Nach den Terroranschlägen Die ersten Flüge in die Schuttwüste

Mehrere Tage war der US-Flugraum nach den Terrorakten für den Personenverkehr komplett gesperrt. Nun soll der Alltag beginnen. Doch die ersten Flüge nach New York sind alles andere als normal.


Die Skyline von new York nach den Terroranschlägen
AP

Die Skyline von new York nach den Terroranschlägen

New York - Tag vier nach dem Inferno von Manhattan. Die rund 260 Passagiere, die am Samstagmittag in Wien gestartet sind, sitzen nicht mit gefalteten Händen im Flugzeug, zumindest nicht alle. Aber still ist es, je näher New York kommt. Anspannung liegt in der Luft, nervöses Hin- und Herrutschen, als der Captain den Landeanflug auf den Flughafen John-F.-Kennedy ankündet.

Die Sicherheitsüberprüfungen in Wien waren mehr als gründlich. Detaillierte Fragen, genaue Kontrollen. Erst mit einer Stunde Verspätung kann der Flug Austrian Airlines 50, der Airbus A 320/200 "Großglockner", schließlich starten. Beschwerden gibt es nicht. Viele scheinen froh, dass sich durch die Kontrollen das etwas mulmige Gefühl zumindest ein wenig besänftigen lässt.

Drei Viertel der Passagiere sind Amerikaner, von ihnen wiederum weit über die Hälfte Bürger von New York. Sie alle versuchen seit dem Terrorangriff am 11. September zurück in ihre Heimat zu kommen. An diesem Samstag in Wien tritt an Gate A 7 neben die bei gemeinsam Gestrandeten auch sonst feststellbare Solidarität etwas ganz anderes: "Wir müssen zurück nach New York. Gemeinsam. New York kann es jetzt nur gemeinsam schaffen. Und - wir müssen diesen Ort jetzt sehen, diese Wüste! Nicht immer nur im Fernsehen", sagt eine Gruppe aus Brooklyn.

Skyline mit Loch

Nach knapp neun Stunden Flug ist sie dann plötzlich durch die Fenster zu sehen, die Skyline. Dort, wo einst die Zwillingstürme des World Trade Center standen, macht sich eine erschreckende Leere breit. Jeder, der einen Blick erhaschen kann, schaut dorthin, wo die Türme an den Himmel kratzten. Es ist, als ob dort ein Vakuum entstanden sei, das alle Blicke ansaugt, alle Gedanken schluckt. Noch immer hängt eine Rauchwolke über Lower Manhattan, als hätte eine der Schleierwolken am Himmel sich in der Höhe geirrt.

Bei der Landung auf JFK, wo sich sonst keine Hand rührt, dann tatsächlich tosender Applaus, wie bei einem Charterflug auf die Kanaren oder nach Mallorca. "Wir sind zurück!", gibt ein Passagier seine Freude Ausdruck, "was haben wir für ein Glück, wieder hier zu sein!" Im Gebäude: Gähnende Leere, vor allem an der Einwanderungskontrolle. Normalerweise drücken sich dort Hunderte zwischen den blauen Absperrbändern entlang. Heute dauert die Abfertigung einschließlich Zoll ganze sechs Minuten. Polizisten an jeder Ecke, abgestellte Trupps extra für die paar übrig gebliebenen Papierkörbe.

Solidarisch bis zum letzten

Angst vor diesem Flug? "Nein! Das ist doch das, was sie von uns wollen. Angst haben. Wenn es einen erwischt, erwischt es einen eben", sagt Passagier Arthur Birrows, Finanzberater aus New York und schiebt das Kinn vor. "Wissen Sie - das Land steht jetzt zusammen. Amerika und New York sind jetzt etwas, das sie vorher nicht waren: solidarisch bis zum letzten."

Eine andere Passagierin ist skeptischer: "Diese Solidarität wird nur von kurzer Dauer sein. Die Amerikaner müssen sich ja jetzt um Millionen Exemplare ihrer Flagge scharen, sie haben doch sonst kaum Gemeinsamkeiten." Die 64-Jährige, eine Frau mit einem Gesicht voller Falten, ist Deutsche mit amerikanischem Pass, war bis 1979 Stewardess und lebt seither in New York. Ob das ein besonderer Flug ist? "Unsinn. Was passiert, passiert."

Manhattan rückt näher. Der Qualm ist an vielen Stellen gelblich ausgefranst. Er steht noch immer wie eine Glocke über der Stadt. Eine Rauchsäule markiert den Ort, wo einst das Symbol für Amerikas Wirtschaftskraft stand. Vor den Tunneln Polizisten, dahinter links: Schuttlaster. Sie blockieren jede Straße, die in Richtung der "Ground Zero Zone" führt. Dahinter beginnt eine andere Welt: Manhattans Stein- und Schuttwüste.



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