Neuseelands Südinsel Seebär-Watching im Fjord

Per Boot durch eine der nassesten Regionen der Erde: Im Fiordland-Nationalpark in Neuseeland sind Niederschläge Alltag. Für Wasserscheue ist ein Besuch also nicht zu empfehlen - Fans von Pinguinen, Seebären und Delfinen dagegen werden die Rundfahrt nie vergessen.

Corbis

Fünf Schweigeminuten in der Natur: "Gleich werde ich alle Maschinen abstellen", schallt die Stimme des Kapitäns über die Bordlautsprecher. "Bitte vermeiden Sie jedes Geräusch und genießen Sie die Stille!" Dann gehen die Motoren aus, die Mannschaft stellt die Arbeit ein. Regungslos lauschen die Passagiere in die nebelverhüllte Landschaft: das Rauschen der Wasserfälle, die durch dichtes Grün die Steilhänge hinabstürzen, das Rieseln des Regens, das Krächzen einer Möwe, die das Schiff umkreist.

Es ist der "Sound of Silence" - das bedeutet nicht nur "Klang der Stille", sondern ist auch der Beiname des Doubtful Sound, eines 40 Kilometer langen Fjords im äußersten Südwesten Neuseelands - rund 650 Kilometer entfernt vom erdbebengeplagten Christchurch. Einige Paare stehen eng umschlungen an der Reling, eine Großfamilie hält sich im Arm, andere schließen die Augen. Nach drei Minuten werden die ersten unruhig, Kameras klicken. Dann springen die Motoren wieder an, der Bann ist gebrochen.

Erst jetzt bemerken viele, mit welchem Geräuschpegel das Schiff unterwegs ist: Die Maschinen dröhnen, in der Küche wird gewerkelt, auf den Decks geplaudert und gelacht - alles war verstummt. Langsam gleitet der Dreimaster aus einem Seitenarm zurück in den Doubtful Sound, einen von 14 Fjorden im Fiordland-Nationalpark. Nur Wälder, Seen, Flüsse und Fjorde prägen diese 12.000 Quadratkilometer große Region, die zum Weltnaturerbe der Unesco gehört. Zahlreiche Wanderwege, aber nur wenige Straßen führen in den Park.

Katamaran, Bus, Dreimaster

So wird die Kreuzfahrt durch den Doubtful Sound zum Triathlon: Ein Katamaran setzt die Passagiere zunächst über den Lake Manapouri, den zweittiefsten See des Landes. Dann geht es mit Bussen über eine Schotterpiste zum eigentlichen Fjord.

An Bord der "Navigator" angekommen, werden die Kabinen in Beschlag genommen, dann stehen alle im kühlen Wind an Deck und lauschen der Stimme von Naturführer "Watsie" Watson, einer wandelnden Enzyklopädie mit eisernen Stimmbändern. Unermüdlich erzählt er Wissenswertes, von den Legenden der neuseeländischen Ureinwohner, die einst durch Fiordland zogen, über Seefahrer James Cook, der dem Doubtful Sound 1770 seinen Namen gab, bis zu den Wal- und Robbenfängern, die hier auf die Jagd gingen.

Auf der Brücke herrscht "Open Bridge Policy": Jeder darf den Kapitän mit Fragen löchern. Der thront in seinem Sessel, mehrere Monitore im Blick, umlagert von weiblichen Fans, die an seinen Lippen hängen, und männlichen Technikfreaks, die mit ihm über PS und Knoten diskutieren. Kapitän Dave Allen ist seit vier Jahren im Doubtful Sound unterwegs und begeistert sich dennoch immer wieder an der Dramatik der Natur und der Witterungsverhältnisse. "Überzeugen Sie sich selbst", sagt er grinsend und deutet auf den wolkenverhangenen Wald. Kurz darauf entlässt er seine Besucher zu einer Exkursion im Seekajak. Bald treiben 20 blaue, gelbe und rote Miniboote auf dem Wasser.

Ein Crewmitglied führt die Kajakfahrer unter flechtenbehängten Baumriesen am Ufer entlang. Die hier wachsenden Südbuchen sind mehrere hundert Jahre alt. Das Wetter ändert sich mit jeder Minute: Windstille Momente wechseln mit starken Böen, Sonnenstrahlen brechen durch die Wolken, dann peitscht wieder Regen übers Wasser. Mit 200 Regentagen und bis zu acht Metern Niederschlag im Jahr gehört das Fiordland zu den nassesten Regionen der Erde.

Neugierige Robben, einsame Kakapos

Zurück an Bord, wartet schon eine warme Suppe. Die Bar sei in der Lunchzeit geschlossen, steht auf einem Schild, zur Enttäuschung einiger Herren, die sich lieber hochprozentig aufgewärmt hätten. Andere treibt es erneut in die Kälte: "Mutige zum Schwimmen gesucht", annonciert der Kapitän per Lautsprecher. Bei zwölf Grad Wassertemperatur ist das eine Herausforderung. Später wird es rau, als der stille Fjord auf die Tasmanische See trifft, Sturmwind schlägt Regen an die Scheiben. "Wir stecken nur mal kurz die Nase raus", sagt Dave Allen und steuert Richtung offene See. Naturführer Watson steht am Bug, eine breitschultrige Gestalt im Regenmantel, und schreit per Mikro gegen den Wind an.

