Neuseeländische Südinsel Friedhof der Wale

Geheimtipp für Strandliebhaber, Todesfalle für viele Wale: Fast jedes Jahr verirren sich Meeressäuger auf einen 35 Kilometer langen Küstenstreifen in Neuseeland. Nur zwei Veranstalter dürfen Touristen auf das "Farewell Spit" bringen. Einer von ihnen ist Paddy Gillooly.


An seinen ersten Besuch auf der Landzunge "Farewell Spit" erinnert sich Paddy Gillooly noch genau. "Ein fürchterlicher Ort. Es war stürmisch, überall wehte der Sand umher und schmerzte auf der Haut wie Nadelstiche." Damals trug er kurze Hosen, war sieben Jahre alt und auf einem Schulausflug. Jetzt, 40 Jahre später, sieht Paddy den Nordwestzipfel der neuseeländischen Südinsel mit anderen Augen: Farewell Spit ist für ihn ein Naturparadies, ein geschichtsträchtiger Ort und eine Stätte persönlichen Glücks. Untrennbar ist der Neuseeländer mit dem 35 Kilometer langen Sandstreifen verbunden, der sich wie ein schmaler Haken zwischen Kap Farewell und der Golden Bay erstreckt.

Gillooly gründete 1986 ein Unternehmen, das Besucher mit Jeeps und Bussen von dem Ort Collingwood bis ans äußere Ende der Farewell Spit kutschiert, wo ein alter Leuchtturm seinen Dienst tut. Nur zwei Anbieter besitzen eine Lizenz für diese Safaris, denn die Halbinsel steht unter strengem Naturschutz. Die Tour führt zunächst über holperige Pisten zum Kap Farewell, dem nördlichsten Punkt der Südinsel. Die Steilküste ist spektakulär: scharfkantige Felsen und senkrechte Klippen, gegen die die Tasmansee anrennt und auf denen sich Seehunde sonnen.

Von hier geht es weiter zur Farewell Spit: Der Geländebus verlässt den Fahrweg, steuert direkt auf das Wasser zu, kurvt bei Ebbe über eine trockengefallene Bucht und arbeitet sich dann durch Schlick und Sand immer knapp an der Wasserkante entlang nach Osten. Auf dem langen Sandstreifen erheben sich gewaltige Wanderdünen, die in der Nachmittagssonne glänzen, als seien sie von einem Lichtkünstler und nicht vom Wind modelliert worden. Über hundert Vogelarten sind hier je nach Jahreszeit zu beobachten, darunter weit gereiste Zugvögel aus Sibirien. Zwischen September und April brüten bis zu 5000 Basstölpel an der äußersten Spitze der Halbinsel, nur wenige Minuten vom Leuchtturm entfernt.

Der Farewell-Spit-Leuchtturm weist den Seeleuten seit 1870 den Weg durch die oft raue Cook Strait, jene vom Wind umtoste Wasserstraße, die Neuseelands Nord- von der Südinsel trennt. Bei Flut ist die flache Landzunge von den Seefahrern nur schwer auszumachen. Die alten Häuser der Leuchtturmwärter sind bis heute erhalten. In einem ist ein kleines Museum untergebracht, das die Geschichte der Anlage erzählt.

Nur an dieser Stelle der Halbinsel wachsen große Bäume. Die ersten Leuchtturmwärter brachten jedes Mal, wenn sie aus Collingwood zurückkehrten, zwei Säcke Mutterboden und einen Setzling mit. Inzwischen sind die Bäume so groß, dass einige gefällt werden mussten, weil sie begannen, das Licht des Leuchtturms zu verdecken. Mag der Leuchtturm auch viele Kapitäne vor Schiffbruch bewahren, den Walen kann er offenbar nicht den rechten Weg weisen. Häufig stranden in den tückisch-seichten Gewässern der Halbinsel Farewell Spit Grind- und andere Wale, die im Südsommer die Golden Bay wegen des üppigen Nahrungsangebots aufsuchen. Nicht immer gelingt es, die Tiere bei Flut wieder ins offene Meer hinauszubringen. Ende Dezember 2005 mussten 41 Grindwale, die nicht mehr zu retten waren, erschossen werden. 1991 strandeten hier sogar 285 Wale.

Die Landzunge von Farewell Spit entstand während der letzten Eiszeit vor 15.000 Jahren. Sie wächst und verändert sich noch immer. Der Sand, den die Flüsse aus den Bergen der neuseeländischen Südalpen ins Meer spült, wird von der starken Meeresströmung mitgenommen, nach Nordosten transportiert und an der Farewell Spit wieder abgelagert. Den Rest erledigt der kräftige Wind: An manchen Tagen, so schildert es Paddy, sei es hier, als schaue man «durch Gardinen aus Sand».

Georg Alexander, dpa

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.