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Türkei per Zug: Instagram-Phänomen Ost-Express

Foto: Ahmed Deeb/ TMN

Instagram-Hype Ost-Express Tanz im Waggon

Der Ost-Express von Ankara nach Kars ist in der Türkei ein Phänomen geworden - nicht zuletzt durch Instagram. Die Passagiere zelebrieren Nostalgie, Gemeinsamkeit und ziemlich viel Kitsch.

Tugay Cicek hängt sich aus dem fahrenden Zug und kommt dem Boden gefährlich nahe. Mit einer Hand klammert er sich an der offenen Waggontür fest, in der anderen hält er sein Telefon und macht ein Selfie.

Der Zug rattert am Fluss Euphrat entlang, der sich durch die Osttürkei schlängelt. Der Fahrtwind zerrt an Tugays Mütze. Der Alarm schrillt, ein Zugbegleiter mit schwarzem Schnauzer kommt um die Ecke geschossen. "Das ist verboten", ruft er, scheucht Tugay weg und verriegelt die Tür.

Doch der 23-jährige Student aus dem westtürkischen Balikesir hat bekommen, was er wollte: Nervenkitzel und ein Foto, das er später auf Instagram teilen kann. Unter dem Hashtag #doguekspresi (Ost-Express)  tauchen dann seine Bilder von dem Zug auf, der inzwischen ein Phänomen in der Türkei geworden ist.

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Türkei per Zug: Instagram-Phänomen Ost-Express

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1300 Kilometer in 24 Stunden und 30 Minuten: Der "Dogu Ekspresi" startet von der türkischen Hauptstadt Ankara und fährt bis nach Kars an die armenische Grenze. Dabei durchkreuzt er sieben Provinzen und fährt große Strecken am Fluss Euphrat entlang. Jeden Tag startet der Express um 18 Uhr in Ankara und ist laut Plan am darauffolgenden Tag um 18.30 Uhr in Kars, oft aber auch mit Verspätung.

Die Nachfrage nach dem Ost-Express ist so groß, dass es inzwischen sogar einen zweiten Ost-Express gibt, extra für Touristen. Der allerdings fährt dieselbe Strecke in 32 Stunden, weil er zwischendurch Halt macht, und er ist wesentlich teurer.

Keine Option für Tugay, der den klassischen Express bevorzugt. Die Lokomotive zieht sieben Schlafwagen, mit Abteilen für zwei beziehungsweise vier Personen, drei Großraumabteile und einen Essenswagen.

Weinvorrat im Schlafwagenabteil

Nach Abfahrt ist es nicht mehr lange hell. Doch interessant wird die Landschaft ohnehin erst am nächsten Morgen. In der Provinz Sivas geht die Sonne auf. Das Gelände wird bergig und wilder. Auf den Gipfeln am Horizont liegt Schnee - je weiter der Zug gen Osten fährt, desto mehr.

In Waggon Nr. 6 hat sich Tugay eine Trainingsjacke der deutschen Nationalmannschaft übergezogen - Thomas Müller ist sein Lieblingsspieler - und lehnt am Fenster. "Ich studiere Tourismus, bin aber noch nie aus der Westtürkei herausgekommen", sagt er. Der Zug sei die Gelegenheit dazu. Die Fläche der Türkei ist mehr als doppelt so groß wie Deutschland, und nicht alle Türken haben die Möglichkeit oder Lust, in ferne Provinzen zu reisen.

Tickets für die Schlafwagen sind schwer zu ergattern. Tugay und seine Freundin Sadberk Silan hatten Glück und haben ein Viererabteil komplett reserviert. Dort haben die Studenten auch einen kleinen Weinvorrat angelegt. Denn Alkohol wird in der staatlichen Bahn nicht verkauft, da wird der Einfluss der konservativen Regierung spürbar.

In der Provinz Erzincan fährt der Zug durch eine Schlucht. Der Strom des Euphrats wird hier breiter, das Wasser ist türkis, glatt und still. Die von der Sonne angestrahlten Berge spiegeln sich darin - ein Postkartenmotiv.

