Öko-Unterkunft in Alaska Allein zwischen Eis und Bären

Seeadler, Schwarzbären und absolute Abgeschiedenheit - eine neue Touristenherberge in Alaska wartet auf Zivilisationsflüchtlinge. "Wir tun alles, damit uns die Bären nicht mit Futter assoziieren", verspricht der Betreiber. Doch ohne Pfefferspray lässt er niemanden losziehen.

Ole Helmhausen

Von Ole Helmhausen


Noch eine Öko-Lodge in der Wildnis? Die neue, nur per Schiff erreichbare Kenai Fjords Glacier Lodge ist die einzige Unterkunft im Kenai Fjords National Park in Süd-Alaska. Dass sie etwas richtig macht, sieht man an den Bären: Die lassen sich nicht im geringsten stören.

Eigentlich dürfte es hier gar keine Lodge geben. Noch ein abgelegener Ort geschändet und bebaut, denkt man pflichtbewusst, noch ein Paradies weniger. Der Blick jedoch, das muss man zugeben, ist klasse. Von der Veranda aus - jede der 16 Blockhütten hat nach hinten raus ein kleines Deck mit zwei Schaukelstühlen - sieht man schon beim Zähneputzen ein Alaska, wie man es sich immer vorgestellt hat. Gleich unterhalb der auf Stelzen stehenden Hütte muss etwas Großes geschlafen haben. Vielleicht ein Bär? Das Gras ist noch plattgedrückt.

Gleich dahinter, in der Pedersen-Lagune, üben ein paar Seeotter Rückenschwimmen, tauchen neugierige Seehunde wie Korken auf und unter. Ein Seeadler landet mit lässigem Flügelschlag auf einem Baumstumpf vis-à-vis. Die mit ihren Stummelflügeln wie Raketen vorbei flitzenden Papageientaucher würdigt er keines Blickes. Und im Hintergrund leuchtet zwischen schneebedeckten Giganten der Pedersen-Gletscher in der Morgensonne. Doch es hilft nichts, die Pflicht ruft. Schuhe an und ab zum Frühstück. Nur noch einen letzten Blick, weil's so schön ist. Gerade schlendert ein Schwarzbär - ist der etwa engagiert? - am Ufer entlang. In aller Ruhe, ein Bild des Friedens.

In Nordamerika ist der Run auf die "last best places" in vollem Gange. Touren zu Eisbären, Karibuherden, Orcas und Narwalen, Raftingtrips durch polare Ödnis, Wandern im letzten gemäßigten Regenwald - alles ist möglich, alles buchbar. Zu verhindern ist das nicht, doch erfreulicherweise wird Mutter Natur dabei häufig Samthandschuhen angefasst. Die im Jahr 2009 eröffnete Kenai Fjords Glacier Lodge in Südzentral-Alaska ist dafür ein gutes Beispiel. Umgeben von einer grandiosen Wildnis aus Fjorden und Gletschern, wurde sie am Ende der Aialik Bay gebaut. Auf einem Land, das der Port Graham Corporation gehört, einem Unternehmen der Alutiiq-Eskimos.

Anfahrt per Blechbüchse

2003 beschlossen ihre Führer den Bau einer Öko-Lodge und wandten sich an Alaska Wildland Adventures (AWA), einen einheimischen All-inclusive-Veranstalter mit über 30 Jahren Geschäftserfahrung. "Ich hatte erst Bedenken", räumt AWA-Präsident Kirk Hoessle ein, "aber nach ein paar Jahren Hin und Her sahen wir, dass sie es mit dem sanften Tourismus ernst meinten." Die Lodge ist nur mit der "Whether or Knot" zu erreichen, einem zerbeulten, einer Blechbüchse ähnelndem Landungsboot, das auch schon 80 Tonnen Baumaterial für die Gebäude transportierte.

