Naturwunder Sahara Die Ewigkeit wächst

Sanft geschwungene Dünen, endlose Kiesebenen, schwarz schillernde Vulkankrater: Die Libysche Wüste zählt zu den trockensten Regionen der Erde – und zu den faszinierendsten. Doch Naturwunder wie Seen im ewigen Sand und Kunstwerke wie die Jahrtausende alten Felsbilder sind akut gefährdet.

Von Florian Harms


Die Ewigkeit ist schwarz. Soweit das Auge reicht, glänzt der feine Aschesand in der grellen Sonne, nur einzelne Rußbrocken geben dem Blick einen Halt. Von diesem Ort ist alles Leben entflohen. Nur ein fauchender Westwind hält das Gefühl für die Kontur der Zeit wach, sonst ist alles endlos, öd und leer: der Boden, die Luft, der Raum. Wüsste man nicht, dass es Flüsse, Meere, Pflanzen gibt, man könnte beginnen, daran zu zweifeln. Hier scheint die Erde unbewohnbar wie der Mond. Unwillkürlich stellt sich ein Gefühl des Durstes und der Verlassenheit ein.

Der Untergrund steigt leicht an, führt an eine sanfte Kuppe – und dann liegt er dort plötzlich in all seiner majestätischen Schönheit: der Wau an-Namuus. Der Name des erloschenen Vulkans, des "Mücken-Kraters", mag profan sein, doch seine Gestalt scheint überirdisch. In einem fünf Kilometer breiten, schwarzen Kessel erhebt sich ein Kegel aus erkalteter Lava und einzelnen gelben Schwefelbrocken. Drum herum, inmitten des fluoreszierenden Aschesands, liegen vier anmutige Seen: tiefblau der eine, dunkelgrün ein anderer, rotgelb ein weiterer, hellblau der vierte. Im dichten Uferschilf zirpen Grillen, ein Schwarm weißer Blasshühner flattert durch die Lüfte. Mitten in der Wüste, im Südosten Libyens. Zwei beschwerliche Tagesreisen von der nächsten menschlichen Behausung entfernt.

Rund anderthalb Millionen Jahre sind vergangenen, seit der Vulkan ausgebrochen ist und seine Lava 25 Kilometer weit in die Wüste geschleudert hat. Die erkaltete Asche erstickte jedes Leben, sogar jene Kleintiere und winzigen Keime, die sonst dem ewigen Sand trotzen. Nur im Kessel konnte sich die Flora dank der Seen, die sich aus Grundwasser speisen, gegen das tote Gestein behaupten. Durchzogen von Algen und Mineralien, schimmern die Gewässer in unterschiedlichen Farbtönen. Unter dem Wüstensand schlummern riesige Mengen fossilen Wassers, das aus der letzten Eiszeit vor 20.000 bis 30.000 Jahren stammt. Mit Hilfe des 25 Milliarden US-Dollar teuren Bewässerungsprojekts "Großer Künstlicher Fluss" will Libyen das kostbare Nass abpumpen und in die Bevölkerungszentren leiten. Die erste Phase ist bereits in Betrieb.

300 Kilometer nordwestlich des Vulkankraters Wau an-Namuus gibt es keine Farben außer einer: dunkelgelb. Links, rechts, vorne, hinten – wohin man auch schaut: Die Erde ist eine dunkelgelbe Fläche aus staubfeinem Sand. Zumindest scheint es so. Weil es sich hier nicht an Konturen von Pflanzen oder Steinen festhalten kann, verliert das menschliche Auge im gleißenden Sonnenlicht seine Orientierung. Ein unheimliches Gefühl. Als Autofahrer erkennt man nicht mehr, ob man bergauf, bergab oder geradewegs auf eine steile Düne zu rast. Einige Reisende sollen so in den Tod gefahren sein.

Wiederum 400 Kilometer östlich, am Rande des Sandmeeres Ramlat Rabyaana, werfen die Dünen in der Abendsonne 30 Meter lange Schatten auf den orange schimmernden Sand. Der Wind verstummt, und die Stille legt sich wie eine Glocke über die sanft geschwungenen Dünen. Während am Firmament das von keinem künstlichen Licht getrübte Feuerwerk der Sternschnuppen beginnt, hört man nur noch ein einziges Geräusch: das Rauschen des eigenen Blutes in den Ohren.

Die Wüste wächst

Von Florian Harms und Lutz Jäkel erscheint in Kürze das Buch "Libyen. Land zwischen Wasser und Wüste". Christian Brandstätter Verlag, 69 Euro.

Von Florian Harms und Lutz Jäkel erscheint in Kürze das Buch "Libyen. Land zwischen Wasser und Wüste". Christian Brandstätter Verlag, 69 Euro.

