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Nil-Kreuzfahrt: Die Mutter der Kulturreisen

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Ägypten-Reisen Zurück zum Nil?

Bis 2011 war Ägypten ein Land des Massentourismus - dann kam der Einbruch. Wer sich heute an den Nil wagt, darf sich wieder als Entdecker fühlen. Gelingt dem Land das touristische Comeback?
Von Simone Andrea Mayer

Als direkt vor den Heiligtümern von Kôm Ombo acht Nil-Schiffe zugleich halten, erleben wir ein einziges Mal so etwas wie Gedränge auf dieser Reise. 300 bis 400 Menschen strömen die Treppe zu den uralten Bauten hinauf. Händler buhlen um ihre Aufmerksamkeit, im bis dahin ruhigen Café bricht Hektik aus, Musiker beginnen zu trommeln. Es ist ein bisschen so wie früher, vor der Revolution von 2011 und der auf sie folgenden, unruhigen Zeit, die den Tourismus lange zum Erliegen brachte.

Davor war Ägypten ein Trendziel und Nilkreuzfahrten Massentourismus. Doch Ägyptens Reisebranche steckt seit der Revolution in der Krise: Von den rund 300 Schiffen, die damals zwischen Luxor und Assuan fuhren, sind lokalen Angaben zufolge zum Saisonbeginn 2017/18 gerade einmal 15 bis 20 in Betrieb. Es finden sich kaum noch Passagiere, die Gästezahlen fielen auf 10 bis 15 Prozent früherer Jahre.

So verläuft sich auch der kurze Andrang in Kôm Ombo schnell. Bald wechseln sich Kleingruppen höflich vor den Reliefs ab. Wer ein paar Minuten geduldig wartet, kann Fotos schießen, auf denen sonst niemand zu sehen ist.

Glaubt man den einheimischen Reiseführern, ist das heute überall so. Luxor, Assuan oder Theben seien geradezu entspannte Orte - auch wenn eine Nilreise immer noch mehrere Besichtigungen täglich bedeutet. Wir wollten wissen: Wie fühlt sie sich heute an, diese Mutter aller Kulturreisen?

Tag 1, Luxor

Jeder Reiseanbieter hat einen eigenen Führer an Bord, in Gruppen von drei bis 30 Personen geht es für die meisten früh am Morgen ins Tal der Könige. "Wir machen es anders, wir fahren erst zu den Karnak-Tempeln, dann sind wir dort wirklich ganz allein", verspricht Reiseführer Gamal Elsheikh. In der Tat: Die Tempelanlage mit ihren berühmten Säulenhallen ist noch so leer, dass Angestellte den Boden kehren können. Auf dem Parkplatz verlieren sich zwei Kleinbusse.

Das gleiche Bild wenig später am Totentempel der altägyptischen Königin Hatschepsut. Ein älterer Mann fährt drei Gäste in den Talkessel von Deir el-Bahari und vor den 3500 Jahre alten Bau aus Kalkstein, der wie ein modernes Gebäude im Bauhausstil wirkt. Zu Fuß geht es eine lange Rampe hinauf zu den Terrassen des Tempels - und wer sich oben von den Statuen losreißt und umdreht, blickt auf das weite, unwirklich grüne Niltal.

Nach einem Stopp im Tal der Könige setzt der Bus die Gäste wieder am Schiff ab. Es tuckert nun nach Edfu. Das Deck ist fast leer in der heißen Mittagssonne, so wie die Ufer. Palmenhaine und sattgrüne Felder ziehen vorbei, oft türmen sich dahinter Sanddünen auf.

Am Nachmittag wird es am Ufer lebendiger und lauter. Die Schiffe dienen auf dem Nil meist nur als Schlafstätte: Da gibt es keine großen Spa-Bereiche oder üppige Pools. Wozu auch? Selbst die Liegen auf dem Oberdeck sind meist leer.

Die meiste Zeit liegt das Schiff ja in einem Hafen: Luxor, Edfu, Kôm Ombo, schließlich Assuan. Die Schiffe parken mehrreihig. So kann es vorkommen, dass man durch vier hindurchgehen muss, um an Land zu kommen. Und aus dem Kabinenfenster blickt man oft nicht auf den Nil, sondern in ein anderes Schlafzimmer.

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Nil-Kreuzfahrt: Die Mutter der Kulturreisen

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Aber wer sich nicht gerne mit Geschichte beschäftigt, sondern mehr aufs luxuriöse Faulenzen aus ist, ist auf einer Nilfahrt sowieso falsch. Tempel nach Tempel, Grab nach Grab wird besichtigt. Die Reiseleiter liefern fortwährend Daten, Namen und Jahrtausende alte Geschichten. Die Tage beginnen oft schon zwischen 3 und 6.30 Uhr - Bildungsreisen sind selten stressfrei. Trotzdem hat die Schiffsreise ihre Vorteile: Nach Edfu oder Kôm Ombo kommen Reisende sonst nur per Tagesausflug ab Assuan - mit langer Fahrt im Bus.