"Pinguine ... Delfine ... gleich zu den Seebären ... ", schallen Wortfetzen über die Decks. Vor zwei kahlen grauen Felsinseln dreht die Navigator bei. Seebären wühlen in Algenbergen, platschen ins Wasser, paddeln neugierig auf das Schiff zu. Die Robbenart ist Teil der besonderen Tierwelt von Fiordland, wo der Kakapo Schutz gefunden hat - die letzten Exemplare dieses flugunfähigen Papageis wurden auf abgelegene Inseln ausquartiert.

Zurück im Schiff, wird für das Dinner gedeckt. Der Abend klingt mit einem Diavortrag von Watson aus, der von den Schädlingen berichtet, die das Fiordland bedrohen: Vor Jahrhunderten aus Europa eingeführtes Rotwild und gefräßige Hermeline dezimieren den Lebensraum der einheimischen Vögel.

Fotogelegenheit für Frühaufsteher

Am nächsten Morgen Punkt 6.15 Uhr springen die Motoren wieder an, und die altvertraute Stimme des Kapitäns schallt durch die leeren Gänge. Mit dem Versprechen auf tolle Fotomotive lockt er die Ersten aus den Betten.

Die Landschaft hat sich über Nacht verwandelt: Hunderte silberner Bänder aus Wasser rieseln durch Moose, Farne und Flechten die Steilküste herab, schwellen im strömenden Regen weiter an, bilden einen Vorhang aus Wasser. "Deshalb muss man Fiordland im Regen erleben", sagt der Kapitän. An den Hängen ziehen sich weiße Schneisen durch das Grün: Der Niederschlag fordert seinen Tribut in Form von Baumlawinen. Die für die Region typischen Scheinbuchen klammern sich mit breiten Wurzeln in eine dünne Humusschicht.

Fällt ein Baum, reißt er alle anderen mit in die Tiefe. Naturführer Watson wird bei der Erklärung des Phänomens pathetisch: "Vater Zeit ist doch ein großer Künstler." Plötzlich werden die Motoren leiser. Langsam tastet sich die Navigator auf eine schwarze Felswand zu, von der ein Wasserfall rauscht.

Schließlich stupst die Nase des Schiffs sanft an Stein - Millimeterarbeit des Kapitäns - und das klare, eiskalte Nass klatscht auf Deck. Drei Übermütige stellen sich, noch im Trainingsanzug von der Nacht, unter die Naturdusche und lassen sich Becher reichen für eine Probe des vielleicht saubersten Wassers der Welt - ein Erwachen mit Adrenalin statt Koffein.

Oliver Gerhard, SRT



insgesamt 4 Beiträge
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thespiegelpoliceman 18.01.2012
1. Wasser
Zitat von sysopPer Boot durch eine der nassesten Regionen der Erde: Im Fiordland-Nationalpark in Neuseeland sind Niederschläge Alltag.*Für Wasserscheue ist ein Besuch also nicht zu empfehlen - Fans von Pinguinen, Seebären und Delfinen*dagegen werden die Rundfahrt nie vergessen. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,809547,00.html
"Das sauberste Wasser der Welt" gibts dort nicht, aber auch auf der Südinsel. Schmeckt gut. Te Waikoropupu Springs - Wikipedia, the free encyclopedia (http://web.archive.org/web/20100121035326/http://en.wikipedia.org/wiki/Te_Waikoropupu_Springs)
ich sage 18.01.2012
2.
Ich liebe Neuseeland und lese immer gern Berichte zu diesem tollen Land. Fotos gucke ich mir auch immer gern an. Leider ist Ihnen bei Bild 4 ein kleiner Fehler unterlaufen. Das Foto zeigt nicht den Doubtful Sound sondern den Milford Sound.
amonn 18.01.2012
3.
Nach der Fahrt über den Lake Manapouri und vor dem Besuch des Doubtful Sound sollte man sich unbedingt die Manapouri Hydroelectric Power Station ansehen, das zweitgrößte Kraftwerk Neuseelands. Dort wird mit Wasserkraft aus dem Höhenunterschied zwischen Lake und Sound 730 Megawatt Energie gewonnen. Die Fahrt durch den spiralförmigen Tunnel (Neuseelands einzige "Straße" mit Rechtsverkehr) und der Blick in die unterirdische Turbinenhalle sind - auch für nicht technikbegeisterte Menschen - ein beeindruckendes Erlebnis, welches der atemberaubenden Natur kaum nachsteht.
Te Henga 19.01.2012
4. Sea Kayaking Photos
Zitat von ich sageIch liebe Neuseeland und lese immer gern Berichte zu diesem tollen Land. Fotos gucke ich mir auch immer gern an. Leider ist Ihnen bei Bild 4 ein kleiner Fehler unterlaufen. Das Foto zeigt nicht den Doubtful Sound sondern den Milford Sound.
Dann duerfte Ihnen diese Website mit Bildern vom Sea Kayaking gefallen: Paddelicious NZ - See you on the water (http://www.paddelicious.co.nz)
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