Nordpol-Expedition Mehr Licht!

Für ein paar Wochen kommt Leben in die Arktis: Jedes Jahr Ende März errichten russische Arktisforscher das Barneo-Camp in der Nähe des 89. Breitengrades. Hier versammeln sich Forscher und Abenteurer, Fotografen und Touristen - manchmal gesellt sich auch ein hungriger Eisbär dazu.

Michael Martin

Von Michael Martin


"The next toilet is 1500 km away" ist auf einem Schild im Camp zu lesen. So weit liegt Spitzbergen entfernt, die nördlichste bewohnte Inselgruppe der Welt. Ich befinde mich mitten auf dem gefrorenen Arktischen Ozean, nur 100 Kilometer vom Nordpol entfernt. Das Barneo-Camp steht in der sowjetischen Tradition der sogenannten Driftcamps, die seit den sechziger Jahren von russischen Wissenschaftlern auf Eisschollen in der Polregion errichtet wurden. Es dient heute Forschern und Abenteurern aus aller Welt als Basis für ihre Unternehmungen.

Der Flug von Spitzbergen ins Barneo-Camp in einer Antonow AN 74 hat über zwei Stunden gedauert, jetzt laufe ich zusammen mit 21 anderen Passagieren über die Landebahn aus Eis zu der winzigen Siedlung, die aus ein paar blauen Zelten besteht. Die Wissenschaftler unter den Neuankömmlingen kontrollieren sogleich ihre empfindlichen Instrumente, die bereits vorher eingeflogen wurden. Die Skiläufer begeben sich direkt ins warme Essenszelt, wo Soljanka serviert wird, eine kräftige russische Suppe. Unter den Skitouristen sind Profis wie der bekannte Arktisabenteurer und Fotograf Thomas Ulrich, aber auch Arktisfans, welche den Nordpol auf Skiern erreichen möchten und sich einem Führer anvertrauen.

Nach dem Essen befüllen Ulrich und sein Team die Kocher mit Benzin, dann werden Skier und Schlitten in einen der beiden im Camp bereitstehenden MI-8-Helikopter gewuchtet. Es geht ein paar Flugminuten nach Süden, denn das Team hat sich vorgenommen, den sogenannten "Last Degree", die 111 Kilometer vom 89. Breitengrad zum Nordpol, auf Skiern zurückzulegen. Da das Barneo-Camp etwas nördlicher als der 89. Breitengrad liegt, bringt der Helikopter die Abenteurer 20 Kilometer nach Süden.

Den Flug mache ich mit, wir landen exakt am 89. Breitengrad mitten auf dem gefrorenen Arktischen Ozean. Bei minus 30 Grad Celsius und eisigem Wind werden Schlitten und Ski aus dem Helikopter gewuchtet. Dann duckt sich das Skiteam zu Boden, der Helikopter steigt in einem gewaltigen Schneewirbel auf, durch das vereiste Kabinenfenster sehe ich die Gruppe langsam im weißen Nichts verschwinden.

Hungrige Forscher, hungrige Eisbären

Nach ein paar Flugminuten sind wir mit dem Helikopter zurück im Camp, pünktlich zum Abendessen. Im gut geheizten Essenszelt tummeln sich japanische, amerikanische und französische Wissenschaftler, die bei Beef Stroganoff und Nudeln die besten Standorte für ihre Versuchsinstallationen diskutieren. Einerseits brauchen sie einen ruhigen Platz für ihre Bohrungen im Eis, andererseits darf der Abstand zum Camp aus Sicherheitsgründen auch nicht zu groß sein: Denn Eisschollen können abbrechen und den Bohrplatz vom Camp abschneiden, auch gibt es hier, wenn auch selten, gefährliche Tiere. "Die Eisbären, die sich so weit nach Norden verirren, dürften besonders hungrig sein", hatte mir Thomas Ulrich erklärt und seine großkalibrige Pistole gezeigt. Nach dem Abendessen beginnen die Forscher, ihre Bohrgestänge und Messinstrumente mit Schlitten aufs Eis hinauszuziehen. Sie haben sich für einen Standort 400 Meter vom Camp entfernt entschieden.

