Ökodorf Puerto Nariño Bitte keine Papageien stören

Bambus ausreißen und Papageien belästigen ist verboten, Abfall wegwerfen auch, Autos und Motorräder sowieso. Wen kümmert das in Lateinamerika? Alle! Zumindest in Puerto Nariño in der Amazonas-Wildnis von Kolumbien.

Von Bernd Kubisch


In dem Dorf mit blühenden Gärtchen, sauberen Wegen und ständig grüßenden Menschen werden solche Regeln gern befolgt. Und warum? Selbst ein 13-jähriger Schüler kann das in einem Satz zusammenfassen. "Wir lieben unsere Heimat und unsere Natur und schützen sie", sagt Dario. "Deshalb kommen nun viele Touristen zu uns, sogar von ganz weit."

Globetrotter aus aller Welt, die den mächtigen Amazonas entlangschippern, aber auch Familien aus der einige Flug- und Bootsstunden entfernten Hauptstadt Bogotá sind fasziniert von Puerto Nariño, das am Amazonas-Arm Loretoyacu liegt. Dario vom Volk der Ticuna zeigt den Flussverlauf auf der großen Landkarte unweit des Bürgermeisteramts.

Hier in der Hauptgemeinde wohnen gut 2000 Menschen, zusammen mit den Nachbardörfern sind es 7000. Die Vorfahren der meisten Bewohner lebten schon hier, bevor Seefahrer und Entdecker aus Europa in die Region kamen. Die nächste Stadt, Leticia an der Grenze zu Brasilien, ist knapp 70 Kilometer entfernt, je nach Bootstyp zwei bis fünf Stunden.

Heile Welt in der Abgeschiedenheit

Dario zeigt stolz die vielen hellblauen Mülltonnen, den Fußballplatz, das Gemeindeamt, die kleine Bibliothek, das Heimatmuseum, seine Schule. Dario wundert sich, als er hört, dass manche Kinder in Deutschland nicht gern in die Schule gehen. "Das ist schade, ich mag meine Klasse, meine Freunde und Lehrer."

Ein alter Mann trägt einen Sack mit Kochbananen auf der Schulter, ein anderer zieht eine Karre. Ein Bootsbauer verschmiert die Holzfugen mit Teer. Etliche Kinder winken vom Eingang der meist schlichten, aber gepflegten Häuschen. Fast jeder lässt sich fotografieren, wenn er freundlich auf Spanisch angesprochen wird. Und niemand hält die Hand auf.

Überall sprießen Oleander in Pink und Rot, gelbe Allamanda, Bougainvilleas in Purpur und Weiß, mancherorts auch Mangos und Limonen. Die meisten Bewohner sind arm, haben aber ein Dach über dem Kopf. Hungern muss keiner. Fluss, Gärtchen, ein bisschen Landwirtschaft und der Tourismus sorgen für das Nötigste.

Müllauto und Krankenwagen sind die einzigen beiden Fahrzeuge, die auf den schmalen Zement- und Sandwegen fahren dürfen. Wo sollte auch einer mit seinem Auto hin, wenn er sich eines leisten könnte. Selbst ein Geländewagen käme nicht weit. Ein paar Kilometer weiter ist dichter Urwald.

An einem riesigen Bambusgewächs neben einem hellen Steinhaus mit grünen Fensterläden hängt ein Schild: "Es ist verboten, Bambus herauszuziehen und Papageien zu belästigen." Das Herausziehen dürfte unmöglich sein, das Abschneiden nicht. Papageien, auch die größeren Aras, und Affen gibt es reichlich, vor allem außerhalb des Dorfes. Gut befestigte Wege führen über üppig begrünte Hügel in Wellenform zu einem Aussichtspunkt. Von dort sieht man über hochgereckte Palmen, Dächer aus Flechtwerk, Ziegel und Zink hinweg auf den Seitenarm des Amazonas. Hölzerne kleine Boote kreuzen ans andere Ufer. Ein wenig störend in dem Idyll wirkt das neue Bauwerk aus Zement, eine Anlegestelle für Frachtschiffe.

Edles Menü für vier Euro

Zurück ins Dorf: Eine Señora aus Medellín ist begeistert, als sie sich im Restaurant "Las Margaritas" wieder zu Mann und Kindern setzt. "Es espectáculo!", sagt sie zwei-, dreimal laut und deutlich. Die Familie nickt. Der Gemahl meint die gute Verbindung seines Handys, das er am Ohr hat. Die sei spektakulär. "Ich kann hier vom Dschungel meine Sekretärin erreichen." Tochter und Sohn loben das leckere Essen, Fisch im Gemüsesud, eingewickelt in ein Bananenblatt. Ihre Mutti meint aber die Toilette. Sitz, Deckel, Spülung - alles intakt und sauber, dazu Seife, frisches Handtuch, Toilettenpapier.

