-Bundesstaat Washington
Foto: Full Circle Everest Expedition

Erstes schwarzes Everest-Expeditionsteam »Wir alle mussten viele Hindernisse überwinden«

Die Everest-Saison steht bevor. In diesem Jahr macht sich eine Expedition, an der nur schwarze Bergsteiger und Bergsteigerinnen teilnehmen, zum höchsten Gipfel der Welt auf. Sie wollen nicht nur einen sportlichen Erfolg erzielen.
Von Oliver Schulz

Die diesjährige Everest-Saison beginnt. Rund ein Dutzend Teams sind auf dem Trek durch die Khumbu-Region auf dem Weg ins Basislager oder bereits dort angekommen. Im Mai – sobald sich die Bergsteiger und Bergsteigerinnen akklimatisiert haben und sich ein Wetterfenster für die Besteigung des höchsten Berges der Welt öffnet – werden sie sich über die Südseite auf zum Gipfel machen.

Mit dabei: die erste Expedition, an der ausschließlich Schwarze teilnehmen. Das elfköpfige »Full Circle Everest Team«  unter Leitung des US-Alpinisten Phil Henderson will nicht nur einen sportlichen Höhepunkt bewältigen, sondern auch den Blick dafür schärfen, dass schwarze Menschen im Alpinismus deutlich unterrepräsentiert sind.

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Full Circle Everest Team: Zehn aus den USA, einer aus Kenia

Foto: Evan Green

Die Zahlen machen es am Everest besonders deutlich: »Bis heute haben rund 10.000 Menschen den höchsten Berg der Erde bestiegen«, schreibt Henderson, dessen Team sich schon im Basislager auf 5400 Meter Höhe befindet, per E-Mail. »Doch nur neun davon waren Schwarze, etwa aus Südafrika, Tansania und Jamaika. Die erste schwarze Amerikanerin auf dem Gipfel war Sophia Danenberg 2006.«

Henderson, 58, aufgewachsen in Kalifornien, ist seit fast 30 Jahren im Outdoorbereich aktiv. 2013 bestieg er als zweiter Afroamerikaner den Denali in Alaska, 2018 leitete er eine rein afroamerikanische Expedition auf den Kilimandscharo. Am Everest war er bereits 2012 mit einer US-amerikanischen Mannschaft, musste aber wegen eines Lungenödems umkehren. Drei Mitglieder seines aktuellen Teams sind Frauen, alle sind US-Bürger und -Bürgerinnen, bis auf den kenianischen Kletterer und Expeditionsunternehmer James Kagambi.

»Adventure Gap«: Natur den Weißen vorbehalten

In den USA ist der geringe Anteil schwarzer Menschen im Alpinismus schon lange ein Thema. Der US-amerikanische Journalist James Edwards Mills nennt das Phänomen »Adventure Gap« – die Abenteuerlücke. Er führt es vor allem auf die bis heute vorhandene sozioökonomische Benachteiligung afrikanischstämmiger Nordamerikaner als Folge des Rassismus zurück.

Zudem sei die Natur in den USA immer den Weißen vorbehalten gewesen. Für sie sei die Wildnis ein Ort der Erholung gewesen – für die Schwarzen dagegen oft ein Ort der Angst: Etwa, so sagt er, weil viele während der Sklaverei auf den Feldern arbeiten mussten. Aber auch, weil während der Rassentrennung in den USA immer wieder Schwarze in Nationalparks ermordet wurden.

Red Bull TV zeigte 2021 einen zweiteiligen Film zu dem Thema: In »Black Ice« reisen die Mitglieder einer Kletterhalle aus Downtown Memphis in die gefrorene Wildnis von Montana, um mithilfe von Ausbildern Eisklettern zu lernen. Zwei von ihnen, Manoah Ainuu und Fred Campbell, sind nun Full-Circle-Teammitglieder.

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Mangelnde wirtschaftliche Möglichkeiten seien ein besonders wichtiger Faktor für den geringen Anteil schwarzer Menschen im Bergsport, meint auch Alpinist Henderson: »Finanzen sind ein großes Hindernis für schwarze Familien. Viele können es sich schlicht nicht leisten, die Kosten für alpinistische Programme und die Zeit ohne Arbeit auch ohne familiäre Verpflichtungen aufzubringen.« Ein wichtiger Grund dafür seien auch die im Bergsport vergleichsweise hohen Ausgaben für die Ausrüstung.

Das Missverhältnis zwischen Schwarzen und Weißen am Berg habe zudem viel mit Rollenmodellen zu tun: »Der mangelnde persönliche Bezug zu Outdooraktivitäten wie Bergsteigen und Klettern ist auch eine Frage der fehlenden Vorbilder.« Es gibt eben nur wenige bekannte schwarze Alpinisten. Hinzu komme oft das fehlende gesellschaftliche Umfeld, um im Alpinismus aktiv zu sein, so Henderson: »Selbst wenn jemand das Geld hat, um Bergsteigen zu betreiben – dann fehlt ihm oft der Zugang zu Programmen, die ihm helfen, den Sport auszuüben, den Bezug dazu zu vertiefen, sich weiterzuentwickeln.«

Unter den Folgen ihrer Unterrepräsentation litten schwarze Alpinisten bis heute. »Wegen der geringen Anzahl aktiver schwarzer Bergsteiger, auch wegen der geringen Anzahl von Guides und Ausbildern ist es oft sehr unangenehm für sie. Jedes Mitglied unseres Teams hat oft die Erfahrung gemacht, der einzige schwarze Kletterer oder Bergsteiger zu sein.«

Im Team dabei: Kletterhallenbesitzerin, Soziologe, Mathematiker

Im Team sind einige Ausbilder und Ausbilderinnen: Das gilt etwa für Manoah Ainuu. Als Neunjähriger zog er mit seiner Familie von Los Angeles nach Spokane, Washington, und lernte dort Outdoorsport kennen. Er ist unter anderem diverse Routen im Yosemite Park geklettert und leitet heute Kletterzentren für Jugendliche in Atlanta und Memphis.

