Alexander von Humboldt war einer der ersten, die den Orinoco erkundeten. Längst ist der Fluss erforscht. Doch auch heute noch gibt es abgelegene Siedlungen, fast vergessen von der Zivilisation. Hier geht die kolumbianische Fotografin Juanita Escobar auf Entdeckungsreise.




»Bei herrlichem Mondschein, auf großen Schildkrötenpanzern sitzend, die am Ufer lagen, nahmen wir unser Abendessen ein.«

Alexander von Humboldt


Vor mehr als 200 Jahren bereiste Alexander von Humboldt als einer der ersten Europäer den Orinoco zwischen Venezuela und Kolumbien. Damals war es noch eine echte Mutprobe, sich auf den Fluss zu wagen. Es drohten Krokodile, Piranhas, Schlangen und Jaguare, die nur auf einen Fehler des Expeditionsteams warteten, die Entdecker waren auf sich gestellt, inmitten wilder, unerforschter Natur. Und doch war Humboldt überwältigt: »Die Luft zitterte von den Dünsten auf der erwärmten Sandfläche, alle Gegenstände tanzend, getrübt und erhaben. Dieses Zittern der Lüfte, dies Kochen des Sandes, diese Einsamkeit, diese ungestaltete Breite des Flusses versetzt den Reisenden in eine öde, traurige und abenteuerliche Natur.«


Humboldts Route entlang des Orinocos




Im Frühjahr 1800 notierte Humboldt diese Sätze. Er wird später als einer der größten deutschen Forscher gefeiert, doch als er den Orinoco erkundete, war er gerade einmal 30 Jahre alt. Seine Tagebücher und Briefe lassen spüren, wie sehr der Fluss ihn packte: Die Natur, die hinter jeder Flussbiegung anders scheint, die wenigen Menschen, die entlang des Stroms leben, die tropische Hitze, die ungewohnten Geräusche, Gerüche, Geschmäcker. Unterwegs schrieb er immer wieder seine Eindrücke auf, hielt Beobachtungen und Messergebnisse fest. »Die Vegetation um Atures, Maipures, bezaubernd schön. Täler oder vielmehr Ebenen, Grasfluren und Wiesen mit kleinen Bächen. In diesen nackte Granitplatten und in diesen Beete von Blumen und Gebüsch. Umher und den Horizont begrenzend hohe Granithügel mit dichtem Laubholz bedeckt, aus dem, ein Wald auf dem Walde, 100 Fuß hohe Gruppen schlankstämmiger Palmen emporsteigen – unbeschreiblich malerisch.« Auch wer heute den Fluss bereist, kann Humboldts Worte nachvollziehen:



»Je weiter wir hinauf kamen, desto großartiger und malerischer wurden die Ufer des Orinoco.«

Alexander von Humboldt



Humboldt über den Orinoco



Der Orinoco entspringt an der Grenze zu Brasilien, durchfließt Venezuela und Kolumbien und mündet schließlich vor Trinidad in den Atlantik. Wer heute in der Region reist, hat es im Vergleich zu Humboldt leicht: Es gibt Busverbindungen, sogar Flüge, und auf dem Wasser verkehren vielerorts Fähren und Motorboote. Doch noch immer existieren Siedlungen, die fast vergessen scheinen von der Zivilisation, in denen es nicht so viel anders zugeht als vor 200 Jahren: ohne Verkehrsanbindung, ohne Telefonnetz, ohne Internet. Hier geht die Fotografin Juanita Escobar auf Entdeckungsreise. Die Kolumbianerin, 32, blieb vor 13 Jahren am Orinoco hängen, als sie im ersten Semester ihres Biologiestudiums zu einer Exkursion an den Fluss aufbrach. Die Region faszinierte Escobar so sehr, dass sie das Studium abbrach. Sie entschied, die Natur am Fluss und das Leben der Menschen dort mit der Kamera zu dokumentieren. Dafür begibt sie sich in Gegenden, die nur schwer zugänglich sind:


»Die Stille in der Luft und das Toben des Wassers bilden einen Gegensatz, wie er diesem Himmelsstriche eigentümlich ist.«

Alexander von Humboldt





Escobar folgt nicht bewusst den Spuren Humboldts – und doch gibt es Parallelen zwischen dem Entdecker von damals und der Fotografin von heute: Wie Humboldt bewegt sich Juanita Escobar auf den Wegen und mit den Verkehrsmitteln, die auch die Einheimischen nutzen. Und wie der preußische Entdecker ist sie immer wieder gebannt von der Vielfalt der tropischen Umwelt: von prächtigen Blüten, dem Licht, das die Landschaft ständig anders erscheinen lässt, den Wolken, den Gebirgsformationen an den Ufern – und von den Lebensumständen der Menschen, die hier leben.