Das Menü des Restaurants ist der Renner, kostet umgerechnet vier Euro: Fischsuppe, echte frisch gepresste Limonade aus Limonen, Grillfisch mit Reis, Kochbanane und Salat, Kaffee und hausgemachtes Gebäck. Im Anwesen gackern Hühner, blühen Helikonien und Hibiskus. In der Küche schmurgelt und brutzelt es über Holzkohle.

Chefin Francisca Beloza kommt an den Tisch, bedankt sich für das Lob. "Solche guten Restauranttoiletten gibt es hier nicht oft", fügt die 44-Jährige stolz hinzu. "In Berlin-Neukölln und Istanbul auch nicht", meint ein Deutscher am Nachbartisch anerkennend. Das Wort Neukölln versteht allerdings keiner hier. Heute verkauft Señora Beloza 40 Essen. "An guten Tagen 60, an schlechten 6", sagt sie. Die Mutti aus Medellín nickt bewundernd. Dafür, dass es in dem einsamen, abgelegenen Dorf noch etliche konkurrierende Restaurants gibt, sind das eine ganze Menge Gäste.

Auch woanders wird Gutes serviert, etwa im Zehn-Zimmer-Hotel "Casa Selva", einem hellen Steingebäude mit Fachwerk und Innenhof. Vollpension gibt es ab umgerechnet 40 Euro. Das Restaurant offeriert auch landestypische Küche, "Comida tipica", wie Maria Victoria Garcia betont. Wie erklärt sie den Erfolg des Dorfes? Die 42-jährige Hotelchefin sagt: "Wir lieben das Dorf. Bürgermeister und Gemeinderat wollen ein Zeichen setzen gegen Umweltverschmutzung, Gleichgültigkeit und Kriminalität. Und wir alle ziehen mit." Dadurch sei Puerto Nariño sogar "eine kleine Attraktion im Land geworden".

Keine Angst vor Überfällen

Touristen können auch nachts unbesorgt im Dunkeln durch die Gemeinde spazieren, was in Kolumbien sonst nicht überall zu empfehlen ist. Spitzbuben klauen höchstens mal eine Hose von der Wäscheleine, "oder ein Huhn", erzählt Dario lachend. Ja, die Dorfbewohner benutzen meist Wäscheleine und Klammern, nicht wie anderswo in der Region Zaun oder Buschwerk.

Die meisten Besucher sind Großstädter aus Kolumbien, die am Amazonas mit Kind und Kegel Urlaub und dabei einen Abstecher in das schmucke Dorf machen. Der Nationalpark Amacayacu ist nur eine Bootsstunde entfernt. In einigen nahen Seitenarmen des Amazonas sind häufig die sonst seltenen rosa Delfine zu beobachten.

Ich bin jetzt fünf Stunden mit Dario zusammen, der mich unaufdringlich am Pier mit einem "Bienvenido" begrüßt hat. Er hat wirklich Ferien, schwänzt nicht die Schule, um wie so viele Kinder zwischen Mexiko und Brasilien als "Reiseführer" ein Zubrot für die große Familie zu verdienen. Und bisher hat er mich noch zu keinem "Amigo" mit Souvenirshop geführt, der "guten Freunden" einen besonders guten Preis macht. Selbst Limonade und Yucadito - Gebäck aus Kochbananenmehl und Kokos - akzeptiert der Schüler im "Las Margaritas" erst nach einigem Zögern. "Ich habe hier noch nie gegessen", flüstert er. Seine Familie könne sich das nicht leisten.

Sein Vater ist Tischler, seine Mutter Maria kümmert sich um Häuschen und Kinder. Sie versteht noch alles in der Sprache ihres Ticuna-Volkes. Ihr fehle aber der Wortschatz zum Sprechen, sagt sie. Dario kann nur ein paar Brocken. Ähnlich sind seine Englisch-Kenntnisse. Dann zeigt er stolz auf das Schild an der Tür. Jeder in Dorf weiß, wer hier wohnt. Aber so ein schmuckes hölzernes Schild "6-87, Carrera 5, Fam. Lopez Ahue" ist gut fürs Selbstwertgefühl.

So viel Sauberkeit, Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft ohne Hintergedanken werden mir langsam unheimlich. Anderen Neuankömmlingen geht es ähnlich. Ein junges Paar aus Vancouver, das hier seit vier Tagen ist, beruhigt mich: "It is really so nice. You are not dreaming." Zum Glück akzeptiert Dario beim Abschied am Bootssteg das Trinkgeld für sich und seine Familie. Er schiebt den Schein, ohne ihn anzuschauen, in seine Hosentasche. Dabei schaut er sich etwas verlegen um. Dann sagt er: "Das gebe ich meiner Mutter. Gracias. Adios."



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