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Mount Everest: Hubschrauber-Rettung am Achttausender

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Everest-Bergführer Garrett Madison "Die Hubschrauber waren unsere einzige Option"

Bergführer Garrett Madison war mit 14 Kunden am Mount Everest, als die Erde bebte und Lawinen abgingen. Er berichtet von Abzocke bei der Hubschrauber-Rettung - und erhebt Vorwürfe gegen die nepalesische Regierung.
Zur Person
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Der Profibergsteiger Garrett Madison, 36, lebt in Seattle, USA. Er ist Gründer und Chef der Firma Madison Mountaineering , die Expeditionen an den berühmtesten Bergen der Welt anbietet, am Kilimandscharo, am Aconcagua oder am K2. In den vergangenen sieben Jahren führte Madison 37 Bergsteiger auf den Gipfel des Mount Everest.

SPIEGEL ONLINE: Das Erdbeben in Nepal hat am Mount Everest eine gewaltige Lawine ausgelöst. 19 Menschen kamen dadurch im Basislager ums Leben. Sie waren als Expeditionsleiter am Berg unterwegs, wie haben Sie das Beben erlebt?

Garrett Madison: Ich führte ein Team von 14 Bergsteigern an. Wir befanden uns auf 6200 Metern Höhe, auf einem Abschnitt, der sich Tal des Schweigens nennt. Wir waren unterwegs ins Lager 2, als wir plötzlich diesen schrecklichen Lärm hörten. Ich dachte: Das ist das Ende der Welt. Ich habe schon ein paar Lawinen und Eisabbrüche miterlebt. Aber das war hundertmal schlimmer. Ich fühlte, wie sich der Gletscher unter mir bewegte. Auf und ab, als würdest du in einem Aufzug fahren. Dann kamen die ersten Lawinen von oben.

SPIEGEL ONLINE: Wie nah waren Sie an den Lawinen?

Madison: Wir befanden uns an einer relativ sicheren Stelle, aber ein paar Bergsteiger aus meiner Gruppe wurden von der Druckwelle erfasst und umgerissen. Zum Glück wurde niemand verletzt. Wir sind dann schnell nach oben ins Lager 2, dort waren wir erst mal sicher. Am nächsten Tag erfuhren wir, dass die Schneemassen das Basislager zerstört haben und unsere Teamärztin dabei ums Leben gekommen ist.

SPIEGEL ONLINE: Ein Albtraum.

Madison: Ich war wie gelähmt, musste aber gleichzeitig einen Weg finden, die Teilnehmer meiner Expedition sicher zurückzubringen. Ich wusste zunächst nicht, wie das gehen soll.

Im Video: Die Lawine am Mount Everest

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SPIEGEL ONLINE: Das Erdbeben und die Lawine hatten die Route durch den Khumbu-Gletscher, ein Eisfeld in 5500 Metern Höhe, zerstört. Dieser Teil der Strecke ist sonst mit Aluleitern und Seilen präpariert.

Madison: Das wurde alles weggerissen. Der Weg nach unten war abgeschnitten, wir waren am Berg gestrandet. Es gab einige Nachbeben, eines davon hatte die Stärke 6,7. Die Gletscher bewegten sich immer wieder. Alle hatten große Angst. Wir entschieden dann, ins Lager 1 abzusteigen und uns von dort mit dem Hubschrauber evakuieren zu lassen. Mehr als hundert Leute wurden mit dem Helikopter abgeholt: Sherpas, Köche und Bergsteiger.

SPIEGEL ONLINE: Wie war die Atmosphäre in Lager 1?

Madison: Die Stimmung war gereizt, jeder wollte so schnell wie möglich runter, es gab einen Ansturm auf die Hubschrauber. Die Frage war: Was ist, wenn es einen Wetterumschwung gibt und die Helikopter nicht mehr fliegen können? Dann sitzt du im Lager 1 fest. Bei allen gingen langsam die Vorräte zur Neige.

Unglück am Everest: Am Khumbu-Gletscher war der Rückweg versperrt

Unglück am Everest: Am Khumbu-Gletscher war der Rückweg versperrt

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SPIEGEL ONLINE: Ist so ein Rettungsflug teuer?

Madison: Eigentlich nicht. Aber die Hubschrauberfirma will uns jetzt 12.000 Dollar pro Flug in Rechnung stellen. Das ist zehnmal so viel wie üblich. Der Flug ins Basislager hat vier Minuten gedauert. Es ist mies, dass die Firma aus unserer Notlage Profit schlagen will.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie den Preis nicht vorab verhandelt?

Madison: Das habe ich versucht. Ich sprach mit der Firma über Funk. Ich sagte: Der Flug wird nicht mehr als 500 Dollar pro Person kosten, oder? Die Antwort war: Nein, macht euch keine Sorgen um den Preis.

SPIEGEL ONLINE: Werden Sie bezahlen?

Madison: Wir verhandeln noch. Besser gesagt: Wir streiten noch.

SPIEGEL ONLINE: Reinhold Messner bezeichnete die Evakuierung als Zwei-Klassen-Rettung. Die Nepalesen bräuchten nach dem Beben dringender Hilfe als wenige reiche Bergsteiger, sagte er.

Madison: Sehen Sie: Wir haben vor der Saison eine Abmachung mit der nepalesischen Regierung getroffen. Jeder Bergsteiger musste 600 Dollar bezahlen, damit ein Team die Route durch den gefährlichen Khumbu-Eisfall präpariert. Nach der Lawine ist dieses Team aus dem Basislager abgereist. Sie kümmerten sich nicht darum, die Route zu reparieren. Die Hubschrauber waren unsere einzige Option. Wie hätten wir sonst runterkommen sollen?

SPIEGEL ONLINE: Nun haben die Expeditionsfirmen die Saison abgesagt.

Madison: Niemand möchte etwas so Egoistisches wie eine Besteigung machen, wenn gerade eine solche Tragödie passiert ist. Außerdem wäre es kaum möglich, jetzt noch auf den Gipfel zu kommen. Es würde vier Wochen dauern, die Route zu reparieren und alle Fixseile zu legen. Wir sind zu spät dran, im Juni wird das Wetter schlechter.

SPIEGEL ONLINE: Bereits voriges Jahr wurde die Saison abgesagt, nachdem eine Lawine 16 Sherpas getötet hatte. Ist es an der Zeit, den Everest zu schließen?

Madison: Das wird nicht passieren, das Geschäft wird 2016 weitergehen. Viele Expeditionen werden in Zukunft auf die Nordseite des Everest wechseln...

SPIEGEL ONLINE: ...dieser Teil des Berges liegt in China...

Madison: Ja, die chinesischen Behörden arbeiten verlässlicher als die nepalesischen. Die Nordroute wurde für diese Saison ebenfalls geschlossen. Die Behörden haben für die Bergsteiger Rückflüge von Lhasa nach Kathmandu organisiert und auch die Kosten dafür übernommen. Die Chinesen managen den Everest wie Profis. Nepals Regierung behandelt den Berg wie ein gestohlenes Auto, das man für eine Spritztour nutzt und dann stehen lässt.

SPIEGEL ONLINE: Werden Sie im kommenden Jahr auch versuchen, über die Nordseite aufzusteigen?

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Mount Everest: Die Saison ist vorbei

Foto: DPA/ Azim Afif

Madison: Ich plane eine Expedition, ich weiß aber noch nicht, auf welcher Seite. Ich will zurück zum Everest. Ich muss zurück. Ich kann so nicht aufhören.

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