Neuseelands Hexenküche Tanz auf den Vulkanen

Vorsicht, heiß! Nur mit Atemmaske und Schutzhelm dürfen sich Besucher dem Vulkan auf White Island nähern. Neuseelands brodelnde Schlammtümpel und gelbe Schwefelberge sorgen für echte Unterwelt-Atmosphäre - und die Höllenpforte liegt direkt an der Hauptstraße.


Rotorua/Taupo - In grauer Vorzeit ging es dem Mond schlecht, und er wurde krank. Daraufhin nahm er ein Bad im Heilwasser von Rotorua, kam rasch wieder zu Kräften und zieht seither strahlend seine Bahn am Himmel.

Maori-Legenden wie diese ranken sich um viele Plätze in Neuseeland. Vor allem die Gegend zwischen Rotorua und Taupo auf der Nordinsel steckt voller Sagen, Mythen und Märchen des Südseevolkes, das die Inseln lange vor den Europäern besiedelte.

Neuseeland ist in jeder Beziehung jung und dynamisch, nicht nur, weil es als letztes Land der Welt entdeckt wurde - auch im geologischen Sinne überstürzt sich die Entwicklung. Vor allem die Nordinsel ist ein tektonischer Hexenkessel. Unter Neuseeland kocht der Erdmantel: Hier taucht die Pazifische Erdplatte ab und schiebt sich unter die Australische Platte. Das führt immer wieder zu Erdbeben und Vulkanausbrüchen.

Zwischen Rotorua, Taupo und Tongariro sieht man aber nicht nur Vulkankegel, sondern auch viele "Hot Spots" mit Geysiren, Fumarolen, kochenden Schlammlöchern oder heißen Quellen. Es sind beeindruckende Naturschauspiele, die Geologen nüchtern als "postvulkanische Erscheinungen" bezeichnen.

Highway zur Hölle

Die Straße, die diese Orte verbindet, heißt treffend "Thermal Explorer Highway" - man könnte sie aber auch "Highway zur Hölle" nennen, denn zwölf Kilometer nordöstlich von Rotorua liegt Hell's Gate, mit vier Hektar Fläche eines der größten Thermalgebiete der Region. Auch das Städtchen Taupo am gleichnamigen See ist atemberaubend: Schwefelgestank liegt in der Luft, Rauchschwaden vernebeln den Blick, dampfspeiende Fumarolen zischen direkt neben der Hauptstraße aus dem Boden.

Zu den schönsten Thermalgebieten auf der Nordinsel zählt Orakei Korako im "Hidden Valley", einem Tal rund 70 Kilometer südlich der Stadt Rotorua. Man erreicht es auf einer Nebenstraße, die bei der Ortschaft Golden Springs von der Landeshauptstraße 5, dem "Thermal Explorer Highway", nach Westen abzweigt. Diese Nebenstraße endet an einem Café am Ufer des Ohakuri-Sees. Ein Boot bringt die Besucher in fünf Minuten über den See ins Thermalgebiet.

"Orakei" bedeutet in der Maori-Sprache "Ort des Schmückens": Die farbenprächtigen, mineralhaltigen Pools dienten einst den Maori-Häuptlingen als Wellness-Center und Schminkstube. Eine zweistündige Wanderung über gut ausgebaute Stege und Wege führt an blubbernden Schlammlöchern und in allen Farben des Regenbogens schillernden Kieselerde-Ablagerungen vorbei. Daneben gibt es perlende "Champagner-Pools" und strahlend weiße Sinterterrassen zu sehen - und das alles eingebettet in ein üppig-grünes Tal mit riesigen Silber-Baumfarnen, den sogenannten Pongas, die zu den Wahrzeichen Neuseelands gehören.

Für die Maori symbolisieren die Baumfarne den Beginn des Lebens. Das Symbol eines aufkeimenden Farnblattes, das "Koru" genannt wird, steht außerdem für Stärke, Wachstum und Zukunft und versinnbildlicht damit recht gut das neuseeländische Lebensgefühl. Farnblätter, die sich gerade entrollen, sieht man in Neuseeland nahezu überall - manchmal sogar mitten im Gesicht eines Maori, die dieses Motiv hin und wieder als Tätowierung tragen. Auch in der Schnitz- und Webkunst der Maori findet es sich wieder, und selbst das Leitwerk jedes Flugzeugs von Air New Zealand zeigt das Motiv.

Leichtsinn wird mit Verbrühungen bestraft

Besucher in Orakei Korako dürfen sich ohne Führer bewegen. Sie sollten aber unbedingt auf den vorgeschriebenen Wegen bleiben und die Warnschilder ernst nehmen. Das kochend heiße Thermalwasser ist überall, und Leichtsinn wird mit Verbrühungen bestraft. Der "Diamant-Geysir" gleich am Anfang des Rundweges spritzt sein kochendes Wasser bis zu acht Meter hoch in die Luft, manchmal im Minuten-Rhythmus, manchmal im Abstand von mehreren Stunden. Das Wasser zerstiebt im Sonnenlicht zu winzigen Tröpfchen, die wie Diamanten glitzern.