Tag 2, Edfu

Im Morgenlicht wird deutlich, was Edfu von allen anderen Stopps am Nil unterscheidet. Die Stadt wirkt, als wäre sie aus der Zeit gefallen. Die Straßen sind voller Pferdekutschen, Autos fehlen. Die Hektik ist groß, die Kutscher haben nur etwa eine Stunde am Morgen, um die Touristen abzufischen, die alle direkt zum Horus-Tempel wollen.

Das macht Edfu zur reinen Durchgangsstation. Die Kreuzfahrtpassagiere steigen nur aus, um einen Tempel zu sehen. Daher ist der Basar mit den Souvenirs direkt an seinem Ausgang aufgebaut. Ein Nadelöhr für Touristen - und die eine Chance für Hany Sayed Ahmed. "Miss! Miss Deutschland! Alabaster?", ruft er laut - und oft erfolglos.

Er verstehe das, wenn ein Tourist nicht kaufen will. Dabei sei seine Lage verzweifelt, sagt er. Das Geschäft laufe seit Jahren schlecht. Ahmed braucht inzwischen mehrere Jobs, um durchzukommen.

Einige Geschäfte im Basar sind dauerhaft geschlossen. "Früher haben wir um die Läden gebuhlt", sagt Abdel Asis Elsharif. Er öffnet Schubladen, es kommen staubige Plastiktüten zum Vorschein. Er hat seit drei Jahren keine Ware neu bestellt, weil er sie nicht loswird. Kein Zweifel: So angenehm das relativ entspannte Reisen für Touristen nun ist, Ägyptens Wirtschaft vom reichen Veranstalter bis zum armen Krämer braucht dringend ein Comeback des Tourismus.

Die deutsche Touristikbranche ist da optimistisch: Ägypten werde im Winter 2017/18 ein "beispielloses Comeback" feiern, und diese Tendenz werde sich im Sommer 2018 fortsetzen, erwartet zum Beispiel Ralph Schiller, Geschäftsführer des Veranstalters FTI. Auch andere Anbieter sehen in dem Land ein Trendziel, zumal die Preise niedrig sind.

Tag 3, Assuan

Für einige Reisende ist hier Endstation, andere fahren wieder zurück nach Luxor. Neben den Klassikern des Assuan-Programms - dem Staudamm und der Tempelinsel von Philae - lohnt sich ein Ausflug in ein nubisches Dorf mit einer kleinen Barkasse oder einem der Segelboote, die für wenige ägyptische Pfund gemietet werden können.

Die Fahrt geht an der Insel Elephantine und an unzähligen dreieckigen Strommasten des Kraftwerks am Assuan-Staudamm vorbei - Ägyptens modernen Pyramiden. In die reinweiß oder in strahlendem Himmelblau getünchten Häuser des Dorfs können Touristen einkehren, Tee, Brot mit salzigem Käse und Shisha genießen, mit den Bewohnern schwatzen - und das Krokodil bestaunen, das sich jede Familie als Schutzgeist hält.

Kreuzfahrten auf dem Nil: Was man wissen muss

Tag 4, Abu Simbel

Der Weckruf kommt um 3.45 Uhr, doch das Schiff summt dann schon wie ein Bienenstock. Eine Gruppe Spanier schwirrt laut um die frühmorgendliche Kaffeeausgabe in der Bar, ein paar Koreaner verkriechen sich in ihren Bus. Eine ganze Kolonne davon setzt sich noch in der Dunkelheit in Richtung Wüste in Bewegung.

Irgendwann geht die Sonne auf - und erhellt schnell das Nichts entlang einer Autobahn in Richtung Sudan, weit und breit nur Sand und kaum Verkehr. Man trifft sich erst nach vier Fahrtstunden an den Tempeln in Abu Simbel wieder.

Busweise treffen die Besuchergruppen dort ein, es wird kurz voller und laut. Und doch: Schon wenige Minuten später hat sich die Menge auf dem Gelände verlaufen. Und geht man entlang des Sees um den Hügel herum, auf dessen Rückseite die 21 Meter hohen Ramses-Statuen den großen der beiden Tempel zieren, lässt sich auch der kleine Rest Mitreisender gut ausblenden - zu einnehmend ist der Anblick.

Wenn man es gar schafft, sich die Zeit für eine kurze Rast unter dem einzigen Baum zu nehmen, der da etwas abseits der Tempel steht, fühlt sich der so geschichtsträchtige Ort wieder so an, wie wohl seit viktorianischer Zeit nicht mehr: einsam.

dpa; Simone Andrea Mayer