Salzkarawane in der Wüste: Bis zu 150 Dromedare tragen die wertvolle Ware Hunderte Kilometer weit
Salzkarawane in der Wüste: Bis zu 150 Dromedare tragen die wertvolle Ware Hunderte Kilometer weit
Foto: Michael Runkel

Reise durch Niger »Diese Einsamkeit, diese Stille«

Michael Runkel ist einer der offiziell meist gereisten Menschen der Welt. Kürzlich war der Fotograf in Niger, einem Land, das lange Zeit geschlossen war. Seine Erlebnisse und seine Fotos aus der Sahara.
Ein Interview von Antje Blinda

SPIEGEL: Offiziell sind Sie einer der meistgereisten Menschen der Welt – was heißt das?

Michael Runkel: Ich bin Mitglied von NomadMania , einer Community für Vielreisende. Der Gründer hat sich mit einem Komitee zusammengesetzt mit der Frage: Wie kann ich die Welt systematisch bereisen und dafür sinnvoll unterteilen? Das Ergebnis: in 1301 Regionen – davon war ich jetzt in 1118 und stehe auf Platz sieben des Rankings.

SPIEGEL: Sie sind auch mehrmals in den Niger gereist, wie kürzlich erst. Das Land gilt wegen des Terrors dort als extrem gefährlich. Sie sind nicht als Urlauber, sondern als Fotograf unterwegs – was interessiert Sie? Dass es ein extrem junges Land ist? In Niger ist das Durchschnittsalter etwa 15 Jahre.

Runkel: 2019 wollte ich unbedingt zum Guérewol, einem Brautschau-Festival der Wodaabe-Nomaden in der Sahelzone. Niger war lange geschlossen, aufgrund des Terrors von Boko Haram im Süden und al-Qaida im Norden, und auch diese Feste haben lange nicht stattgefunden. Bei den Feierlichkeiten schminken sich die jungen, unverheirateten Männer und tanzen sich drei Tage lang in Trance, auch mithilfe von Halluzinogenen. Es war 42 Grad heiß und wir haben gezeltet – aber mit meinen Bildern kann ich solche Rituale festhalten für die Zukunft.

SPIEGEL: Niger ist eins der ärmsten Länder der Welt. Es gibt Reisewarnungen nicht nur wegen Corona, sondern auch, weil das Risiko von Entführungen und Terroranschlägen hoch ist. Sie fahren dennoch hin?

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Niger-Reisefotos von Michael Runkel: Wüste der Salzkarawanen

Foto: Michael Runkel

Runkel: Das Risiko in Niger halte ich für gering, weil man nur mit einer Militäreskorte unterwegs sein darf. Unsere Gruppe aus sieben Personen hatte die ganze Zeit 16 Soldaten zur Begleitung. Ich bin schon in viele Länder gefahren, für die Reisewarnungen gelten – man muss sich immer genau anschauen, warum und für welche Gebiete welche Warnungen gelten und danach planen. Ich bin noch nie ausgeraubt oder attackiert worden. Die Gefahr, etwa in Chicago überfallen zu werden, ist größer als in vielen Ländern Afrikas – aber aus wirtschaftlichen und politischen Gründen wird für die USA keine Sicherheits-Reisewarnung verhängt. Dabei möchte ich niemandem raten, in Länder mit Reisewarnungen zu fahren!

SPIEGEL: Warum sind Sie insgesamt dreimal dorthin gereist – zuletzt im November?

Runkel: Ich war mit einer Gruppe von Bekannten unterwegs, darunter auch der Münchner Fotograf Michael von Hassel. Wir wollten im Norden des Niger den Teil der Sahara fotografieren, der seit vielen Jahren unzugänglich war: die südliche Ténéré-Wüste. Sie zählt mit dem nördlichen Aïr-Gebirge zum Unesco-Welterbe. Dort interessierten uns vor allem die alten, verlassenen Lehmforts, die einst für den Sklavenhandel gebaut wurden. Die in Djado aus dem 12. Jahrhundert zum Beispiel, die wie eine Kulisse für einen Indiana-Jones-Film wirken. Und die Salzkarawanen, die auszusterben drohen, weil Lkw einfach effektiver sind.

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Niger-Impressionen von Michael von Hassel: Das große Nichts

Foto: Michael von Hassel

SPIEGEL: Was haben Sie gesehen?