Der Weg führt an Kieselerdebecken vorbei, die mal orange und braun gefärbt erscheinen, dann wieder in grünen und gelben Tönen leuchten. Am Ende führt der Pfad hinab zur Ruatapu-Höhle, an deren Grund die Thermalquelle Waiwhakaata, das "Spiegel-Becken", aus dem Boden tritt.

Es heißt, wer seine linke Hand in dieses warme Mineralwasser hält und sich heimlich etwas wünscht, dessen Wunsch gehe in Erfüllung. Der Säuregehalt des Wassers und seine mineralische Zusammensetzung haben aber auch eine ganz praktische Seite: Es reinigt Schmuck. Ein Ring, fünf Minuten in das Wasser gelegt und leicht gerieben, erstrahlt anschließend in neuem Glanz.

Neben der imposanten Natur sind aber auch die liebenswürdigen Menschen die Reise nach Neuseeland wert: Selbst als Tourist wird man von den Inselbewohnern privat eingeladen, ein geselliger Abend mit gutem Essen und vollen Weingläsern ist garantiert.

Neuseeländer interessieren sich eben für Europäer, die um die halbe Welt fliegen, um das "Kiwi-Country" zu besuchen. Auf den Inseln, die von der Fläche her etwas größer sind als Westdeutschland, leben nur vier Millionen Menschen. Die Folge ist nicht nur viel Platz für die Bewohner, sondern auch eine ausgeprägte Gastfreundschaft. In diesem Punkt sind die Neuseeländer wie die Iren: Über das Wetter können sie sich immer unterhalten - sei es der Sturm, der von der Küste heranjagt, oder der jüngste Erdrutsch.

Angelverrückt und rugbyversessen

Wichtiger als das Wetter ist eigentlich nur noch Rugby. Der harte, aber faire Sport geht den Neuseeländern über alles. Wer in der Rugby-Nationalmannschaft mitmischt, ist auf den Inseln ein Volksheld. Die Kiwis haben aber nicht nur das "All Blacks" genannte Team fest in ihr Herz geschlossen, sondern auch ihr raues und zugleich einzigartig schönes Land. Mit trockenem Witz trotzen sie Unwettern, Überschwemmungen oder Erdbeben - und genießen andererseits das Leben in der Natur und das Zusammensein mit der Familie.

Das hat etwa zur Folge, dass viele Läden bereits um 17.00 Uhr schließen. Statt länger im Laden zu arbeiten, schlüpft der Inhaber lieber in seine Stiefel und verbringt den Abend etwa am Fluss beim Fliegenfischen. Denn die Neuseeländer sind ein angelverrücktes Volk. Der Lake Taupo und seine Zuflüsse zählen zu den weltbesten Angelplätzen, um große Regenbogen- und Bachforellen zu fangen. Mehr als 100.000 Forellen überlisten Neuseelands Angler jedes Jahr im Lake Taupo. Viele davon sind groß - es heißt, dass der Wasserspiegel des Sees sinke, wenn Angler einen Fisch an Land ziehen.

Das ist eine schöne Anekdote, die aber leicht übertrieben ist, denn der Lake Taupo ist der größte See Neuseelands und der drittgrößte der südlichen Hemisphäre. Entstanden ist er durch ein tektonisches Desaster vor mehr als 20 000 Jahren: Die Explosion eines Supervulkans hinterließ eine riesige Caldera, die sich später mit Wasser füllte.

Eine Insel, die zum Himmel stinkt

Wer als Tourist auf einem aktiven Vulkan tanzen möchte, dem sei White Island empfohlen. Das Eiland, 50 Kilometer nordöstlich vor Whakatane in der Bay of Plenty gelegen, ist Neuseelands einziger aktiver Inselvulkan. Dort dürften sich Besucher wie auf einen anderen Planeten versetzt fühlen: Eine Insel ohne Vegetation, dafür mit brodelnden Schlammtümpeln, gelben Schwefelbergen und einem schillernden Krater, in dem giftig-grünes Wasser kocht. Eine düstere und abweisende Insel, die zum Himmel stinkt - aber zugleich ein faszinierender Ort, der einen Einblick in die Urzeiten der Erdgeschichte gewährt. Oder schaut man hier womöglich direkt in den Vorhof der Hölle?

Das Fauchen der Fumarolen und das Knirschen der Schritte im Lavagrus hinterlassen bei manchen Besuchern einen mystischen Eindruck. Jederzeit kann der Vulkan Asche, Bimsstein oder Lava ausspucken, ständig liegt eine weithin sichtbare Rauchfahne über der Insel. Täglich werden Hunderte von Erdbeben registriert, die meisten sind aber glücklicherweise so schwach, dass nur die Seismographen sie bemerken.

Trotzdem ist White Island nicht nur für Vulkanologen und andere Wissenschaftler zugänglich, sondern auch für Touristen, die im Hafenstädtchen Whakatane bei einigen Veranstaltern Tagesausflüge mit Booten buchen können. Bevor sie auf die Insel dürfen, müssen sie allerdings einen Schutzhelm aufsetzen und bekommen eine Atemschutzmaske in die Hand gedrückt. Zwar liegt der letzte große Ausbruch schon sieben Jahre zurück - aber man kann ja nie wissen.

Von Georg Alexander, dpa



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