Nahanni-Nationalpark in Kanada Wildwasser mit Wow-Effekt

Spektakuläre Canyons, wilde Einsamkeit: Eine Rafting-Tour im kanadischen Nahanni-Nationalpark ist ein Traum für jeden Paddler. Angst vor heftigen Stromschnellen sollte man hier allerdings nicht haben - für weiteren Nervenkitzel sorgen echte und falsche Schwarzbären.

Von Ole Helmhausen


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Nahanni River: Rafting für Unerschrockene
"Not bad, eh?" Tatsächlich: Schon der Anflug hatte es in sich. Ist das noch zu toppen? Liz und Alaina freuen sich über unsere Euphorie und klettern über die Säckestapel zur Ausstiegsluke. Soeben ist die mit Schwimmern ausgerüstete Twin Otter auf dem South Nahanni River oberhalb der Virginia Falls in Kanada gelandet, nun wird sie von den beiden Guides festgemacht.

Selten hat eine Outdoor-Exkursion einen derart furiosen Auftakt. Von Fort Simpson aus flogen wir zunächst in die Südwestecke der Northwest Territories. Am Ende stießen wir durch die graue Wolkendecke, und plötzlich breitete der Fluss seine ganze wilde Schönheit unter uns aus. Im Tiefflug folgten wir dem South Nahanni flussaufwärts, schwebten über eine urweltliche, dunkle, latent gewaltbereit wirkende Wildnis, fern und doch zum Greifen nahe.

Zuletzt touchierten wir die Gischtwolke der fast 100 Meter hohen Virginia Falls. Unter den Kufen das tobende Inferno, über uns der schönste je gesehene Regenbogen. Als Zugabe gab es dann noch eine haarsträubende Kurve, die uns beinahe senkrecht auf den Fluss hinabblicken ließ.

Es soll immer wieder Gäste geben, die gleich nach der Landung verkünden, dass sie nicht böse wären, wenn die Tour jetzt, noch bevor sie eigentlich begonnen hat, schon wieder zu Ende wäre. Und das, obwohl sie mehr als 5000 kanadische Dollar bezahlt haben.

Mekka für Paddler

Der South Nahanni River ist das Herzstück des Nahanni-Nationalparks. Von den Mackenzie Mountains an der Grenze zum Yukon Territory fließt er 580 Kilometer in südöstlicher Richtung über das Nahanni-Plateau, bis er bei der Dene-Siedlung Nahanni Butte in den Liard River mündet. Es gibt hier heiße Quellen, die gewaltigen Virginia Falls und vier aufeinander folgende Schluchten mit bis zu 1200 Meter hohen Wänden.

Die Flussufer sind so vielseitig, so spektakulär, dass der Park 1978 von der Unesco zum Weltnaturerbe befördert wurde. Heute führt jeder Paddler, der etwas auf sich hält, den South Nahanni auf seiner To-do-Liste.

Wir wollen in sieben Tagen den 180 Kilometer langen Abschnitt durch die Canyons bis nach Nahanni Butte bewältigen. Doch vorher müssen wir die gesamte Ausrüstung - zwei Rafts, Gestelle, Zelte und persönliche Habe in wasserdichten Säcken, Proviant in Fässern - um die Fälle herum zur gut 140 Meter tiefer liegenden Einstiegsstelle schleppen. Wir, vier Männer ohne Wildniserfahrung und in mittelprächtiger Verfassung, kriechen um 20 Uhr erschöpft in die Zelte. Liz und Alaina sind noch bis weit nach Mitternacht unterwegs.

Ablegen und festhalten

Am nächsten Morgen ist Showtime. Bis zu den Virginia Falls fließt der South Nahanni gemächlich durch ein breites Tal. Unterhalb der Fälle nimmt er jedoch Fahrt auf, von den Canyons und zahlreichen Stromschnellen dritten Grades beschleunigt. Die Strömung bekommen wir schon beim Sprung in die Gummiflöße zu spüren. Kaum sitzen wir, hat sie uns 50, 60 Meter flussabwärts getragen.

Das eiskalte, sedimenthaltige Wasser kaut sabbernd an den Booten. Liz und Alaina legen sich in die Riemen. Die Stromschnellen und stehenden Wellen im Fourth Canyon sind wegen der steilen Wände und scharfen Biegungen auch für erfahrene Guides eine Herausforderung.

Doch die beiden Frauen kennen den Fluss wie ihre Westentasche. Flink wird das Floß gedreht, der richtige Winkel gefunden, und dann ab durch rauschendes Wasser, das uns auf Wellenberge katapultiert und in den Tälern dahinter aus den Sitzen hebt. Schon jetzt sind wir froh, nicht in einem wackligen Kanu zu sitzen. Einmündende Bäche sorgen für zusätzliche Turbulenzen, doch spätestens nach dem Clear Water Creek haben wir den Bogen raus und balancieren die von allen Seiten auf uns einprügelnden Wellen geschickt aus.