Die anderthalbstündige Anreise führt von Seward aus die spektakuläre Südostküste der Kenai-Halbinsel entlang. Unterwegs kommt man am Aialik-Gletscher vorbei, einem vom Harding-Eisfeld gespeisten, donnernd in den Pazifik kalbenden Gezeiten-Gletscher mit mehr 120 Meter hoher Eiszunge, vor der selbst Kreuzfahrtschiffe wie Nussschalen aussehen. "Wir erkannten auch, dass der Auftrag an jemand anderes gehen würde, wenn wir es nicht machen." Hoessle lächelt. Er hat einen kleinen Bildband herausgegeben, der den Bau der Lodge vom ersten Landgang bis zur Ankunft der ersten Gäste dokumentiert. "Am Ende begriffen wir, dass dies unsere Chance war, es richtig zu machen."

AWA besitzt die Gebäude, die Inuit das Land. Die Ureinwohner sind an allen Einnahmen beteiligt. Expansionspläne gibt es vorerst nicht. Hoessle ist auf das Umweltkonzept der sich im Waldsaum bei der Lagune versteckenden Lodge so stolz, dass er, wenn er da ist, für die Gäste Touren hinter die Kulissen veranstaltet. Die erfahren interessante Details. So wurde das Waldmoos, das dem Schotterweg vom Strand bis zur Lodge weichen musste, bei der Restaurierung des Bodens rund um die Hütten wiederverwendet. Das Holz für diese wurde dort geschlagen und bearbeitet, wo sie nun stehen. Auch der auf Stelzen gebaute Plankenweg, der heute einen Teil der Hütten mit dem Haupthaus verbindet, wurde gebaut, um die empfindliche Flora am Boden zu schonen.

Der modifizierte 30-Kilowatt-Generator wird nicht mit Diesel, sondern mit Propangas aus 100-Gallon-Flaschen betrieben, um Öllecks zu vermeiden. Er ist so gut lärmisoliert, dass, wie man sich auf der Tour versichern kann, die größte Lärmquelle der Lodge das Gebläse über der Küche ist. Zwölf Batterien speichern überschüssigen Strom und sichern die Versorgung, wenn der Generator über Nacht von 22 bis 8 Uhr abgestellt wird.

Das Abwasserbeseitigungssystem hingegen ist nordamerikanischer Standard: Abwasser fließen zunächst in einen Tank, wo Fest- von Flüssigstoffen getrennt werden. Anschließend werden die Flüssigstoffe in ein Sickerfeld gepumpt, wo sie gefiltert und biologisch abgebaut werden. "Erst dachten wir an eine ausgefeiltere Lösung", sagt Hoessle, "doch unsere Umweltingenieure versicherten uns, es sei genug Kies und Neigung vorhanden, um einen verantwortungsvollen Filterungsprozess zu gewährleisten."

Ein bisschen echte Wildnis

Die Gäste bleiben in der Regel drei Tage und zwei Nächte. Im Preis von gut 1000 Dollar sind die Anreise, alle Mahlzeiten, Aktivitäten und geführten Touren enthalten. Ein vergleichsweise günstiger Deal, nimmt man auch noch die quasi nebenbei anfallenden Wal- und Gletschersichtungen während der Hin- und Rückreise mit in die Rechnung auf. Amerikaner aus allen Teilen des Landes schnuppern hier ein bisschen echte Wildnis fern der Zivilisation, und zunehmend auch Europäer und Asiaten.

"Mit diesem Abstecher von Seward aus erfüllen wir uns den Traum von der Wildnis", schwärmen Hans und Elfe aus Hannover, "wir sind ja keine Trapper, deshalb ist dieser Lodge-Besuch das Nächstbeste!" Auch George aus Schottland, der nach einer Konferenz in Anchorage hier abgestiegen ist, hat keine Wildniserfahrung. "Für einen Stadtmenschen wie mich ist dies eine einzigartige Gelegenheit, ein paar Tage in einer kaum von Menschen gestörten Umgebung zu sein."

