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In den Souks von Maskat: Weihrauch, Myrrhe und Krummdolche

Foto: Helge Sobik

Weihrauch in Oman Der Duft von Weihnachten

Die Heiligen Drei Könige brachten nach Bethlehem Weihrauch mit. Aber was ist das eigentlich? Eine Erkundungsreise in Oman.
Von Helge Sobik

Es duftet süßlich, nach Zucker und starkem Tee, auch nach Tabak und orientalischen Gewürzen - und vor allem feierlich, nach Kirche, irgendwie nach Weihnachten. Ein Muezzin aus der Nachbarschaft ruft zum Gebet. Sein Minarett, so unsichtbar wie er selbst, bleibt hinter den Buntglasscheiben über dem Al-Muttrah-Basar von Maskat verborgen.

Murtada Najwani tritt im langen, weißen Gewand an den Ladentisch von Bakhoor al-Ameen: Vier Kilogramm brauche er. Dringend. Er habe fast nichts mehr, der Vorrat zu Hause sei so gut wie aufgebraucht. "Gute Qualität, bitte", sagt er und zeigt auf den Berg links vom Tresen.

Ameen greift zur Schaufel, gräbt sie in den Haufen aus braun-gelben Steinchen, jedes einzelne anders geformt, alle hart und doch keines wirklich steinern. Er schippt sie auf die altertümliche Waage, jongliert mit den Gegengewichten, gräbt noch ein paar Mal in dem Berg und hat schließlich die vier Kilo beisammen. Murtada Najwani zahlt und eilt mit zwei Plastiktüten nach Hause.

Was Bakhoor al-Ameen verkauft? Weihrauch. Und Myrrhe. In dritter Generation im kleinen Laden der Familie mitten im Al-Muttrah-Souk der omanischen Hauptstadt. Er plaudert, kassiert und telefoniert im Halbdunkel des gedeckten Basars, vom Wetter draußen bekommt er nichts mit.

Ob die Sonne scheint? Höchstwahrscheinlich. Wie fast immer an der Südostspitze der arabischen Halbinsel. Auch kurz vor Weihnachten. Und warm ist es drinnen wie draußen - zwischen 20 und 25 Grad an den meisten Wintertagen. In dem Schälchen neben der Kasse kokelt Weihrauch.

Das Geheimnis der Klümpchen

Was Murtada mit den vier Kilo will? Er verbrennt sie nach und nach zusammen mit ein paar Stückchen Kohle überall bei sich zu Hause, den ganzen Tag lang, in kleinen tönernen Schälchen. Er liebt dieses Aroma, kennt es von klein auf, verzichtet darauf nur unterwegs auf Reisen: "Er gehört hierher. Es ist wie mit deinem Garten. Den nimmst du auch nicht mit, wenn du verreist." Was er gerade eingekauft hat, dürfte für ungefähr einen Monat reichen.

Foto: Helge Sobik

Früher wurde Weihrauch mit Gold aufgewogen. Europäer wussten lange nicht, was das eigentlich für ein Material ist, ob es mineralischen oder pflanzlichen Ursprungs ist, wo genau es herkam. Das Geheimnis um den Stoff machte ihn im Altertum wie im Mittelalter umso interessanter.

Weihrauch war den Menschen so kostbar, dass sie ihn Gottheiten und Herrschern vorbehielten - das war bei den alten Römern so, wie schon zuvor bei den Ägyptern. Später hielt Weihrauch Einzug in die Liturgie christlicher Gottesdienste: weil er so wertvoll war, kaum je irgendwo anders verbrannt wurde und deshalb für besonderen Zauber stand. Und für höchste Würden.

Noch heute bringt man im Abendland Weihrauch vor allem mit Weihnachten in Verbindung. Bakhoor al-Ameen hat davon gehört: "Es ist, weil die Heiligen Drei Könige aus dem Morgenland Weihrauch und Myrrhe als kostbare Geschenke nach Bethlehem mitbrachten." Während er spricht, gleiten ein paar Brocken zwischen den Fingern seiner rechten Hand hin und her.