Escobars Route entlang des Orinocos




So wie Humboldt damals seine Eindrücke über Natur und Leben am Fluss mit Stift und Papier festhielt, so versucht Juanita Escobar dies heute mit ihrer Kamera. »Es ist immer auch meine Absicht, die Mysterien dieses entlegenen Landstrichs zu dokumentieren und zu erzählen – so wie es auch Humboldt tat«, sagt sie; sie sehe ihre Arbeit, ihre Fotos als eine Art Reisetagebuch. Bevor sie nach Puerto Carreño zog, einem Örtchen direkt am Ufer des Orinoco, verbrachte sie mehr als sieben Jahre in den Feuchtsavannen im Orinoco-Gebiet, den Llanos. Sie lebte dort mit den letzten kolumbianischen Cowboys, die unter harten Bedingungen Viehwirtschaft betreiben, zeigte die raue Schönheit ihres Alltags in eindrucksvollen schwarz-weißen Bildern. Seit zwei Jahren nun ist sie in der Grenzregion zwischen Venezuela und Kolumbien unterwegs, nahe der heute noch lebensgefährlichen Stromschnellen von Maipures, die auch Humboldt besuchte. Hier fotografiert sie in Farbe und erzählt in ihren Bildern von der Natur und den Menschen entlang des Flusses:



Juanita Escobar über ihre Arbeit



»Ein Regiment, das sich auf die Vernichtung der Freiheit der Eingeborenen gründet, tödtet die Geisteskräfte oder hemmt doch ihre Entwicklung.«

Alexander von Humboldt


Escobars Arbeitsweise ist ungewöhnlich: Sie taucht völlig ein in das Leben derjenigen, die sie abbildet, passt sich ihrem Alltag an, lebt mit ihnen. Ein Abenteuer. Am Orinoco interessieren sie vor allem Frauen, die hier oft unter prekären Lebensbedingungen leben. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, viele Frauen prostituieren sich aus Not. Doch Escobars Bilder zeigen nicht Elend und Tristesse. Die Fotografin porträtiert die Menschen poetisch, zeigt sie eigenwillig und stark. Sie macht deutlich, wie sehr die Menschen mit der Natur, dem Land verbunden sind, wie sehr der Fluss und seine Anwohner voneinander abhängig sind und wie sie sich gegenseitig prägen. Das gelingt ihr, weil sie diejenigen, die sie fotografiert, wirklich kennenlernt.





Auch Humboldt habe nicht nur die Geografie erforscht, sondern immer auch die Menschen und deren Beziehung zur Landschaft studiert, sagt Escobar. Seine Beziehung zu den Ureinwohnern fasziniere sie an Humboldt am meisten. In Humboldts Tagebuch sind die Indigenen und ihre Benachteiligung immer wieder Thema, sehr deutlich beschreibt er, welche Folgen die spanische Kolonialherrschaft für die einheimische Bevölkerung hatte: »Die eifrigen Jesuiten erweiterten ihr Reich mit Gewalt, ließen viele Indianer töten und Alt und Jung wegschleppen, welche dann (eine durch spanische Gesetze erlaubte und noch heute, nur seltener praktizierte Grausamkeit) weit von ihrer Heimat verpflanzt wurden«, notierte Humboldt über die Lebensbedingungen der Indigenen. Die Folgen der Kolonialzeit sind teilweise bis heute sichtbar. Auch in der Gegend, die Juanita Escobar erkundet: Noch immer ist die indigene Bevölkerung unterprivilegiert, ihre Chancen im Leben sind begrenzt, Alkohol, Drogen und Gewalt sind allgegenwärtig. Trotzdem betont die Fotografin in ihrer Arbeit immer wieder den Reichtum der verschiedenen Kulturen, deren tiefes Wissen über das Leben mit dem Urwaldstrom, die Natur und die uralten Geschichten über das Leben am Fluss:





»Wie gewöhnlich waren die Jaguare über dem Flussarm herübergekommen und wir hörten sie ganz in unserer Nähe brüllen.«

Alexander von Humboldt


Für diejenigen, die hier leben, ist der Fluss wie ein lebender Organismus, mit Launen, die sich immer wieder ändern, an die sie sich anpassen. Für jene, die hier reisen, bleibt der Orinoco ein Stück weit rätselhaft und unberechenbar. Erst 1951 entdeckten Wissenschaftler die Quelle des Flusses. Zwar gibt es inzwischen an dem 2000 Kilometer langen Flusssystem kaum noch unbekannte Flecken. Expeditionen in völlig unerforschte Gegenden, wie sie Humboldt unternahm, sind hier nicht mehr möglich. Doch noch immer gibt es Welten, für die sich kaum jemand interessiert, die weitgehend verborgen sind, etwa jene der indigenen Frauen. Dieses unbekannte Leben will Juanita sichtbar machen, will es festhalten. Ihre Fotos sind Dokumente des Lebens am und mit dem Orinoco. Ebenso wie Humboldts Aufzeichnungen von vor 200 Jahren.


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VIDEOS / FOTOS Juanita Escobar, produziert mit Unterstützung der Magnum Foundation
REDAKTION / ÜBERSETZUNG / VIDEOSCHNITT Alexandra Frank
TEXT Eva-Maria Schnurr
GESTALTUNG Elsa Hundertmark
GRAFIK Jennifer Friedrichs
MOTION DESIGN Lorenz Kiefer
PROGRAMMIERUNG Chris Kurt
PRODUKTION Alexander Epp, Elsa Hundertmark




CREDITS AKG-IMAGES (1), LUCA ZANETTI (1)