Oscar der Riesenwellen-Surfer Im Weiß der Welle

Die Filmbranche hat die Oscars, die Surferszene den XXL Award: In Kalifornien konkurrieren die weltbesten Surfer darum, wer im vergangenen Jahr die spektakulärsten Riesenwellen gemeistert hat. SPIEGEL ONLINE zeigt die Nominierten und ihre atemberaubenden Kunststücke.

Von Kerstin Walker


60 Kilometer vor Los Angeles liegt Anaheim. Eine unscheinbare Stadt, deren einzige Sehenswürdigkeit Disneyland ist. Wenig bekannt ist, dass in dem kalifornischen Nest Stars wie Gwen Stefani und Jeff Buckley aufwuchsen. Auch dass ausgerechnet hier am Freitag anlässlich einer Art Oscar-Verleihung der rote Teppich vor dem Grove-Theater ausgerollt wird, wissen nur die wenigsten.

Mit dem Billabong XXL Award, dem Oscar der Riesenwellen-Surfszene wird das Erscheinungsbild der wildesten Wellenreiter über ein ganzes Jahr hinweg gewertet. Performance nennt es die Szene, ganz wie bei einem Künstler, wenn die Surfer die bis zu 20 Meter hohe Wellen abreiten, nachdem sie sich von Jet-Skis oder Helikoptern hineinziehen ließen. Beurteilt wird dabei auch, wie viele außergewöhnliche Wellen der Surfer ohne Sturz zu Ende ritt. Nur wenige hundert Sportler weltweit wagen diese Mutprobe.

Angesichts der Fotos und des Filmmaterials, mit denen diese Teufelsritte dokumentiert werden, denkt der Laie: "Die Jungs müssen komplett verrückt sein." Doch hinter den spektakulären Momentaufnahmen stecken ein monatelanges Training und vor allem eine perfekte Vorbereitung. Sebastian Steudtner aus Nürnberg, der einzige deutsche Big-Wave-Surfer in der internationalen Szene, erklärt: "Es gibt weltweit wenige Surfer, die wie der Amerikaner Garrett McNamara oder Sebastian Sanchis aus Frankreich diese bis zu 20 Meter hohen Wellen surfen können."

"Wellen von dieser Größe sind selten", erzählt Steudtner. "Sie entstehen nur an ein paar Tagen im Jahr." Der Kick beim Surfen entstehe aus der Überwindung, sich an solche Wellen heranzutrauen. Was dann zähle, sei der Drang, den Ritt zu perfektionieren: "Wenn ich surfe, bin ich voll konzentriert," sagt der 24-Jährige. "Man bekommt nichts von der Umgebung mit. Ich höre nur noch den Donner der zusammenbrechenden Wassermassen."

Wochen der Vorbereitung, Sekunden des Genusses

Auf der Jagd nach den XXL-Wellen werden Surfer zu Reisenden. Mit ihren Teams umrunden sie den Globus. Wie Zugvögel richten sie sich dabei nach den Jahreszeiten, um zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein. Ein Surferjahr lässt sich in zwei Saisons unterteilen. Im Winterhalbjahr, von November bis März, brechen zum Beispiel die Jaws genannte Welle vor Hawaii oder auch die Belharras vor Frankreich. In den Sommermonaten zieht es Surfer eher an die Küsten vor Tahiti nach Teahupoo, dort laufen große Tunnelwellen.

"Durch die Reisen komme ich auf rund 70.000 Flugmeilen pro Jahr," schätzt Steudtner, der Hawaii als Arbeitsplatz, aber auch als seine zweite Heimat bezeichnet. "McNamara und Sanchis dürften jeweils bis zu 200.000 Meilen im Jahr mit dem Flieger zurücklegen." Eine Strecke, die etwa der achtfachen Umrundung des Globus entspricht.

Für einen Augenblick, für diesen kurzen, ultimativen Ritt auf der Welle, geben diese Surfer alles. Die Zeit, die sie letztendlich auf der Welle reiten, lässt sich dagegen in wenigen Sekunden bemessen. Sekunden, denen manchmal Tage und sogar Wochen der Vorbereitungszeit gegenüberstehen.

"Jeder normale Reisende checkt vorher ab, ob das Wetter am Ziel gut ist," sagt Steudtner. Profisurfer lässt das kalt, denn was sie brauchen, sind Tiefdruckgebiete, besser noch: einen ausgemachten Sturm. Was knapp eine Woche zuvor als Brise beginnt und sich zu einem lokalen Unwetter auswächst, einer sich langsam drehenden Spirale, die das Meer auseinander treibt, bringt den Swell. So nennen Surfer die schwere Dünung, die große Wellen mit sich bringt.

Orkane und Stürme, die im Pazifik Schrecken verbreiten, sind für sie Vorboten eines möglichen Big Days. Das sind jene unvergesslichen Tage, die - wird der Ritt auf der Welle auf einem Foto oder mit Filmmaterial festgehalten - ihnen Chancen auf den XXL Award beschert. Denn auch bei den Surfern gilt: Dem besten Darsteller gebührt der Oscar.

Wissen, wo die Welle läuft

Wann und ob die Welle an einem Spot bricht, ist allerdings ungewiss. Einen Großteil ihrer Zeit verschlingt bei den Surfern deshalb neben dem körperlichen Training die Suche nach verlässlichen Informationen. Auf dem Online-Portal surfline.com zum Beispiel checken sie die Bedingungen an den Küsten. Was sie brauchen, sind die exakten Wellenvorhersagen von Meteorologen.

"Know before you go", lautet der Slogan auf der Website - für Surfer wie McNamara, Sanchis und Steudtner ist er Programm. Alle sechs Stunden werden die Informationen im Netz aktualisiert. Wenn sich anhand dieser Daten abzeichnet, dass 24 Stunden später große Wellen auf eine Küste treffen sollen, sitzen die Profis längst im Flieger.

"Nur gut zu sein reicht eben nicht. Du musst wissen, wo die Welle läuft," bringt es Steudtner auf den Punkt. Alle präzisen Daten für den Surf Alert der Website liefert NOAA, die Wetter- und Ozeanografiebehörde der Vereinigten Staaten. Die Infos stammen von unzähligen im Meer verankerten Bojen, die alle Bewegungen an der Meeresoberfläche aufzeichnen und weiter leiten. Gegründet wurde die NOAA 1970 als eine Einrichtung des Handelsministeriums, um die nationalen Ozean- und Atmosphärendienste zu koordinieren.

Vor Ort gilt es, dem Jetlag zuvorzukommen, mit dem auch jeder Normalreisende nach einem Langstreckenflug zu kämpfen hat. "Unser Ziel ist, auf dem Wasser zu sein, bevor der Jetlag einsetzt", verrät Steudtner, der perfekt organisierte Nürnberger. Das bedeutet: raus aus dem Flieger und rauf auf die Welle. Müdigkeit und Leistungstief setzen erst nach etwa sechs bis acht Stunden ein.

Doch zu diesem Zeitpunkt hat ein Wellenreiter seinen Big Day bereits hinter sich.

Neben den in diesem Jahr nominierten Surfern gibt es auch unter den Surf-Spots Orte, die als Oscar-verdächtig gelten. SPIEGEL ONLINE stellt vier der Favoriten vor:



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