Es ist 23 Uhr und taghell. Anders als in Spitzbergen geht im April die Sonne im Barneo-Camp nicht mehr unter. Sie steht vielmehr Tag und Nacht eine Handbreit über dem Horizont und wandert binnen 24 Stunden in einem Vollkreis den Horizont entlang. Das ist der Traum jedes Fotografen, rund um die Uhr bestes Abendlicht zu haben! Um 1.30 Uhr beginne ich - Bären hin oder her - einen ausgedehnten Spaziergang auf dem Eis. Die Sonne scheint, es ist inzwischen windstill, die heftigen Minusgrade sind mit der Daunenkleidung gut auszuhalten. Es geht mir gut, und ich beginne, die Menschen zu verstehen, die den Polargebieten verfallen sind. Der Rest der "Nacht" im geheizten Schlafzelt ist angenehm, morgens um 8 Uhr bin ich der Einzige beim Frühstück, das ganze Camp schläft noch. Das Fehlen von Tag und Nacht irritiert den menschlichen Körper, nur die Mahlzeiten strukturieren den Tag.

Ich schaue mich im Lager um. Die Zelte sind klug angeordnet. Ein Küchenzelt verbindet zwei große Zelte, die Gästen und Mannschaft als Aufenthaltsräume dienen. Die Schlafzelte sind senkrecht dazu aufgestellt, so dass die Heizgebläse immer gleichzeitig zwei Zelte beheizen. Die Energie stammt von einem Dieselgenerator, der 24 Stunden am Tag läuft.

Logistischer Kraftakt im Eis

Das Camp wird seit 2002 jeden April neu errichtet, denn im Sommer würde es im schmelzenden Eis versinken. Um den 20. März beginnt das Barneo-Team jeweils die Suche nach einem geeigneten Platz auf der zerklüfteten Eisfläche des Arktischen Ozeans. Dann beginnt der Aufbau: An Fallschirmen werden aus einer Antonow zwei Planierraupen, Dieselfässer und die notwendigste Ausrüstung abgeworfen, dann springen ein paar Barneo-Teammitglieder hinterher.

Bis zum 1. April steht dann meist die Zeltstadt, die ersten Gäste können kommen. Doch nicht immer läuft alles glatt. 2010 brach das Eis mitten im Camp auf, plötzlich war das Lager wie eine eisige Venedig-Imitation von Kanälen durchzogen. Da bewährte sich die Konstruktion der Zelte, die auch im aufgebauten Zustand verschoben werden können. Auch 2011 begann schwierig. Zunächst konnten die Helikopter nicht von Sibirien aus zum Camp fliegen, weil Schneestürme tobten. Dann zog sich plötzlich ein tiefer Riss im Eis quer über die Landebahn, drei Tage lang ruhte der Flugbetrieb, nicht nur Prinz Harry saß im Eis fest.

Verantwortlich für Aufbau und Durchführung des Camps ist Viktor Boyarsky. Der Direktor des Arktischen und Antarktischen Museums in St. Petersburg hat als Expeditionsleiter und Abenteurer großen Ruhm erlangt und gilt unter Polarexperten als lebende Legende. Barneo ist aber auch eine Mannschaftsleistung, denn ohne die 35 russischen Teammitglieder wäre das Camp aufgrund der schwierigen Bedingungen nicht zu betreiben.

Wenn das Eis Ende April schmilzt, ist die kurze Barneo-Saison schon wieder beendet. Zelte und Ausrüstung werden dann zusammengepackt, der Müll verbrannt. Einzig die beiden Planierraupen müssen wegen ihres enormen Gewichts auf dem Eis zurückbleiben. Sie versinken im Laufe des Sommers im Arktischen Ozean. "Vorher entfernen wir aber Öl und Schmiermittel", versichert Viktor Boyarsky.

Ich beobachte die Arbeit der Wissenschaftler. Der US-Amerikaner Jamie Morison ist verantwortlich für das North Pole Environmental Observatory und untersucht Strömungen, Temperatur und Salinität von Meerwasser und Eis am Pol. Eine Twin Otter, die von Kanada über den Pol zum Barneo Camp flog, hilft bei den Untersuchungen der Eisdecke am Pol. Der Franzose Antonio Laurenco misst für das Laboratoire d'Oceanographie et du Climat die Dichte des Eises anhand von Bohrkernen. Und der Japaner Yusuke Kawaguchi von der Japan Agency for Marine Earth Science and Technology hat eine zentnerschwere Sonde an einem 500 Meter langen Seil abgelassen, um das Wasser in großer Tiefe zu untersuchen.

