Neuer Musik-Trail Mississippi hat den Blues

Der Blues Trail führt Touristen durch das Mississippi-Delta zu den Pilgerstätten der "schwarzen Musik" - und auch nach Clarksdale. Dort, an einer Highway-Kreuzung, versprach Robert Johnson der Legende nach dem Teufel seine Seele, um besser Blues spielen zu können.


Clarksdale - Die Namen sind in aller Welt bekannt: John Lee Hooker, Muddy Waters, Sam Cooke und Ike Turner - sie alle hatten den Blues im Blut. Doch es gibt noch etwas anderes, das diese Sänger verband: Alle kamen aus dem Nordwesten des US-Bundesstaates Mississippi, aus dem "Delta" - einer flachen und im Sommer oft schwülen Landschaft voller Baumwollplantagen und Armut. Urlauber aus Europa besuchen diese Gegend in den Südstaaten eher selten. Musikfans aber pilgern schon seit langem auf den Spuren ihrer Idole in Kleinstädte wie Clarksdale, Indianola und Greenwood. Ein neuer Blues Trail, ins Leben gerufen von der staatlichen Blues-Kommission, soll das Interesse noch steigern.

Auf den ersten Blick wirkt die Kreuzung der Highways 49 und 61 wie so viele andere in den USA: Über dem Asphalt schaukeln die gelben Verkehrsampeln im Wind, an der Tankstelle nebenan stecken Autofahrer rasch ein paar Donuts in braune Papiertüten. Doch dies ist kein Platz wie jeder andere - das zeigen die drei großen blauen Blechgitarren an, die an einem Mast in der Kreuzungsmitte hängen.

Dieser Ort in Clarksdale symbolisiert "The Crossroads": jene Kreuzung, an der Robert Johnson dem Teufel seine Seele versprochen haben soll, damit er besser den Blues singen kann. Ob diese Legende stimmt - wer weiß das schon? Johnson starb 1938 als begnadeter Musiker in jungen Jahren. Und der Teufel lässt sich heute in Clarksdale nicht mehr blicken, obwohl es für ihn hier weiterhin viele "arme Seelen" zu holen gäbe. "Clarksdale und Umgebung ist die ärmste Region im ärmsten Staat der USA", sagt Panny Mayfield, eine Blues-Fotografin aus dem Ort.

Bis Ende 2009 soll es 140 "Blues Marker" geben

Immer wieder stehen kleine weiße Kapellen der Missionary Baptist Church zwischen den Mais- und Baumwollfeldern. Hier wurde und wird sonntags fleißig gebetet; Mississippi gehört zum "Bibelgürtel" in den US-Südstaaten. Zum Feiern und Tanzen aber kamen die Plantagenarbeiter einst an jedem Wochenende nach Clarksdale, und bis heute ist die Stadt eine gute Adresse dafür geblieben: Das Jukejoint-Festival im April und das Sunflower-Festival im August sind die Höhepunkte im jährlichen Veranstaltungskalender.

Flaches Land östlich des Mississippi: Die Region südlich von Memphis mit den Orten Clarksdale und Greenwood gilt als der Geburtsort des Blues
TMN

Flaches Land östlich des Mississippi: Die Region südlich von Memphis mit den Orten Clarksdale und Greenwood gilt als der Geburtsort des Blues

In und um Clarksdale hat die Mississippi Blues Commission mehrere "Blues-Marker" errichten lassen. Sie kennzeichnen Stationen des neuen Blues Trails, der sich durch den ganzen Staat zieht. Ende September gab es bereits 43 Marker. "Bis Ende 2009 sollen 140 fertig sein", sagt Luther Brown von der Delta State University in Cleveland, der ein Mitglied der Blues-Kommission ist. Jeder Marker erzählt eine Geschichte. Manchmal handelt sie von einzelnen Musikern, manchmal von besonderen Ereignissen.

"Einer der Marker erinnert zum Beispiel an den großen Deichbruch von 1927, bei dem hier viele Menschen starben und Tausende obdachlos wurden", sagt Brown. "Etwa 25 Bluessongs wurden darüber geschrieben. Vor Hurrikan 'Katrina' war das die größte Naturkatastrophe in der US-Geschichte." Wichtig sei der Kommission die historische Genauigkeit der Angaben, die auf den großen Metallschildern zu lesen sind.

Einer der Plätze in Clarksdale, vor denen ein "Blues Marker" in der Sonne glänzt, ist das "Riverside Hotel". Anfangs war das Gebäude ein Krankenhaus für Afroamerikaner, die Blues-Sängerin Bessie Smith starb hier 1937 an den Folgen eines Verkehrsunfalls. "Später, in den vierziger und fünfziger Jahren, haben Ike Turner und Bob Nighthawk hier eine Zeit lang gewohnt", erzählt Inhaber Frank L. Ratliff.

