Fish River Canyon in Namibia Vier Tage in der Schlucht

Der zweitgrößte Canyon der Welt liegt im Süden Namibias - und ist kaum bekannt. Eine Trekkingtour durch die bis zu 550 Meter tiefe Fischfluss-Schlucht führt zu Sandbänken, Wildpferden und einer kniffligen Frage.

Thomas Schmelzer

Von Thomas Schmelzer


Am ersten Morgen schmeckt der Haferbrei noch bestens. Leichte Vanillenote, pikante Rosinen, knackige Nüsse. Mit meinem kompostierbaren Wanderlöffel schlinge ich meine Portion in fünf Minuten hinunter und schlendere von unserem Lager aus zum Fluss.

Die ersten Sonnenstrahlen des Tages tauchen die hausgroßen Felsbrocken und den Puderzuckersand, der hier überall herumliegt, in seichtes Licht. Der Bach plätschert, und die Vögel zwitschern. Es ist ein Bilderbuchmorgen, ein wunderbar leichtes Klischee.

Mit zwei Freunden bin ich ins namibische Niemandsland gereist, ein paar Dutzend Kilometer hinter der Grenze zu Südafrika hat sich hier der zweitgrößte Canyon der Welt in die Erdkruste gefräst. Der Fish River Canyon ist eine riesige Furche, die sich durch den kargen Wüstenboden schlängelt. Insgesamt 160 Kilometer ist er lang, bis zu 550 Meter tief und manchmal fast 30 Kilometer breit.

Ein Großteil des Jahres ist die Schlucht für Besucher gesperrt. Die Sonne verwandelt den Canyon in dieser Zeit in einen Glutofen, und Springfluten brettern durch das Flussbett hindurch. Zwischen Mai und Mitte September aber ist der Zugang frei. Dann öffnet die Parkverwaltung einen 90-Kilometer-Abschnitt für Kleingruppen. Höchstens 40 Wanderer lässt sie gleichzeitig hinein.

Gelbe Wildblumenteppiche und schwere Rucksäcke

Wer zu den Auserwählten gehört, muss ein paar Sachen mitbringen: 17 Euro Naturschutzgebühr, ein ärztliches Fitnessattest - und etwas Risikobereitschaft. Denn Handy-Empfang gibt es hier nicht. Wem unten etwas zustößt, der kommt nur per Hubschrauber wieder raus. Ein teurer Spaß, wie uns Robin erzählt. Seine Frau sitzt seit zwei Tagen mit gebrochenem Knöchel im Canyon fest. Gerade hat er am Telefon die Luftrettung aus der Hauptstadt Windhoek bestellt - für 10.000 Euro.

Mit meinen zwei norwegischen Kumpels Eivind und Erik will ich trotzdem hinunter in die Schlucht. Vom Startpunk nahe Hobas wirkt der Canyon wie ein übergroßes, totes Labyrinth. Die ersten hundert Meter hangeln wir uns an Eisenketten entlang, dann springen wir über Felsstufen, Gestrüpp und Schotter Richtung Tiefe. Unten angekommen, ist es alles andere als tot. Gelbe Wildblumenteppiche überwuchern die Sandbänke neben dem Fluss, immer wieder schwirren Vögel vorbei und trinken ein bisschen Wasser aus dem Strom.

Für die nächsten Tage haben wir jede Menge Reis, Couscous, Trockenfrüchte, Haferflocken und Pasta in unsere Rucksäcke gepackt. Dazu Kaffee, Campingkocher, Schokoriegel und Reinigungstabletten für das plörrige Wasser. Verhungern werden wir nicht. Dafür zerren nun mehr als 15 Kilo an unseren Schultern.

"Ich merk nix", sagt Eivind nach den ersten Kilometern durch den feinen Sand. Die Canyon-Wände, die mal schroff in den Himmel ragen, sich ausdehnen und dann wieder zusammenziehen, geben noch eine gute Ablenkung ab.

Brennende Oberschenkel am dritten Morgen

Auf dem Papier hört sich die Wanderung ohnehin nach einem Spaziergang an: weniger als 20 Kilometer pro Tag, keine Steigungen, und in der Wandersaison herrschen angenehme 20 bis 25 Grad. Der Unterschied zu anderen Routen liegt im Detail. Mal stampfen wir im Schneckentempo durch den Sand, dann müssen wir Felsen erklimmen. Am kräftezehrendsten sind die Abschnitte, in denen Millionen handballgroße Flussbettsteine jeden Schritt zur Balanceübung werden lassen.

Nachts schlafen wir in unseren Schlafsäcken unter freiem Himmel. Das klingt romantisch - ist aber vor allem kalt. Die Temperaturen sinken teils unter fünf Grad Celsius. Und wer nicht aufpasst, findet beim Aufstehen einen faustgroßen Käfer im Schlafsack.

Am dritten Morgen wachen wir mit brennenden Oberschenkeln und Blasenfüßen auf. Der Puderzuckersand fühlt sich plötzlich an wie Schmirgelpapier, die Felsformationen stehen wie Hürden im Weg. Und der Haferbrei schmeckt nun so, wie das braune Flusswasser aussieht, das wir jeden Tag mit Chlortabletten verfeinern und gegen den Durst hinunterstürzen.

