New-York-Tourismus "Links sehen Sie jetzt den Ground Zero"

Die Circle Line war schon immer ein Muss für New-York-Besucher. Jetzt bietet die Schiffsfahrt rund um Manhattan eine neue Hauptattraktion: den Blick auf "Ground Zero".

New York - Diese Schlange hat ihren Namen verdient. In mehreren Kurven windet sie sich um parkende Autos und Absperrungen. Die Menschen warten auf das Boot, das um die Südspitze Manhattans fährt. Der "Ground Zero" ruft.

Die Sicherheitskontrolle ist lasch, ein kurzer Blick in die Taschen, kein Abtasten. An Bord drängen alle nach links an die Fenster - auf dem Hudson südwärts ist das die erste Reihe. Chris Mason, der Reiseführer im weißen Offiziershemd, holt sich noch schnell einen Kaffee an der Snackbar. "Ich kann es kaum erwarten, was Sie über die Zerstörung des World Trade Centers erzählen werden", ruft ihm ein Mann mit unverhohlener Begeisterung zu. "Ja, wir werden da vorbeikommen", antwortet Mason. "Danke, Sir" - der Mann schaut zufrieden aus dem Fenster und kaut sein Milky Way.

Kaum hat das Boot von dem Pier an der 42. Straße abgelegt, beginnt Mason mit seiner Hafenrundfahrt-Routine: "Wenn sie links über ihre Schulter blicken, sehen sie die Tiefwasser-Piers. Dort legen die großen Kreuzfahrtschiffe an. Seit dem 11. September sind sie jedoch alle nach Boston umgeleitet worden."

Zum Reiseführer-Repertoire gehört die Katatstrophe

Das Jacob Javits Center zieht vorbei. "New Yorker nennen das Kongresszentrum auch Kristallpalast. Im Moment wird es als Basislager benutzt. Es ist groß genug, um Tausende und Abertausende von Freiwilligen zu beherbergen. Sie kommen aus dem ganzen Land."

Von den ersten Sätzen an ist klar: Die Katastrophe ist Teil des Reiseführer-Repertoires geworden, eine Sammlung aus Zahlen und Anekdoten. Mason erzählt alles im gleichen Tonfall des geübten Reiseführers. Der 11. September reiht sich nahtlos in die Parade des Wissenswerten ein. Wussten Sie, dass "Soho" für "South of Houston Street" steht und Greenwich Village das "so genannte intellektuelle Viertel" Manhattans ist? Und wussten Sie, dass nach dem Einsturz des World Trade Centers eine Million Tonnen Stahl entfernt werden müssen?

Das Schiff passiert Tribeca, das "Triangle below Canal Street", wo die Stars wohnen. Doch heute sind sie nur die Vorgruppe. Robert de Niro, Mariah Carey, Billy Crystal, Will Smith - Mason zählt sie hastig auf. Er muss sich beeilen. Denn der Höhepunkt naht.

"Sie sehen die Reste des World Trade Center"

"Links sehen Sie jetzt den Ground Zero". Die Hälse werden länger, die Gespräche brechen ab, das Boot bekommt Schieflage. "Wir können immer noch ein bisschen Rauch sehen", beschreibt Mason das Gemeinschaftserlebnis. "Die Twin Towers standen genau hinter diesen grauen Gebäuden, dem World Financial Center. Wenn Sie jetzt diese Straße zwischen dem World Financial Center und dem roten Gebäude hinunterblicken, dann sehen Sie die Reste von World Trade Center Nummer fünf und Nummer sieben. Das war das dritte Gebäude, das eingestürzt ist".

Der Motor stoppt, das Schiff wird langsamer. Augen werden zusammengekniffen, die Konzentration ist spürbar. Doch es ist nur ein kurzer Blick. "Viel kann man ja nicht sehen", meint Donnalee Meliere, eine 47-jährige Lehrerin aus New Jersey. Bei der nächsten Querstraße gibt es eine zweite Chance. Hinter einem roten Kran kann man die kathedralen-ähnlichen Reste des zweiten Turms erkennen. "Das ist das Bild, das Sie aus der Zeitung kennen", sagt Mason. "Bürgermeister Giuliani will die Ruine als Denkmal erhalten." Wieder ist es nur ein kurzer Moment. Doch Mason beugt etwaigen Enttäuschungen vor: "Auf dem Rückweg kommen wir nochmal vorbei."

Auf den ersten Fahrten hatten Passagiere geweint

Der Mann mit dem Mikrofon gibt sich nun alle Mühe, die Aufmerksamkeit auf die andere Seite zu lenken ("Sehen Sie nur all die neuen Gebäude in New Jersey"). Doch das Boot lehnt sich erst nach rechts, als die Freiheitsstatue auftaucht. Ernie Wilson, ein 50-jähriger Anwalt aus Ohio, gibt zu, dass "Ground Zero" ein Hauptgrund für die Circle-Line-Fahrt war. "Wir haben es schon vom Flugzeug aus gesehen", sagt er. "Aber das hier ist noch was anderes. Traurig, sehr traurig."

Auf den ersten Fahrten nach der Attacke hätten die Passagiere geweint, erzählt Mason im Interview. "Am Anfang musste ich auch schlucken. Aber man gewöhnt sich dran." Auch die Leute scheinen den Schock inzwischen überwunden zu haben. Das Geschäft jedenfalls könnte nicht besser laufen. Seit die Circle Line am 20. September ihren Betrieb wieder aufgenommen hat, wird sie von Tag zu Tag voller. Normalerweise ist Oktober ein schwacher Monat, doch in diesen Tagen ist das Schiff ausverkauft. "Viele Leute kommen definitiv wegen des Ground Zero", sagt Mason.

Und er gibt ihnen, was sie wollen: Die Zerstörung aus jeder Perspektive. Das Boot hat inzwischen vor der Freiheitsstatue gedreht, jetzt nähert es sich der Skyline vom Süden. Das klassische Postkartenfoto. "Klar, die Twin Towers, die Anker der Skyline, sind weg", tönt es aus dem Lautsprecher. "Die Skyline ist für immer verändert. Aber wissen Sie was? Ingenieure reden bereits von einem 130-stöckigen Turm. Das wäre das höchste Gebäude der Welt." Ein Raunen schwingt über das Deck.

Was heißt eigentlich Ground Zero?

Nur eins vergisst der allwissende Reiseführer zu erwähnen: Wieso wird der Ort eigentlich "Ground Zero" genannt? Laut Merriam-Webster-Lexikon ist es "der Punkt, an dem, über dem oder unter dem eine Atomexplosion stattfindet". Mason hält sich lieber an die sichtbaren Folgen. "Sehen Sie den American Express Tower, da hängen noch ein paar Mauerteile runter." Auch die Brocken auf dem Glasdach des Wintergartens entgehen ihm nicht. "Es ist einfach unglaublich, dass es nicht eingestürzt ist." Überhaupt sei es unglaublich, dass nicht mehr Gebäude betroffen seien. Man stelle sich nur mal vor: Mit jedem Turm seien allein 21.000 Fenster eingestürzt.

Mason schließt mit einer Geschichte aus der Katastrophen-Steinzeit. Auf dem Weg zum Anleger zeigt er auf Pier 54, "das eigentliche Ziel der Titanic".

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