Basiscamp am Everest: Fälle von Covid-19
Basiscamp am Everest: Fälle von Covid-19
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PRAKASH MATHEMA / AFP

Mount Everest Zahl der Coronainfektionen im Basislager steigt

Ausgerechnet im Coronajahr hat Nepal so vielen Bergsteigern wie nie zuvor den Everest-Aufstieg genehmigt. Im Basislager werden immer mehr mit Covid-19-Verdacht ausgeflogen.
Von Antje Blinda

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Wer in diesem Jahr auf dem höchsten Gipfel der Welt stehen will, nimmt einiges auf sich. Allein für das Permit der nepalesischen Regierung werden 11.000 Dollar fällig. Vor allem aber die Pandemie macht die ohnehin schon risikoreiche Expedition auf den Mount Everest noch gefährlicher. Sars-CoV-2 hat das Basislager auf 5364 Meter Höhe längst erreicht.

Der Norweger Erlend Ness war der erste Fall, der bekannt wurde. Er und ein Sherpa aus seinem Team wurden Mitte April nach Kathmandu geflogen, wo sie positiv getestet wurden. Inzwischen ist die Zahl der Bergsteiger mit Covid-19-Symptomen angestiegen, die in den Krankenhäusern der Hauptstadt eintreffen.

17 Coronafälle seien bestätigt, berichtet BBC, das habe Lhakpa Nuru Sherpa, ein Mitarbeiter der Himalayan Rescue Association, angegeben. »Wir haben jetzt Expeditionsteams gebeten, uns zuerst zu informieren, bevor sie ihre erkrankten Mitglieder ausfliegen, damit wir wissen, was los ist«, sagte er dem Sender.

Die Zahl der Menschen, die Covid-19-ähnliche Symptome wie anhaltenden Husten und Fieber zeigten, steige täglich, sagt der Arzt des Everest-Basislagers, Prakash Kharel, laut BBC. Von der nepalesischen Regierung gibt es bisher keine offizielle Stellungnahme, immer wieder dementieren Vertreter, dass es Coronainfizierte am Everest gebe.

»Die Coronasituation am Everest Base Camp ist ein totales Chaos«, schrieb die Bergsteigerin Gina Marie Han-Lee aus New York laut dem Blog des  Everest-Chronisten Alan Arnette . »Ich hatte keine Ahnung, in was ich da hineinflog. Es fühlte sich schwachsinnig an, überhaupt dort zu sein.« Sie flog mit einem Hubschrauber nach einem Tag wieder zurück nach Kathmandu, dort wurden bei ihr Covid-19 und eine Lungenentzündung diagnostiziert. »Ich habe vier Nächte auf der Intensivstation verbracht.«

Auf den »Chaos«-Beitrag reagierte Han-Lees Teammitglied Meghan Buchanan. Sie empfiehlt der New Yorkerin, nicht gerade im Pandemiejahr zum Everest zu kommen, wenn sie sich unsicher fühle. Buchanan wie auch das Team hätten zuvor entweder schon Covid-19 gehabt oder seien vor der Ankunft in Nepal geimpft worden. Es gebe »viele von uns hier auf dem Everest, die große Vorsichtsmaßnahmen getroffen haben und wachsam bleiben, um sich und andere vor Covid zu schützen«.

Nepal vergibt Rekordzahl an Everest-Permits

Bei dem Briten Steve Harris wurde am 20. April zunächst im Basislager ein Höhenlungenödem diagnostiziert – ein Coronatest wurde nicht durchgeführt. Abstand und Maskenpflicht seien im Base Camp nicht eingehalten worden, sagte er der britischen Zeitung »Daily Mail«. Erst nach ein paar Tagen im nahen Namche Bazaar kam er nach Kathmandu, wo der Test positiv ausfiel und er mit Lungenentzündung eine Woche auf der Intensivstation bleiben musste. »Ich wurde aus dem Krankenhaus entlassen, muss mich aber immer noch in einem Hotel isolieren, da ich immer noch positiv bin.«

Es seien einfach viel zu viele Leute am Everest dieses Jahr, schrieb die US-Amerikanerin Han-Lee. Tatsächlich hat die nepalesische Regierung eine Rekordzahl an Permits vergeben: 408 Bergsteiger sind für den Everest genehmigt, dazu kommen mehr als 120, die sich ebenfalls im Basislager aufhalten und die den benachbarten Lhotse anvisieren. Samt einheimischen Trägern, Köchen und anderen Expeditionsmitgliedern sollen sich zurzeit weit mehr als tausend Menschen dort befinden.