Zu tun gibt es genug. Fortgeschrittene Paddler können mit einem Guide ganztägige Kayaktouren in der Aialik Bay unternehmen. Anfänger ziehen die windgeschützte Pedersen-Lagune vor. In für ein Dutzend Menschen ausgelegten Voyageur-Kanus kann man zwischen Eisbergen hindurch bis zum Pedersen-Gletscher paddeln, oder man wandert dorthin und beobachtet unterwegs die seltenen Trompeter-Schwäne, die in der Lagune nisten.

Natürlich kann man auch ohne Guide losziehen. Dann erinnert eine winzige Formalität daran, dass die Wildnis gleich vor der Haustür beginnt. Man muss sich nämlich schriftlich abmelden und eine Dose Pfefferspray mitnehmen. Nicht, dass dies unbedingt nötig wäre - versichern zumindest die Betreiber. "Wir tun alles, damit die Schwarzbären uns nicht mit Futter assoziieren", sagt Hoessle. Bislang scheint das zu gelingen. Die Bären nehmen die Besucher nicht zur Kenntnis. Die Besucher wiederum, sorgfältig von den Guides instruiert, respektieren die Privatsphäre der Bären und drängen sich nicht auf. Ein simples, aber höchst effektives Rezept für friedliche Koexistenz.



insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
shatreng 23.12.2010
1. (fast) zu schön um war zu sein..
Die Bilder sind so klischeehaft schön, dass es fast schon kitischig ist :)
taiga, 23.12.2010
2. What a romance
Zitat von sysopSeeadler, Schwarzbären und absolute Abgeschiedenheit - eine neue Touristenherberge in Alaska wartet auf Zivilisationsflüchtlinge. "Wir tun alles, damit uns die Bären nicht mit Futter assoziieren", verspricht der Betreiber. Doch ohne*Pfefferspray lässt er niemanden losziehen. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,736196,00.html
In den Alpen fing alles an: Zuerst lebten dort nur einige Bergbauern, dann kamen die Rucksackler mit den selbstgeschnitzten Skiern, dann die ersten Lifte, dann die ersten Hotels, dann die großen Lifte – heute findet man in den Alpen kaum mehr unberührte Flecken, höchstens kleine Nischen von wenigen hundert Metern Durchmesser. In Alaska und in anderen Rest-Wildnisflächen bewirbt man jetzt solvente Kundschaft, die die bereits kommerzialisierten (s. oben) Areale nicht mehr attraktiv finden, mit der Exklusivität des Ökotourismus, der vorgibt, keinen Schaden anzurichten. Er ist aber, wie überall auf der Welt, der Einstieg in den Kommerz (s. oben). Die Gäste kommen, wie einst die Rucksackler in Alaska halt noch zusätzlich mit dem Kanu – wie romantisch. Hat diese Lodge Internetanschluss? Ja? Dann is' gut. – Gebucht.
AndyDaWiz 01.01.2011
3. So siehts aus.
Zitat von taigaIn den Alpen fing alles an: Zuerst lebten dort nur einige Bergbauern, dann kamen die Rucksackler mit den selbstgeschnitzten Skiern, dann die ersten Lifte, dann die ersten Hotels, dann die großen Lifte – heute findet man in den Alpen kaum mehr unberührte Flecken, höchstens kleine Nischen von wenigen hundert Metern Durchmesser. In Alaska und in anderen Rest-Wildnisflächen bewirbt man jetzt solvente Kundschaft, die die bereits kommerzialisierten (s. oben) Areale nicht mehr attraktiv finden, mit der Exklusivität des Ökotourismus, der vorgibt, keinen Schaden anzurichten. Er ist aber, wie überall auf der Welt, der Einstieg in den Kommerz (s. oben). Die Gäste kommen, wie einst die Rucksackler in Alaska halt noch zusätzlich mit dem Kanu – wie romantisch. Hat diese Lodge Internetanschluss? Ja? Dann is' gut. – Gebucht.
Ganke - ja. Oder besser nein.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.