Polarlichter Glühende Vorhänge am Firmament

Polarlichter gehören zu den faszinierendsten Phänomenen, die man am Himmel beobachten kann: Sie glühen und wehen. Und manche sagen, sie sängen auch. Der Fotograf Bernd Römmelt fängt sie seit 20 Jahren ein.

Bernd Römmelt/ Knesebeck

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Am 1. September 1997 zeltete der Münchner Bernd Römmelt "an den nördlichen Ausläufern der Brooks Range im Norden Alaskas, als plötzlich ein blassgrüner Schleier am noch nicht ganz dunklen Himmel auftauchte".

Es war der Moment seiner Verzauberung, der Beginn einer nun seit fast 20 Jahren andauernden Obsession: Römmelt fotografiert Nordlichter. Das muss man können, denn Nordlichter sind höchst flüchtige Phänomene, und kein missglücktes Foto lässt sich wiederholen.

Und man muss es wollen, denn natürlich ist Alaskas Brooks Range im September nicht unbedingt ein Campingplatz für jedermann: Gerade einmal zwei reguläre Orte verzeichnet die Karte entlang der fast 1000 Kilometer langen Bergkette. Der eine heißt Wiseman (20 Einwohner), der andere Coldfoot (13 Einwohner), und natürlich gilt hier Nomen est Omen. Nördlich von Kalter Fuß gibt es ab September Frostgarantie.

Römmelt hat das nicht abgeschreckt: Wer Nordlichter fotografieren will, schafft das selten unterhalb des Polarkreises und oft genug nur, wenn er hart an die Schmerzgrenze geht. Stundenlanges Warten in arktischer Nacht ist Teil des notwendigen Prozesses.

Und was bekommt man dafür? Bilder berauschender Schönheit: Über 150 davon hat Römmelt jetzt in einem naheliegenderweise "Polarlichter" betitelten Buch zusammengetragen (Knesebeck; 128 Seiten; 29,95 Euro).

Es zeigt Bilder kalter Landschaften, mal flach und mit wie verzuckert eisbedecktem Wald bestanden, mal majestätisch und bergig. Immer aber gehört dem Himmel das Gros der Bildfläche, erleuchtet von durchscheinend glühenden Polarlichtern: grün die meisten, manche nach oben in Rot und Lila auslaufend. Sie hängen wie gigantische Vorhänge am Firmament, färben das Licht, die Landschaft. Manche sehen aus, als wehe sie der Wind vorbei, andere schrauben sich wie mächtige Spiralen in die Höhe.

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11  Bilder
Polarlichter: Der Zauber des glühenden Himmels

Erst wirkt das eintönig, es ist ein 150-mal wiederholtes Motiv. Und dann springt selbst vom Foto der Zauber über: Man spürt, wie der Wunsch wächst, so etwas selbst einmal zu sehen. Stehen die da einfach am Himmel? Wehen sie wirklich, bewegen sie sich? Und wie schnell geht das?

Das Buch gibt auch auf solche Fragen Antworten, und in einem Gastbeitrag der Astrophysikerin Felicitas Mokler sogar bis hin zur wissenschaftlichen Erklärung. Die gehört dazu, sie verstärkt den Zauber dieses mysteriösen Phänomens noch: Nordlichter sind ein sichtbarer Ausdruck von dem, was wir Weltraumwetter nennen.

Nasa: Polarlichter, vom All aus gefilmt

Die Lichter lassen sich, wie man so sagt, nüchtern erklären. Ihrer Faszination tut das deshalb keinen Abbruch, weil erst die wissenschaftliche Erklärung klarmacht, was Polarlichter für uns bedeuten: Was da am Himmel weht und glüht, ist unsere Lebensversicherung.

Sie machen, wenn man so will, die zwei Schutzschilde unserer Erde sichtbar, die unser Leben erst ermöglichen: Polarlichter entstehen, wenn elektrisch geladene Teilchen von der Sonne auf das uns schützende Magnetfeld der Erde und auf die Atmosphäre treffen.

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Bernd Römmelt:
Polarlichter: Sonnenzauber am Nachthimmel

Knesebeck; 128 Seiten; 29,95 Euro.

Ihre Energie bringt Gase in 80 bis 500 Kilometer Höhe kurzzeitig zum Glühen. Abhängig vom Gas leuchten sie in verschiedenen Farben auf, und weil verschiedene Gase in der oberen Atmosphäre in Schichten vorliegen, haben unterschiedliche Höhen auch unterschiedliche Farben. Das Nordlicht ist das Aufglühen unseres lebenserhaltenen Schutzschirms unter dem Bombardement solarer Partikel.

Und das, versichert auch Fotograf Römmelt, macht wirklich auch Geräusche. Seit Jahrhunderten wird erzählt, dass die Atmosphäre in Nächten mit starken Nordlichtern rausche, prassele, knalle. Man hat das lang als Mythen abgetan, erst 2012 gelang dann der Nachweis und die Aufnahme dieser Geräusche.

Diese klingen mal wie ein Echolot, mal so, als schlage jemand gegen ein leeres Glasgefäß oder ein hohles Holz: Auch diese Geräusche, befanden die finnischen Wissenschaftler, denen der Nachweis gelang, würden wohl von Teilchen des Sonnenwindes verursacht. Sie korrelierten klar mit dem Auftauchen von Polarlichtern: Wenn es auf der Sonne stürme, glühte in der Polarregion bald darauf die obere Atmosphäre, und am Boden höre man seltsame Klänge.

Die aber, ergaben die Messungen, sind zwar ein mit dem Polarlicht verbundenes Phänomen, werden aber nicht direkt durch die Lichter verursacht: Sie entstünden in nur 70 Meter Höhe.

Wie, weiß bis heute niemand. Noch bewahrt sich also das weitgehend entschlüsselte Rätsel des Nordlichts seine letzten Geheimnisse. Sein Zauber ist so oder so gegen jede Erklärung gefeit.



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