Ich genieße die freundschaftliche Atmosphäre im Barneo-Camp und lerne Tag für Tag neue interessante Menschen kennen. Aber nach fünf Tagen ist es auch genug: Ich will endlich zum Nordpol!



insgesamt 4 Beiträge
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tusche22 18.04.2011
1. Müll zurücklassen
Das Ökosystem der Arktis soll nicht verschmutzt werden, weswegen man dort keine Reliquien der Zivilisation hinterlassen soll. Also keine Plastiktüten und Bierdosen etc. Andererseits werden dort jedes Jahr zwei lustige Planierraupen von dieser speziellen Expedition versenkt (ohne Öle natürlich *hust*). Ich glaube die Besucher vom Burning Man sind da wesentlich umweltfreundlicher mit ihrer Wüste.
manuelbaghorn 18.04.2011
2. !
Zitat von tusche22Das Ökosystem der Arktis soll nicht verschmutzt werden, weswegen man dort keine Reliquien der Zivilisation hinterlassen soll. Also keine Plastiktüten und Bierdosen etc. Andererseits werden dort jedes Jahr zwei lustige Planierraupen von dieser speziellen Expedition versenkt (ohne Öle natürlich *hust*). Ich glaube die Besucher vom Burning Man sind da wesentlich umweltfreundlicher mit ihrer Wüste.
Ein bisschen wundert mich das auch. Meine Meinung dazu: wenn Planierraupen so groß sind, dass man sie nicht wieder weg bekommt, dann darf man sie halt gar nicht erst hinbringen...
schmitz-maier 21.04.2011
3. Geografie-Kenntnisse
Erstaunlich, wie man in einer russischen Antonow AN-74 binnen zwei Stunden 1.500 Kilometer zurücklegen kann. Ein Flugzeug mit einer Reisegeschwindigkeit von gerade einmal 550km/h - ohne Start, Climb, Descent und Landung. Und das die Nordspitze Spitzbergens mit 82. Grad Nord nicht 1500 Kilometer vom 89. Breitengrad entfernt sein kann, weiß jeder Hobbypilot. Gerade mal die Hälfte ist Fakt. Jetzt sponsort der Verlag schon mal so eine teure Recherche-Reise, da sollte man eigentlich eine bessere Vorbereitung erwarten dürfen.
svalbard 18.06.2011
4. Distanzen von Spitzbergen nach Barneo und andere Fragwürdigkeiten
Auch für Hobbypiloten gelten die gleichen Bedingungen, Spitzbergen ist mitnichten am 82° Breitengrad: Der nördlichste Punkt der Insel Spitzbergen liegt auf der Halbinsel Mosselhalvoya am Kap Verlegenhuken auf 80.0623N 7 16.2616E, der nördlichste Punkt des Archipels Svalbard ist das Inselchen Rossoya auf 80.8278N / 20.3458E. Airport Longyearbyen 78.2442N / 15.4953 und somit Luftlinie 1200 km bis Barneo am 89°N, was wohl der Angabe der Flugzeit im Artikel von "über zwei Stunden" wieder entsprechen dürfte. Ungeachtet dieser Haarspaltereien ist das Camp Barneo mit dem entsprechenden Tourismus für Betuchte kritisch zu hinterfragen. Brauchen wir wirklich einen Marathonlauf am Pol und ist es nötig für ein paar Wochen im Jahr mit einem unglaublichen Aufwand und entsprechender CO2-Produktion (Flüge, Generatoren usw)den Pol in einen Abenteuerspielplatz zu verwandeln? Von der jährlichen Versenkung der Planierraupen ganz zu schweigen. Der Betrieb von Barneo wird als "im Dienste der Wissenschaft" vermarktet,dient aber meines Erachtens eher dazu kaufkräftigen Möchtegern-Extremsportler das Ausleben der Profilneurose zu ermöglichen und den Gewinn zu maximieren... Arme geplagte Hocharktis
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