Runkel: Da ziehen heute noch Führer mit bis zu 150 Kamelen zwischen den Salzoasen Bilma und Fachi Hunderte Kilometer weit bis Agadez: mitten durch die Wüste, Tag und Nacht bei extremen Bedingungen wie Hitze, Sonne und etwa dem Harmattan, einem sehr starken Wüstenwind. Für uns nicht nachzuvollziehen, wie die Männer das aushalten und sich dabei orientieren können, sogar Kinder sind dabei.

SPIEGEL: Sie reisen immer wieder in die Sahara. Was fasziniert Sie?

Runkel: Die Sahara ist für mich ein magischer Platz. Diese komplette Isolation, diese absolute Stille, dieses unglaublich tolle Licht zu Sonnenauf- und -untergang. Das Sternenzelt! Und dann gibt es inmitten der weiten Sanddünen so besondere Plätze wie etwa die Ubari-Seen im Westen Libyens. Oder die riesengroßen Steinbögen von Djebel Akakus in Südlibyen oder der Aloba Arch im Tschad, entstanden in Millionen Jahren. Oder die Felsgravuren wie etwa im Wadi Mathendous in Südlibyen – da sehen Sie Nilpferde, Giraffen, Löwen, also Tiere, die dort überhaupt nichts zu suchen haben.

Niger

SPIEGEL: In der Sahara spielen sich auch Dramen ab. Niger liegt genau auf der Flüchtlingsroute durch Westafrika über Libyen zum Mittelmeer, Agadez ist die letzte Stadt vor der Wüste. Haben Sie davon etwas mitbekommen?

Runkel: Ja, und ein Erlebnis war heftig. Wir sind vom Aïrgebirge Richtung Djado gefahren, gerade um eine kleine Düne herum. Dahinter stand ein Ford-Pick-up mit Flüchtlingen, der eine Panne hatte. Kaum sahen die Schleuser unseren Militärjeep mit dem aufgesetzten Maschinengewehr, ließen sie alles liegen, sprangen ins Auto und schlingerten mit dem platten Reifen davon.

SPIEGEL: Was passierte dann?

Runkel: Ein Teil der Leute, die hinten auf der Ladefläche saßen, flog runter, eine Frau verletzte sich am Bein. Wir hatten einen Arzt dabei und wollten helfen, immerhin war es mitten im Nichts. Doch die Soldaten sagten: »Nein, wir fahren weiter, keine Diskussion.« Wir mussten uns fügen. Das Militär sagte dann, die Schlepper würden wiederkommen, um ihr Werkzeug einzusammeln und dann auch die Flüchtlinge. Nur eben nicht, wenn wir dort blieben. Das war extrem schlimm.

SPIEGEL: In Niger sind die Covid-19-Infektionen auf einem niedrigen Niveau. Wie sind Sie mit Ihrer Verantwortung umgegangen?

Runkel: Wir konnten nur mit negativen Tests einreisen – und waren im fast menschenleeren Norden des Landes unterwegs, die Ansteckungsgefahr war somit sehr gering. Generell bin ich überzeugt: Reisen an und für sich ist nicht das Problem, solange man sich an die Regeln und den Abstand hält. Ich persönlich trage schon von Anfang der Krise an FFP2-Masken.

SPIEGEL: Ist es auch ein Wettbewerb, zu reisen? Wer die meisten Länder gesehen hat?

Runkel: Ich war nicht in Niger, um weitere Punkte für das Ranking zu sammeln. Sondern weil ich dort Dinge sehen wollte, die es sonst nirgends auf der Welt gibt. Als Fotograf möchte ich die Welt sehen und zeigen. Sie verändert sich so schnell, manche Traditionen werden vielleicht in zehn Jahren nicht mehr in ihrer Ursprünglichkeit existieren. Ich will sie dokumentieren, bevor sie aussterben oder nur noch für den Tourismus gepflegt werden.

SPIEGEL: Was ist dann aber der Reiz der Community?

Runkel: 2009 wurde ich in München mal zu einem Treffen der »Most Traveled People« eingeladen, einer anderen Vielreisenden-Community. Es war toll, Leute kennenzulernen, die auch so viel reisen, und Erfahrungen und Tipps mit ihnen auszutauschen. Manche Orte sind logistisch sehr schwierig zu erreichen, und manche kennt wirklich sonst kaum jemand.