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Besteigung des Ojos del Salado Todesangst am höchsten Vulkan der Welt

Auf dem fast 7000 Meter hohen Ojos del Salado zu stehen - für Claus Hecking war das ein Traum. Am Ende bangt er mit benebeltem Kopf und zitternden Knien um sein Leben.

Jetzt kann ich mir aussuchen, wo ich sterbe. Der Abgrund links, vielleicht hundert Meter unter mir, gehört zu Argentinien. Der Abgrund rechts zu Chile: der rund 200 Meter tiefe Krater des Vulkans Ojos del Salado. Dazwischen liege ich auf allen Vieren auf einem glatten, schwefelgelben Felsen, suche nach einem halbwegs vertrauenswürdigen Tritt und bange um mein Leben.

Mit einer Hand klammere ich mich an die Fixseile, an denen ich mich hochziehen soll. Sie sehen abgenutzt aus. Mein Kopf ist benebelt. Vielleicht sind es Schwefeldämpfe, vielleicht ist es die Kälte; minus 14 Grad Celsius waren für diesen Morgen angesagt. Vielleicht ist es der Sauerstoffmangel hier oben, 6880 Meter über Normalnull.

Ich habe es ja so gewollt. Hinauf auf den Ojos, den höchsten Vulkan der Erde, 6893 Meter. Einen Traum verwirklichen. "Nicht schwierig", haben sie über den Aufstieg im Internet geschrieben. Hier oben im eisigen Wind fühlt es sich anders an.

Der ruhigere Aconcagua

Nüchtern betrachtet ist der Ojos del Salado auch für Nichtprofis erreichbar. Um den zweithöchsten Berg der westlichen Hemisphäre zu erklimmen, braucht man keine Sauerstoffzufuhr und keine großen Kletterkünste.

Bis zur letzten Gipfelpyramide kann man einfach hochwandern, sofern man mit der Höhe klarkommt. Zehn Tage lang haben wir fünf uns akklimatisiert: zwei slowakische Hobbybergsteiger, zwei Guides und ich. In einer bizarren, kargen, im doppelten Sinne atemberaubenden Landschaft.

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Ojos del Salado: Auf dem höchsten Vulkan der Welt

Foto: Claus Hecking

Kein Baum, kein Netz, keine Tankstelle gibt es dort, wo die Atacamawüste auf die Hochkordillere trifft. Seit der Pick-up von der Hauptstraße abgebogen war, sind um uns herum nur noch Schotter, Felsen, Staub. Immer weiter hinauf in die Anden führt die Piste, hoch zur "Ruta de los Seismiles".

Mehr als 15 Sechstausender ragen entlang der Strecke in den Himmel. Mal sind sie grünlich, vom Kupfer in ihrem Gestein, mal rot vom Eisen, mal sandig-gelb, mal grau oder ein bisschen bläulich.

Manche haben eine zackige Silhouette mit spitzen Hörnern, andere sind Bilderbuch-Vulkane: symmetrisch, mit Krater und Schneekuppe ganz oben. Sie ziehen immer mehr Besucher aus der ganzen Welt an. Aber im Gegensatz zu Südamerikas höchstem Berg, dem Aconcagua (6961 Meter), drängen sich die Bergsteiger am 68 Meter niedrigeren Ojos noch nicht.

Tückischer Aufstieg

Wohl nirgends sind so hohe Berge so unkompliziert zu bezwingen wie in dieser Gegend. Schnee behindert im Südsommer selten den Aufstieg. Mit Allrad-Fahrzeugen kann man oft an den Fuß der Berge fahren, bis auf etwa 5000 Meter über Normalnull.

Vom Start aus erscheint mancher Sechstausender wie ein anspruchsvollerer Wanderhügel. Beim Erklimmen erweisen sie alle sich dann doch als tückischer - wegen schneidender Winde, der Kälte und vor allem mangels Sauerstoff. Der Luftdruck oben ist nicht mal mehr halb so hoch wie im Flachland.

"Viele Besucher unterschätzen die Höhe und überschätzen sich selbst", sagt Álvaro Donoso. "Das ist gefährlich." Unser Assistenz-Bergführer, 34, mit Vollbart, Haarzopf, Unterarm-Tattoo und braunen Augen mit Lachfalten drumherum, erlebt diese Fälle immer wieder.

