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17. Januar 2019, 04:40 Uhr

Oase Siwa in Ägypten

Orakel der Wüste

Einst war das Orakel von Siwa so berühmt wie das von Delphi. Der Mythos der Oase im äußersten Westen Ägyptens wirkt noch heute. Sie hält Reisende im Bann - und lässt manche nie wieder los.

Schasli braucht keine Worte. Als ein Freund ihm einen Klaps auf den Hinterkopf gibt, formt er mit seinen Händen eine Pyramide. "Aggressiver Ägypter" bedeutet das und ist hier in der Oase Siwa - fernab des Nils mitten in der Sahara - durchaus als ernst gemeinte Beleidigung zu verstehen.

Denn der Gehörlose, der in einem Café arbeitet und seine eigene Gebärdensprache erfunden hat, ist vom Volksstamm der Berber. Die haben nicht nur eine eigene Identität, sondern in der ägyptischen Oase auch eine besondere Bindung zur Natur.

Für das Zeichen für "Siwa" beugt Schasli sich deshalb nach vorn, richtet beide Arme auf den fruchtbaren Boden, als wolle er durch ihn hindurch auf die Wurzeln seiner Existenz zeigen. Seine Botschaft: Wir sind hier, und dieser Ort, der gehört zu uns.

Siwa hält nicht nur seine Bewohner in Bann, sondern auch Reisende - und lässt einige nie wieder los. Die grüne Insel in der Wüste ist so weit weg von den Metropolen Kairo und Alexandria, dass sich Reisende nicht nur in einer anderen Welt, sondern auch einer anderen Zeit wähnen.

Das Leben von Leigh Ann Titus steuerte mitten hinein in diese Parallelwelt, wie die Australierin erzählt. Früher war die Geologin angestellt bei Ölkonzernen und in Hubschraubern unterwegs. Heute sitzt sie in einem Café am Rand der historischen Festung Schali und trinkt Tee. Ventilatoren surren über blauen Tischen. Für sie begann alles mit einem normalen Urlaub, erzählt sie.

Ende 2010 besuchte die Australierin das Land am Nil und wollte anschließend nicht mehr ins Flugzeug nach Hause steigen. Sie folgte, sagt sie, einer Intuition und landete in der Oase. Währenddessen begannen in Kairo die blutigen Proteste der arabischen Aufstände, das Land war im Ausnahmezustand. Titus blieb im beschaulichen Siwa. Erst zur Sicherheit, später aus Liebe. "Die Energie an diesem Ort ist im Boden verankert", sagt Titus, die in Siwa ein Gesundheitszentrum aufbaut. Sie stehe fest wie ein Fels.

Orakel von Siwa

Erst nach etlichen Stunden Fahrt auf ruckeligen Straßen hatten sich die Lehmbauten und Palmenhaine von Siwa aus dem Saharasand erhoben, in denen etwa 20.000 Menschen wohnen. Die Kronen der Dattelpalmen bilden einen grünen Teppich, darüber noch thront ein antiker Lehmtempel. Dahinter liegen flache Salzseen.

"Siwa ist einer der Schlüsselorte auf der Welt", sagt Leigh Ann Titus. Was sie erzählt, macht die meisten rationalen Mitteleuropäer skeptisch: von einem "anderen Energiefeld", das Siwa erzeuge, weil es sich in einer Senke unterhalb des Meeresspiegels befinde. Und von Sinuskurven, die durch diesen Ort laufen würden und deshalb die Schwingungen änderten.

Tatsächlich aber entstand der Mythos Siwa schon vor Jahrtausenden. Die alten Ägypter nannten den Ort "die am weitesten entfernte Oase", erzählt Amr Baghi. Er ist der örtliche Inspekteur der Antikenstätten und steht auf dem Berg der Toten mit Blick über die Oase. Im Inneren der Grabanlage ruht auch ein Priester für den Gott Osiris. In der Antike war Siwa neben Delphi und Dodona die bekannteste Orakelstätte, auch Alexander der Große suchte sie in dem Tempel des Amun auf.

Seinen Aufstieg als Knotenpunkt für den Karawanenhandel habe Siwa nach der ersten Eroberung des Niltals durch die Assyrer vor knapp 2700 Jahren gemacht, erklärt der Ägyptologe Baghi. Damals sei das Gebiet um den Nil nicht sicher gewesen. "Deshalb florierte der Handel aus Mittelafrika zum Meer über Siwa." Aus dieser Zeit stammt auch der griechische Einfluss, der sich sogar in den Hieroglyphen der Gräber spiegelt.

Baghi sagt, dass in Siwa eher der Geist Nordwestafrikas herrscht als der ägyptisch-arabische. Die Berber grenzen sich gern von den Ägyptern aus der Hauptstadt und anderswo ab. Ihre Bräuche, Kleidung oder Schmuckstücke entstammen wie auch ihre Vorfahren aus Tunesien, Algerien oder Marokko.

"Kein Internet, Kein Telefon"

Wenn es Nacht wird in Siwa und die Milchstraße erstrahlt, herrscht eine fast vollkommene Stille. Die Öko-Lodges um die Seen haben meist keinen Strom, das spärliche Licht kommt von brennenden Kerzen oder Fackeln. "Kein Internet, kein Telefon. Die Leute kommen hierher wegen der Ruhe. Um mal an nichts zu denken, nicht an Arbeit, nicht an Stress", sagt Mohammed Gigal, Manager des Hotels Adrére Amellal, als er am Morgen durch die hoteleigenen Gemüsebeete streift.

Die Türen der Luxusherberge sind aus grobem Palmholz, dahinter liegen riesige Zimmer mit Betten aus den Salzplatten der Seen. Doch die 42 Räume sind dieser Tage oft leer. Vor wenigen Tagen war noch eine Gruppe internationaler Diplomaten hier, wo einst auch schon Prinz Charles geschlafen hat.

Seit den arabischen Aufständen 2011 hat der Tourismus in Ägypten es nicht leicht, gerade in einem Ort wie Siwa, der nur 50 Kilometer von der libyschen Grenze entfernt liegt. "Die Armee passt hier gut auf und überwacht die Wüste", sagt Gigal. Auch wenn die Gebiete abseits der Städte in Ägypten nicht immer sicher sind, herrschte in Siwa in den vergangenen Jahren Ruhe. Die Oase ist auch in dieser Hinsicht ein anderes Universum.

Ein Ort für Reisende und Künstler

Die Bewohner Siwas sind entspannt. Allerdings täuscht ihre Toleranz gegenüber Touristen und auch die historisch bedingte größere Offenheit für Homosexualität als im Rest der arabischen Welt nicht darüber hinweg, dass dieser Ort einer der konservativsten in Ägypten ist.

Die Männer dominieren Siwa. Jedenfalls nach außen hin. Reisende können durchaus ein paar Tage hier verbringen, ohne einheimische Frauen überhaupt zu Gesicht zu bekommen. Und wenn sie über die Straße huschen oder auf Wagen sitzen, die von Eseln gezogen werden, bedeckt ein Schleier Körper und Gesicht.

Siwa ist ein fremder, andersartiger Ort. Und das in so ziemlich jeder Hinsicht. Siwa sei ein Ort für Reisende und Künstler, sagt Titus. Sie wolle hier bleiben, auch wenn sie von ihrem Mann getrennt lebe. Er habe seine Jacht auf Mallorca. Titus dagegen entschied sich für Siwa. Mit einem Grinsen warnt sie mögliche Touristen: "Es gibt einige Leute wie mich hier. Wir kommen hier einfach nicht mehr weg."

Benno Schwinghammer, dpa/abl

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