Blues - für viele noch die Musik des Teufels

Live-Musik ist aber nicht nur zu Festivalzeiten zu hören. Überall im Stadtzentrum gibt es Bars und Cafés, in denen am Abend Gitarren, Bässe und Schlagzeuge strapaziert werden. Einer der bekanntesten Treffpunkte ist der "Ground Zero Club", zu dessen Eigentümern der Schauspieler Morgan Freeman gehört. Der Name hat nichts mit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in New York zu tun: "Der Club hieß schon vorher so", erzählt der Miteigentümer Bill Luckett. "Die Definition von 'Ground Zero' ist 'Der Ort, an dem etwas beginnt'. Und das kann man von Clarksdale und dem Blues ohne weiteres behaupten."

Die Erben von Muddy Waters und John Lee Hooker heißen heute Big Jack Johnson, Robert Belfour oder "Super Chikan and the Fighting Cooks". Sie treten in Clarksdale regelmäßig in Clubs auf und sind auch in anderen US-Staaten als Blues-Musiker bekannt. Manchmal stoßen zu ihnen auch Künstler, die nicht erkannt werden wollen - wie beim Jukejoint-Festival im April der "Mississippi Marvel", ein Gitarrist, der nur hinter einem Vorhang in die Saiten griff. "Er soll ein Diakon aus einer Gemeinde sein", erzählt Panny Mayfield. "Und er will nicht identifiziert werden, weil Blues für viele Menschen noch immer vor allem die Musik des Teufels ist."

Entstanden ist der Blues im frühen 20. Jahrhundert als "schwarze Musik". Auf den Plantagen im Mississippi-Delta "gab es ein großes Publikum, das keinen Zugang hatte zu auf Platten aufgenommenen Stücken", erklärt Luther Brown. "Daher gab es ein großes Interesse an Live-Musik." Dieses Interesse ist heute noch da, aber die Zuhörer sind inzwischen andere: "Früher waren es weiße Clubbesitzer mit schwarzen Gästen, heute ist es umgekehrt", sagt der Lokalhistoriker Robert Birdsong. Seit es Funk und Rhythm'n'Blues gibt, sei der echte Blues für die meisten Afroamerikaner "ein alter Hut".

Wer mehr über die Geschichte des Delta-Blues erfahren will, hat mehrere Ausstellungen zur Auswahl: In Indianola eröffnete im August das B.B.King-Museum, das sich unter anderem mit Leben und Werk seines Namensgebers befasst. Nach Clarksdale ins Delta Blues Museum sind die Reste der kleinen Holzhütte gebracht worden, in der Muddy Waters seine Kindheit verbrachte. Sie stand in der Nähe von Clarksdale und wurde 1987 von einem Tornado beschädigt. Der ZZ-Top-Gitarrist Billy Gibbons baute danach aus den Trümmern des Hauses die "Muddywood Guitar", die ebenfalls im Museum gezeigt wird.

"Damals gab es keine andere Unterhaltung"

Wer auf dem "Blues Highway" 61 in Richtung Süden fährt, kommt bald nach Cleveland, wo etwas östlich der Stadt ein weiterer wichtiger Ort für Mississippis Musikgeschichte zu finden ist: Dockery Farms. Manche sagen, diese alte Plantage sei "der eigentliche Geburtsort" des Blues. "Früher lebten hier 2500 Leute", erzählt William Lester, Direktor der Dockery-Farms-Stiftung. "Abends standen dann 400 bis 500 Menschen zwischen den Holzhäusern und hörten den Musikern zu. Das Leben war hart in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts, und es gab damals keine andere Unterhaltung." Natürlich hat auch Dockery Farms längst einen "Blues Marker" bekommen.

Und Robert Johnson, der Mann, der dem Teufel seine Seele versprach? Auch zu ihm führt der Mississippi Blues Trail. Weil man es aber 1938 mit den Friedhofsbüchern nicht so genau nahm, gibt es rund um den Ort Greenwood gleich drei Grabstätten für den Gitarristen und Sänger - von seinem Ruhm wollten mehrere Kirchengemeinden profitieren. Die Blues-Kommission hat sich dann für eines der Gräber entschieden. Es liegt an der Little Zion Church nördlich von Greenwood und ist "die meistbesuchte Blues-Attraktion in der ganzen Stadt", wie Paige Hunt vom örtlichen Tourismusbüro sagt.

Johnsons Grab ist leicht zu finden: Es ist mit bunten Perlenketten geschmückt, eine angebrochene Flasche Gin steht neben dem Stein. "Das bringen Bluesfans hierher", sagt Hunt. Auch Besäufnisse am Grab sollen immer wieder vorkommen - irgendwie kein Wunder, wenn der Teufel seine Hand im Spiel hat.

Von Christian Röwekamp, dpa



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