Teammitglied Frederick Campbell hat sich seit seiner Jugend für Abenteuersport ebenso begeistert wie für Mathematik. Er hat einen Doktortitel in Statistik und klettert seit zehn Jahren durch Schnee, Eis und Fels. Abby Dione hat Schlagzeilen gemacht als einzige queere schwarze Frau, die in den USA eine Kletterhalle führt: das Coral Cliffs Climbing Gym in Fort Lauderdale, Florida. Adina Scott hat einen Doktortitel für Elektrotechnik und engagiert sich als Outdoorlehrerin in einer Bergschule.

Eddie Taylor ist Chemielehrer an einer Highschool. Er hat Teamleiter Henderson beim Gassigehen in einem Hundepark in Ouray, Colorado, kennengelernt, als der sein Team zusammenstellte. Rosemary Saal ist eine hauptberufliche Outdoorpädagogin, die aus Seattle stammt und jetzt in Tucson lebt. Der Fotograf und Filmer Evan Green lebt in New Mexico.

Der kenianische Kletterer James »KG« Kagambi, ist Besitzer von KG Mountain Expeditions mit Sitz in Naro Moru am Mount Kenya und der erste schwarze Afrikaner, der 1989 den Denali bestieg. Desmond »Dom« Mullins ist Soziologe und Irak-Kriegsveteran aus New York. Thomas Moore ist ein Unternehmer aus Georgia, den seine erste Expedition zufällig auf den Gipfel des Kilimandscharo führte, als ein Platz frei wurde.

Deutlich weniger ausländische Bergsteiger am Everest

Über Rassismus im Alpinismus wird besonders seit der »Black Lives Matter«-Bewegung diskutiert. Das betrifft etwa die Namen von Kletterrouten – auch in Europa. So wird nicht nur in einschlägigen US-Foren die Umbenennung der »N*-Wall« im kalifornischen Owens Valley verlangt. Auch um den »N* mit dem Knackarsch« im Frankenjura oder die Sportkletterwand »Bimboland« im Klettergebiet Kochel am See ist eine Debatte entbrannt. Daran, dass es in den Expeditionskadern des Deutschen Alpenvereins bisher nicht eine einzige schwarze Person gibt, hat sich indes bis heute nichts geändert.

Natürlich sei der höchste Gipfel der Erde das Ziel seiner Expedition in diesem Jahr, so Phil Henderson. Aber auch, jene Vorbilder für schwarze Menschen im Bergsport zu liefern, die bisher fehlten: »Wir alle mussten viele Hindernisse überwinden, um an diesen Punkt zu gelangen. Jetzt möchten wir, dass die Menschen erfahren, dass es diesen Aufwand wert war. Und es so für die nächste Generation leichter machen.«

Die Chancen stehen gut, dass die Full Circle Everest Expedition in diesem Mai erfolgreich sein wird. Zumal mit rund 250 Genehmigungen deutlich weniger ausländische Bergsteiger am Everest sind als im vergangenen Jahr oder auch in der Katastrophensaison 2019, in der zahlreiche Kletterer aufgrund eines Staus am Berg starben. Zudem haben Berichten zufolge die Sherpas , die den Weg zum Gipfel vorbereiten, im gefürchteten Khumbu-Eisbruch diesmal nur vier Leitern gelegt, statt wie sonst bis zu mehrere Dutzend. Die Passage in diesem Bereich könnte ungewöhnlich einfach sein.

Auch Covid-19-Erkrankungen seien anders als im vergangenen Jahr, als das Virus auf der nepalesischen Seite des Everest wütete,  bisher kein Thema, so Hendersons Meinung. Verbreitet sei nur der übliche »Khumbu Cough« – gemeint sind gereizte Atemwege aufgrund der Höhe.

Nepalesisches Basiscamp am Mount Everest (Mitte April 2022): Nur rund 250 Gipfelgenehmigungen erteilt

Nepalesisches Basiscamp am Mount Everest (Mitte April 2022): Nur rund 250 Gipfelgenehmigungen erteilt

Foto: TASHI LAKPA SHERPA / AFP

Das erste komplett schwarze Team am höchsten Berg der Welt wird von Himalaya Asuka Treks & Expedition unterstützt, einem Anbieter aus Kathmandu. An der zuletzt immer schärfer geführten Diskussion, ob westliche oder nepalesische Anbieter am Everest die sicherere Adresse seien, wolle er sich nicht beteiligen, schreibt Henderson: »Was ich sagen kann, ist, dass ich den vergangenen Jahren mit vielen Sherpas zusammengearbeitet und gesehen habe, wie ihre Fähigkeiten und Erfahrung gewachsen sind. Nach meinem Empfinden resultiert Sicherheit am Berg daraus, dass alle Teams zusammenarbeiten und miteinander kommunizieren – statt zu konkurrieren oder einander zu kritisieren.«