Zwar gelten auch an den Hängen des Himalaja Hygienemaßnahmen: An den Puja-Zeremonien dürfen nur wenige teilnehmen, die Expeditionsteams halten sich durch Seile auf Abstand, und Maskenpflicht gilt auch im Freien. Dennoch berichtete der Innsbrucker Veranstalter Lukas Furtenbach dem SPIEGEL, er habe bis zum Fall Ness in den sozialen Medien laufend Base-Camp-Partys, Menschenmengen in Innenräumen ohne jegliche Abstandsregeln sowie Einladungen zum Besuch in Camps beobachtet.

Schwierig ist es, den typischen Khumbu-Husten, unter dem viele Bergsteiger in der trockenen und kalten Höhenluft leiden, von Covid-Symptomen zu unterscheiden. »Man hört überall Leute husten«, sagte Furtenbach der BBC aus dem Basislager. »Aber das ist nicht nur der normale Husten, den Bergsteiger hier bekommen. Man kann erkennen, dass die Leute Schmerzen haben, und sie haben auch andere Symptome wie Fieber und Gliederschmerzen.« Die Expeditionsmitglieder des Innsbruckers würden regelmäßig von der Teamärztin getestet.

In der medizinischen Station des Lagers hingegen dürfen keine PCR-Tests durchgeführt werden, wie ein Arzt der International Society of Mountain Medicine (ISMM) am Samstag anonym bei Explorers.web berichtet.  Die Regierung verbiete dies. Die Expeditionsteams müssten selbst die nötigen Testkits mitbringen. »Der Khumbu-Husten und andere Atemwegserkrankungen können wie Covid aussehen, also behandeln wir grundsätzlich alle Fälle so, als ob sie Covid wären«, erzählt er. »Viele Bergsteiger sind im Moment in ihren Zelten isoliert. Auch Expeditionen isolieren sich und minimieren die Interaktionen mit anderen.«

Nepal streicht alle Flüge für zwei Wochen

Wer mit schweren Beschwerden per Helikopter nach Kathmandu geflogen wird, sieht sich einer immer dramatischeren Situation gegenüber. Denn dort werden die Krankenhausbetten sowie der medizinische Sauerstoff knapp, die Hauptstadt befindet sich bis mindestens Mittwoch im strikten Lockdown – da im Nachbarland Indien die Zahl der Infektionen ebenfalls rasch zunimmt. Zuletzt war fast jeder dritte Test in Nepal positiv, wie offizielle Daten des Gesundheitsministeriums zeigen. Demnach wurden in dem 30-Millionen-Einwohner-Land bei lediglich 14.900 Tests am Mittwoch etwa 4900 Neuinfektionen erfasst.

Auch wer aus der Situation in dem Himalaja-Land flüchten will, hat schlechte Chancen: Nepal hat angesichts zunehmender Infektionen Flugverbindungen für rund zwei Wochen gestrichen. Seit Montagnacht bis Freitag, 14. Mai, sollen alle Inlandsflüge sowie ab Mitte der Woche dann alle internationalen Verbindungen ausfallen, wie Kommunikationsminister Parbat Gurung am Montag sagte. Ausgenommen seien nur Charterflüge sowie humanitäre Flugdienste.

Arnette, der selbst an Covid-19 erkrankt war, verfolgt die Situation am Berg genau: Er denke nicht, dass Nepal den Everest schließen werde, schrieb er in seinem Blog vor knapp einer Woche: »Es geht um Stolz und darum, das Gesicht zu wahren. Immerhin hat der nepalesische Premierminister einmal gesagt, dass Nepal ein coronafreies Land ist.«

Am Mittwoch sieht er die Lage nicht mehr ganz so dramatisch: »Als klar wurde, dass sich Corona im gesamten Basislager ausbreitete, ergriffen die Teams Maßnahmen«, schreibt er. »Ich will die Situation nicht beschönigen, aber wenn ich direkt mit Bergsteigern und Bergführern im Basislager spreche, scheint sich der allgemeine Zustand zu verbessern.«

Die Teams am Everest jedenfalls sind weiter auf dem Weg zum Gipfel. Einige hätten bereits Lager drei auf fast 7000 Meter Höhe erreicht, schreibt Arnette. Das Wetter sei erstaunlich gut.

Mit Material von dpa
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