Fitte Girl-Guides & schlappe Kerle

Zwischendurch bleibt sogar Zeit, den Canyon auf uns wirken zu lassen. Braun, grau und oft fast schwarz schießen seine Wände aus dem Wasser himmelwärts. Meist reicht die Sicht nur bis zur nächsten Biegung, der Himmel ist nur noch ein handtuchbreiter Streifen.

Sein schleifenreicher Verlauf macht den South Nahanni einzigartig. Schon vor über 500 Millionen Jahren mäanderte er hier durch eine damals tropische Ebene. Als sich später ringsherum die Berge erhoben, behielt er seinen Lauf bei und grub sich tiefe Canyons.

Von der letzten Eiszeit blieb der Ausschnitt, auf dem wir uns jetzt befinden, verschont. "Ihr reist durch eine der ältesten Landschaften des Kontinents", sagt Liz, während sie das Raft Richtung Ufer dreht. Die dünn bewachsene Kiesbank hinter dem Wrigley Creek ist unser erster Lagerplatz. Das Boot hat noch keinen Grund unter dem Boden, da klettert Liz flink über die Packsäcke, springt mit einem Riesensatz an Land und vertäut es an einem Baumstamm.

Spätestens hier wird klar: Wir Männer sehen auf dieser Tour vergleichsweise behäbig aus. Irgendwie passt dazu auch, dass wir beim Zeltaufbau zunächst nichts wiederfinden. Während Liz und Alaina längst die Küche aufgebaut, Feuer gemacht, die Rafts entladen und zwei der drei Gänge zubereitet haben, verbringen wir die Zeit mit orientierungslosem Herumstolpern auf harten Kieseln. Camp-Alltag will gelernt sein. Die Routine stellt sich erst später ein.

Wildnis im XXL-Format

Erst piano, dann ein langgezogenes Crescendo, dann fortissimo: Während der nächsten Tage auf dem Fluss zeigt sich, dass unsere Reise ähnlich strukturiert ist wie der Anflug. Je länger sie dauert, desto besser wird sie. Wir meistern die Tricky Currents, einen langgezogenen, das rechte Ufer begleitenden Whirlpool, der unsere Rafts fast stoppt, während der Fluss linkerhand scheinbar ungestört weiterfließt.

Highlights und Fotomotive überbieten einander in geradezu irrem Tempo. Da ist The Gate, ein 460 Meter hoher Felsen aus Karst und Kalkstein in einer engen Haarnadelkurve, der den Eingang zum 30 Kilometer langen Third Canyon bewacht. Dann das Farbenspiel im Third Canyon, dessen lange, vielfarbig gestreiften Steilhänge aus Schiefer, Sand- und Kalkstein wie psychedelische Land Art aussehen.

Abends am Lagerfeuer beobachten wir Schwarzbären, wie sie vom anderen Ufer aus die Lage peilen. Wir befolgen daraufhin gewissenhaft die Anweisung der Guides, Nahrungsmittel und Süßigkeiten nicht mit ins Zelt zu nehmen. Im Second Canyon entdecken wir schneeweiße Flecken über unseren Köpfen: Dall-Schafe, manche auf schmalen Felsvorsprüngen, die selbst für Profi-Kletterer eine Herausforderung wären.

Bad an der heißen Quelle

Das Beste aber bewahrt sich der South Nahanni bis zuletzt auf. Über ein Waschbrett namens George's Riffle geht es zwischen die 1200 Meter hohen Kalksteinfelsen des First Canyon. Ehrfurcht gebietende Schönheit umfängt uns, drückt uns an sich, nimmt uns den Atem. Schweigend treiben wir flussabwärts, durch schattige Biegungen zu immer neuen Überraschungen. Und in den Kraus Hotsprings, einem Becken heißer Quellen unmittelbar am Ufer, ergötzt uns ein traumhaftes Bad nach sechs Tagen ohne Dusche.

Nur ein paar hundert Besucher verzeichnet der Nahanni-Nationalpark im Jahr. Die meisten fliegen nur für ein paar Stunden ein, um die Virginia Falls zu sehen. Nur wenige gehen aufs Wasser. Und genießen es, mitten in einer mehrere 10.000 Quadratkilometer großen Wildnis zu kampieren und zu wissen, dass es nur das Lagerfeuer ist, das warm von kalt, geborgen von verloren und roh von gekocht trennt.

Ein guter Ort ist dies übrigens auch für Bären-Geschichten. Eine erleben wir während der zweiten Nacht. Um 2 Uhr morgen streicht etwas um die Zelte. Ein dicker Ast knackt, etwas schrammt die Außenhaut entlang. Typische Bärengeräusche. Dann schlägt es, tap tap tap, so kräftig auf das Vorzelt, dass sich das Gestänge verbiegt. Cool bleiben, schießt einem durch den Kopf, was tun, was tun, bloß keine Panik. Doch das ist, natürlich, leichter gesagt als getan.

Dann geschieht ein Wunder. Der Bär spricht. "Komm raus! Nordlicht!" Fluchend, aber erleichtert schält man sich aus dem Schlafsack.



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