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Extrembergsteiger Ueli Steck: Touren mit Tempo

Foto: uelisteck.ch

Everest-Besteiger Ueli Steck "So viele Leute am Berg, das war wirklich krass"

Gipfelsturm ohne Fixseile und Flaschensauerstoff: Extrembergsteiger Ueli Steck war in diesem Jahr einer der Ersten, die den Mount Everest bestiegen. Der Schweizer über den Massentourismus am höchsten Berg der Welt - und warum ihn eine falsche Entscheidung fast das Leben gekostet hat.

SPIEGEL ONLINE: Herr Steck, Glückwunsch zu Ihrem Erfolg am Mount Everest ohne Sauerstoff aus der Flasche! Wie war's?

Steck: Ich habe es genossen, so mag ich Bergsteigen. Am Gipfeltag hatten wir perfektes Wetter, die Bedingungen waren sensationell. Das größte Problem war nur: Wie kommen wir um die vielen Leute rum?

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie und Ihr nepalesischer Kletterpartner Tenzing das geschafft?

Steck: Normalerweise ist der Aufstieg für die Bergsteiger gesperrt, wenn die Sherpas die Fixseile zwischen dem Süd-Col auf 7906 Metern und dem Gipfel verlegen. Dafür haben sie das gute Wetter am 17. Mai genutzt. Wir haben gefragt, ob es ihnen was ausmacht, wenn wir schon hochlaufen - und es war okay. Mit uns war nur noch eine chilenische Gruppe auf dem Gipfel, es war ein phantastischer Tag.

SPIEGEL ONLINE: Der Mount Everest ist berüchtigt für große Müllmengen und bezahlten Massentourismus - wo liegt für Sie der Reiz der Besteigung?

Steck: Den Everest ohne Sauerstoffflasche zu schaffen ist immer noch eine große Herausforderung. Das Drumherum muss man akzeptieren, das Rad der Zeit lässt sich nicht zurückdrehen. In der Schweiz gibt es viele Leute, die sich über Heliskiing beklagen. Die sollten einfach nicht auf die Berge gehen, an denen das erlaubt ist - es gibt tausend andere Möglichkeiten.

SPIEGEL ONLINE: Sind am Everest zu viele Menschen unterwegs?

Steck: So viele Leute an einem Berg habe ich noch nie gesehen, das war wirklich krass. Ich habe immer gedacht, am Matterhorn sind schon viele Bergsteiger. Aber am Mount Everest ist es noch extremer.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass die tödlichen Unfälle dieser Saison auch mit dem Massenansturm zu tun haben? Immerhin mussten einige Bergsteiger stundenlang in der Todeszone über 8000 Metern quasi im Stau stehen.

Steck: Die genauen Unfallursachen kann ich nicht beurteilen, ich war nicht dabei. Aber Unfälle basieren immer auf Fehlentscheidungen. Jeder kann entscheiden, wieder abzusteigen, wenn er in einen solchen Stau kommt. Wenn ich am Gotthard-Tunnel im Stau stehe, steht es mir ja auch frei, an der nächsten Ausfahrt rauszufahren. Das Problem ist, dass unerfahrene Bergsteiger das Risiko nicht einschätzen können.

SPIEGEL ONLINE: Bei einer Lawine im Hochlager III hatten aber auch Sie als Bergprofi großes Glück.

Steck: Wir hatten dort ein Zelt aufgebaut, dann aber doch nicht dort übernachtet und sind höher gestiegen zum nächsten Lager am Süd-Col. In den Morgenstunden zerstörte eine Lawine das Zelt. Im Nachhinein war es eine Fehlentscheidung von mir, das Zelt dort aufzubauen.

SPIEGEL ONLINE: War es also absehbar, dass dort eine Lawine abgehen würde?

Steck: Darüber war ein Sérac, ein überhängender Turm aus Gletschereis. Ich dachte, wenn der abbricht, geht die Lawine rechts am Lager vorbei. Da habe ich mich verschätzt. Es war Glück, dass nichts Schlimmeres passiert ist und wir nur ein Zelt verloren haben. Das Risiko, dass etwas schiefgeht, muss man akzeptieren, wenn man auf solche Berge steigt.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es im Basecamp eine Art Zweiklassengesellschaft - hier die Profi-Bergsteiger, dort die Amateure, die ohne Bergführer keine Chance hätten?

Steck: Ich empfinde mich nicht als etwas Besseres, weil ich ohne Sauerstoffflasche unterwegs bin. Jeder hat seinen eigenen Antrieb, auf diesen Everest hochzukommen. Aber es ist auch klar, dass ich mich nicht mit einem Quasi-Nicht-Bergsteiger stundenlang über die Gefahren im Khumbu-Eisfall unterhalte. Der kann das sowieso nicht beurteilen. Einige der Leute, die den höchsten Berg der Welt besteigen, würden es allein auf keinen Sechstausender schaffen.

Das Interview führte Stephan Orth

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