Karawanen brauchten aus dem Süden der arabischen Halbinsel 100 Tage durch die Wüste bis ans Mittelmeer, nur in wenigen klimatisch ganz besonderen Gebieten gedeiht der Weihrauchbaum. Warm muss es sein, aber auch feucht. Es soll ab und zu nieseln, aber es darf nicht schütten.

Halwa für die Dämonen

Im Süden Omans im Hinterland von Salalah ist das der Fall, gut tausend Kilometer entfernt von den Basaren der Hauptstadt. Außerdem im Jemen, in ein paar südwestlichen Winkeln Saudi-Arabiens und, was kaum bekannt ist, in Somalia. Es sind sogar Somalier, die heute im Weihrauchhandel führend sind.

Bei den vermeintlichen Steinchen handelt es sich um das hart gewordene Harz des Weihrauchbaumes, der kaum höher als zweieinhalb Meter wird, eine weit ausladende Krone entwickelt und im Schnitt zwischen drei und sieben Kilo Ertrag pro Jahr bietet. Dreimal binnen zwölf Monaten wird die Rinde angeritzt, und milchiges Harz quillt heraus, das bald erstarrt. Die dritte Ernte bietet jeweils die beste Qualität.

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Dabei ist es der Überlieferung zufolge nicht ganz ungefährlich, Weihrauch zu ernten. Niemals sollte es ein einzelner Mann tun, niemals ohne zuvor auf Trommeln geschlagen und gesungen zu haben, auf keinen Fall ohne ein Schälchen der Süßigkeit Halwa neben dem Baum abzustellen. Omaner gehen davon aus, dass unter jedem Weihrauchbaum ein Dämon wohnt, der besänftigt werden muss.

Manchmal kommen sie mit 25 Mann und fragen den Dämon in ihren Liedern, ob sie ernten dürfen. Das hat praktischen Nutzen: Die Legende half, die Bäume zu schützen. Denn die Angst vor dem Dämon hat jahrhundertelang Diebe davon abgehalten, sich nachts heimlich an die Weihrauchernte in abgelegenen Tälern zu machen.

Foziya al-Makami stellt mit den Weihrauchbrocken etwas Besonderes an: Sie kocht sie in ihrem Haus in Seeb bei Maskat, bis das Harz wieder flüssig wird. Dann gibt sie Zucker hinzu, trocknet die Substanz, mahlt sie und verkauft das Pulver als Duftstoff für Kleidung oder verarbeitet es weiter zu traditioneller Kosmetik.

Zu ihren Kunden zählen Basarhändler von al-Muttrah. Die Rezepte hat sie von ihrer Mutter bekommen. Makami hat fünf Töchter - von denen sich noch keine für diese Kunst interessiert. Die Älteste arbeitet stattdessen bei einer Ölfirma. "Oman", sagt Foziya, "wandelt sich." Sie macht mit den hennabemalten Händen eine ratlose Geste und lächelt.

Dabei hat Sultan Qabus, langjähriger Herrscher des Landes, die Bedeutung des Weihrauchs erkannt - für den Export und für die Schlagzeilen: Auf Weihrauchbasis ließ er "Amouage" entwickeln und als seinerzeit teuerstes Parfum der Welt auf den Markt bringen. Diesen Rekord haben sich inzwischen andere geholt, "Amouage" gibt es immer noch. Es verkauft sich sogar richtig gut. Die Fabrik ist bei Seeb, nicht weit vom Haus von Foziya al-Makami.

Ob Weihrauch einen Effekt hat? Murtada Najwani zuckt mit den Schultern: "Man sagt, er nährt die Engel. Und unabhängig davon: Er riecht ganz wunderbar und tötet Fliegen." Jetzt lacht er. Und legt schnell noch ein Krümelchen auf den Brenner.