Das ist die Wüste. Diese Landschaft kann die unterschiedlichsten Gestalten annehmen, und einige ihrer schönsten Formen offenbart sie in der Sahara, der mit neun Millionen Quadratkilometern Fläche größten Einöde des Erdballs. Seit sie sich vor etwa 5500 Jahren mehr oder weniger zu einer Vollwüste gewandelt hat, bedeckt sie den größten Teil Nordafrikas: 6000 Kilometer vom Atlantik bis zum Roten Meer und 2000 Kilometer vom Mittelmeer bis zur Sahelzone. Ihr trockenster Abschnitt trägt den Namen Libysche Wüste. In diesem rund zwei Millionen Quadratkilometer großen Gebiet, das neben dem Südosten Libyens auch den äußersten Westen Ägyptens und den Nordwesten des Sudans einschließt, fände ganz Westeuropa bequem Platz.

Die Region zählt zu den niederschlagärmsten der Erde. Manchmal fällt jahrzehntelang kein Regen, die Luftfeuchtigkeit liegt im unteren einstelligen Bereich. Im Sommer herrschen tagsüber Temperaturen von bis zu 55 Grad Celsius, nachts kühlt es stark ab, da es über der Sahara keine Wolkendecke gibt, von der die Wärme am Boden gehalten würde. So kommt es zu Temperaturschwankungen von bis zu 50 Grad, wodurch das Gestein nach und nach in immer kleinere Teile birst. Durch die Verwitterung von Schotter und Kies entsteht schließlich der Sand, der vom Wind fortgetragen wird und sich an Erhebungen in der Landschaft sammelt: die Geburtsstunde der Sanddünen.

Die Sandmeere sind wohl die bekannteste Gestalt der Sahara, obwohl sie nur 20 Prozent ihrer Fläche bedecken. In Libyen heißen sie Idhaan oder Ramla ("Sand"). Allein der Idhaan Mursuq im Westen des Landes ist so groß wie die Schweiz, die Ramlat Rabyaana im Osten ist kaum kleiner. Überwiegend zeigt sich die Wüste aber in anderen Formen, etwa Hochplateaus aus rotbraunem Fels und Schutt (Hamaada) oder schwarzen Basalt- und Lavawüsten (Hauruudsch), die nur unter größten Mühen zu durchqueren sind. Stundenlang hoppelt man in einem Geländewagen über die schwarzen Steinbrocken und legt dabei doch nur wenige Kilometer zurück. Am Abend kennt man jeden Einzelnen seiner Knochen. Die bei weitem größten Flächen der Sahara nehmen aber die Sarirs, ausgedehnte Feinkies-Tiefebenen ein, die in der Libyschen Wüste Tausende von Quadratkilometern groß sind. Tagelang kann man hier geradeaus fahren, ohne auch nur einem einzigen Menschen zu begegnen.

Touristen zerstören Felsbilder

An ihren Rändern werden die Trockengebiete jedes Jahr ein kleines Stückchen größer: Die zugleich faszinierenden und lebensfeindlichen Landschaften wachsen; in Libyen bedeckt die Wüste schon heute über 90 Prozent der Landesfläche. Begünstigt durch Überweidung und Klimawandel gehen durch die Desertifikation weltweit pro Jahr rund eine halbe Million Hektar fruchtbares Land verloren, eine Fläche doppelt so groß wie das Saarland. Um mehr Aufmerksamkeit auf die riskante Wüstenbildung zu lenken, haben die Vereinten Nationen 2006 zum Internationalen Jahr der Wüsten erklärt; auf Konferenzen und in Arbeitsgruppen suchen Experten nach Auswegen. Denn das Problem gefährdet weltweit die Lebensgrundlage von über einer Milliarde Menschen in mehr als hundert Staaten, der Verlust von Ackerland und Wasser resultiert in Armut, Hungersnöten sowie sozialen, wirtschaftlichen und politischen Spannungen. Auch Europa ist betroffen: Weil ihnen ihre Lebens- oder Erwerbsgrundlage abhanden kommt, drängen immer mehr Flüchtlinge gen Norden, derzeit vor allem aus Afrika.

Aber nicht nur die negativen Seiten der Wüste rückt die Uno ins Blickfeld, auch ihre Schönheit steht dieses Jahr besonders im Fokus – eine gefährdete Schönheit. Die schillernden Seen des Vulkans Wau an-Namuus sind ebenso von Austrocknung bedroht wie die kaum minder faszinierenden Mandara-Seen mitten in den Dünen des libyschen Sandmeeres Idhaan Ubaari: Traumlandschaften gleich, liegen die palmengesäumten Gewässer mitten in den Dünen.

Auch die bis zu 7000 Jahre alten Felszeichnungen im Akakus-Gebirge an der südlichen Grenze zu Algerien sind gefährdet – allerdings aus ganz anderen Gründen: Immer wieder kommt es vor, dass Touristen die roten, weißen und schwarzen Felsbilder, die kunstvolle Darstellungen von Jägern, Kriegern, Tieren und Alltagshandlungen zeigen, mit Wasser befeuchten, um die Farben "besser leuchten" zu sehen. Zurück bleiben blasse Konturen. Ob die Uno gegen diese Barbarei wirksam vorgehen kann, ist allerdings zu bezweifeln. Die Ewigkeit ist einfach zu groß, um all ihre Winkel überwachen zu können.



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