Manche steigen zu schnell auf, werden höhenkrank, kriegen Lungenödeme und müssen bergab eskortiert werden. Andere verirren sich im Nebel nach Wetterumschwüngen. Und immer wieder kommen Hobbybergsteiger mit Erfrierungen an Fingern oder Zehen zurück, weil sie die Kälte und die Länge der Wege auf die leichte Schulter genommen haben.

Sternstunde mit Orion und Pollux

Álvaro Donoso stand mehr als zwei Dutzend Mal auf Sechstausender-Gipfeln. Drei Winter lang hat er die Bergsteigerhütte an der Laguna Santa Rosa instand gehalten; einer Hauptattraktion der Gegend. Pinkfarbene Flamingos stehen hier im Wasser, das oft so still ist, dass sich die Sechstausender-Kulisse auf der Oberfläche widerspiegelt.

Besteigung des Ojos del Salado

Die chilenische Fluggesellschaft Latam fliegt von Frankfurt mit einem Zwischenstopp in Madrid nach Santiago de Chile. Auch Air France, Iberia oder KLM bieten Umsteigeverbindungen von Deutschland in die chilenische Hauptstadt an. Preise: ab 700 Euro. Von Santiago aus fliegen chilenische Linien wie Latam, Sky oder Jetsmart mehrmals täglich nach Copiapó, dem Ausgangspunkt der meisten Ojos-Touren. Wer lieber den Bus nimmt: Die Fahrt dauert ungefähr elf Stunden.

Im Winter ist Donoso meist ganz allein. "Ich liebe die Einsamkeit", sagt er. "Dann komme ich der Natur wirklich nahe", etwa wenn er einen verschneiten Vier- oder Fünftausender besteigt oder Wildtiere beobachtet. Vicuña-Lamas, Guanacos, Füchse und Falken gibt es hier in der scheinbar so lebensfeindlichen Umgebung.

"Aber wenn im Frühling die Menschen mit ihren Autos kommen, verschwinden die Tiere", erzählt Donoso. Auch Tagestouristen fahren neuerdings vermehrt mit dem Mietwagen in die Gegend. Sie zieht es vor allem zur Laguna Verde, einem azurfarbenen Bergsee auf 4300 Meter Höhe mit heißen Quellen.

Wer den Wind und ein paar Algen nicht fürchtet, kann draußen in 33 Grad warmen Pools liegen und die Natur bewundern. Abends schimmern die Vulkane in Pastelltönen. Sobald es dunkel wird, beginnt die Sternstunde. Orion und sein Gürtel, Castor und Pollux, das Kreuz des Südens – sie alle sind am Nachthimmel zu sehen, so klar wie nur an wenigen Orten der Welt.

Aufgeben will ich nicht

Weiter oben ist es vorbei mit der Romantik. Um uns herum erstreckt sich eine Mondlandschaft. Das Ojos-Basislager Atacama auf 5200 Metern ist so frostig, dass sogar die Pinkelflasche im Zelt vereist. Und im Refugio Tejos - der Container 5837 Meter über Normalnull dürfte eine der höchsten Hütten der Welt sein - findet kaum jemand Schlaf, so dünn ist die Luft.

Es ist noch dunkel, da brechen wir auf zum Gipfelversuch. Der Wind pfeift. Wir arbeiten uns über staubige Serpentinen hoch. Wir fünf werden die einzigen Bergsteiger sein an diesem Tag. Nach ein paar Stunden müssen die beiden Slowaken aufgeben; der eine ist nicht ganz gesund, der andere hat keine Energie mehr. Es ist so kalt, dass selbst sein Proviant aus hart gekochten Eiern eingefroren ist.

Donoso steigt mit ihnen ab, unser Chef-Guide Alberto Monteagudo mit mir weiter hinauf. Zum Glück wird es hell und etwas wärmer. Wir durchqueren den Gletscher, quälen uns im Zickzack immer weiter hinauf zum Krater. Dann kommt die leidige Kletterstelle, mit den Abgründen an beiden Seiten. Und den abgenutzten Fixseilen.

Beim Blick in die Tiefe wird mir mulmig. Aber aufgeben will ich nicht. Nicht so kurz vor dem Ziel. Also bitte ich den Bergführer, voranzugehen und mich mit einem zusätzlichen Seil abzusichern. Ohne traue ich mich nicht. Als Alberto alles erledigt hat, ziehe ich mich die letzten Meter hinauf zum Gipfel. Meine Knie zittern.

Dann stehe ich doch noch oben auf dem Ojos del Salado. Und muss plötzlich heulen.

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