Aus beschwingtem Hüpfen ist ein stoisches Stampfen geworden. Jeder Gedanke dreht sich nur noch um den nächsten Schritt, die nächste Rast, die kommende Wegmarke. Das Hauptgesprächsthema ist die Frage, ob wir abends Reis, Couscous oder Spaghetti aufkochen sollen. Das kulinarische Highlight besteht aus Haselnussschokolade. Meine Schuhe haben sich mit Sand vollgesogen. Ich schimpfe. Doch im digitalen Zeitalter machen genau diese Mühen die Wanderung durch den Canyon aus.

Der Alltag ist ganz weit weg

Tagelang sehen wir keinen anderen Menschen, hinter jeder Schleife, die der Canyon schlängelt, wartet eine neue Überraschung. Alles reduziert sich auf die Felsen und uns. Der Alltag ist so weit weg wie die Millionen Sterne, die jede Nacht am Himmel leuchten.

Als wir bei Kilometer 70 ankommen, haben wir es fast geschafft. Ab hier ändert die Schlucht zum zweiten Mal ihr Gesicht. Die engeren Abschnitte vom Anfang machen endgültig den weiten, kargen Ebenen Platz. Die schroffen Felswände weichen kleineren Hügeln. Alles wirkt etwas weniger spektakulär, dafür werden unsere Schritte nun schneller.

Am letzten Abend sitzen wir wie immer am Feuer, und Eivind fragt nach drei Wörtern, die den Canyon beschreiben könnten. "Leuchtend", sagt er dann selbst, "anstrengend" und "schön". Wir alle drei haben die vier Tage Auszeit genossen. Nur auf den Haferbrei kann ich beim nächsten Mal verzichten.



insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
treime 15.07.2014
1. ...
Schade, das der Canyon überhaupt geöffnet wird. Namibia bietet nicht nur dort die völlige Ruhe vor dem Alltag. Nein, da müssen wieder Typen einen auf wichtig machen und da durchmarschieren, damit sie daheim mit Anzug und Krawatte in der Mittagspause prahlen können...
pumba 15.07.2014
2. Ein schöner Bericht.
Dieser Bericht beschreibt die Gegend sehr schön und macht Lust darauf, selbst mal hinzugehen. Schade, dass er so kurz ist. Ich würde das gerne noch etwas detaillierter lesen.
cj89 15.07.2014
3.
Ist doch ein schöner Reisebericht, etwas Außergewöhnliches, das ich sehr wahrscheinlich niemals selbst erleben werde. Aber der Bericht lässt den Weg miterleben! Und wenn Namibia diesen Canyon für diese Zeit öffnet, warum sollte man diese Natur nicht erleben dürfen? Da will mal wieder jemand einem anderen vorschreiben, was er zu tun und lassen hat. Ich fände es toll, von einem Kollegen so eine Geschichte zu hören! Aber vielleicht sind Sie ja einer der Neider ;-)!
ratio_legis 15.07.2014
4. Sehr inspirierender Bericht
Gut, dass der Zugang so umsichtig und maßvoll geregelt ist. Eine Begrenzung auf so wenige Wanderer findet sich kaum irgendwo auf der Welt! Gut, dass man dieses wunderbare Fleckchen Erde auch aktiv - und in rücksichtsvollem Umgang mit der Natur - erwandern und erfahren darf. Man denke nur an den Grand Canyon der, obgleich von unzähligen Menschen bereits betreten und durchmessen, nichts von seiner atemberaubenden Schönheit eingebüßt hat. Schade, dass es Leute gibt, die immer und überall das Haar in der Suppe suchen und mit ihrer nörglerischen und missgünstigen Art selbst den umsichtigsten Umgang mit der Natur schlecht reden wollen.
DieAntwort 15.07.2014
5. Notfall Helicopter in Namibia
Zitat von sysopThomas SchmelzerDer zweitgrößte Canyon der Welt liegt im Süden Namibias - und ist kaum bekannt. Eine Trekking-Tour durch die bis zu 550 Meter tiefe Fischfluss-Schlucht führt zu Sandbänken, Wildpferden und einer kniffligen Frage. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/namibia-wandern-durch-den-fish-river-canyon-a-980964.html
Der Besitzer des privaten Hubschraubers heißt Abe vd Merwe aus Windhoek und den Kontakt +264 811287256 oder abe@mtcmobile.com.na sollte sich jeder Namibiareisende merken. Es gibt in Namibia nur drei Hubschrauber die genug Reichweite UND Schubkraft haben Leute aus dem Canyon zu retten. Einer in Tsumeb (zu weit weg), einer von der Polizei (die Formalitäten dauern ewig und kostet Nam$ 65.000 (= 4.500 Euro) und den angesprochenen MD 500 Turbine von Herrn Abe, der normalerweise zur Wartung von Kommunikationsmasten im Gebirge eingesetzt wird. Er war wenige Stunden nach dem Anruf zur Stelle, rettete die Frau und seine Rechnung betrug im Übrigen Nam$ 38.000 (= 2.600 Euro) und nicht 10.000 Euro. Und da man verletzt da anders nicht rauskommt, wäre es wahrscheinlich selbst den Fantasiebetrag wert gewesen.
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