Den Ost-Express gibt es schon seit den Dreißigerjahren, er startete ursprünglich sogar in Istanbul. Seit etwa zwei Jahren ist er populär bei Türken, aber auch bei Ausländern. Verantwortlich für den Hype sind vor allem Instagram-Videos und -Fotos, die zeigen, wie sich der Zug durch traumhafte Landschaften schlängelt, und geteilt werden von Menschen, die auf der Reise offensichtlich jede Menge Spaß haben.

Lichterketten und Girlanden als Fensterdeko

Nachts fährt der Zug etwa 90 km/h, sagt ein Zugbegleiter, tagsüber oft nur 70 km/h. Um Geschwindigkeit geht es den Reisenden nicht. Im Zug wird Nostalgie zelebriert, und das auch mit ein wenig Kitsch: Vier Studentinnen aus Samsun haben Fotos in Polaroidoptik in ihr Abteil gehängt, aufgereiht an einer Wäscheleine vor dem Fenster. Daneben baumeln Lichterketten und Girlanden. Blumen, Teelichter und Kassetten verzieren den ausklappbaren Tisch.

Im Waggon Nr. 9 tanzt die 46-jährige Tülay Özcelik zu türkischer Musik von Abteil zu Abteil. Sie trägt einen rot-weißen Pulli mit Rentiermotiv und weißer Jeans. Unter einer roten Mütze quellen die blonden Haare hervor.

Özcelik sagt, sie habe ein ganzes Jahr auf diese Fahrt hingefiebert, Reiseblogs verfolgt und Vorbereitungen getroffen. Nun, da sie endlich ein Ticket hat, soll alles perfekt sein. Sie teilt sich mit ihrer 50-jährigen Freundin Hülya Meydan einen Zweierschlafwagen, den die Frauen in Rot und Weiß dekoriert haben. Über den zum Bett umgebauten Sitzen liegt eine rote Decke, ebenfalls mit Rentier-Motiv.

In der Ecke ist ein Waschbecken, daneben ein Tisch. Darauf sind noch die Reste des Frühstücks, das sich die beiden zubereitet haben: selbst gebackene Brownies und Gebäck, Tomaten, Gurken, Käse und Plätzchen. Aus dem mitgebrachten Kocher duftet es nach Schwarztee. "Die Fahrt ist sehr schön, mitten durch die Natur", sagt Özcelik. Außerdem lerne man schnell Leute kennen und schon am zweiten Tag fühle es sich an "wie eine Familie".

Die beiden Frauen sind seit 25 Jahren befreundet und gemeinsam schon durchs halbe Land gereist, wie sie sagen. Özcelik weiß bestens Bescheid über die Endstation Kars. Sie schwärmt vom Cildir-See, der etwas mehr als eine Stunde Autofahrt außerhalb vom Stadtzentrum liegt. Oft ist der See noch bis Mitte März zugefroren. Dort können die Reisenden sich mit einem Pferdeschlitten über Schnee und Eis kutschieren lassen.

Waggontänze über Instagram

Die meisten nutzen die Reise, um sich Ani anzuschauen, die "Stadt der 1001 Kirchen", direkt an der türkisch-armenischen Grenze. Im 10. und 11. Jahrhundert war sie Hauptstadt eines armenischen Reiches und wichtige Station an der Seidenstraße. Heute liegt die Stadt in Ruinen und Armenien direkt gegenüber. Ein Grenzfluss, der durch eine Schlucht fließt, trennt die beiden Länder. Die Grenze ist seit 1993 geschlossen, seit 2016 ist Ani Unesco-Weltkulturerbe.

Kars ist außerdem berühmt für seinen Käse, so wie jede Provinz, durch die der Zug zuckelt, für irgendetwas bekannt ist. In Sivas etwa werden die Kangal-Hirtenhunde gezüchtet. Die Menschen in Kayseri, sagt eine Passagierin, "malen einen Esel an und verkaufen ihn als Kuh", soll heißen: Dort kommen die besonders gerissenen Geschäftsleute her.

Erzurum wiederum ist berühmt für seinen "Cag-Kebabi". Deswegen ist Kebab bestellen eine Tradition im Zug. Und das funktioniert so: Einige Kilometer vor Erzurum Stadt stoppt der Ost-Express plötzlich mitten auf der Strecke neben einem Zug aus der Gegenrichtung. Unbemerkt von den meisten Reisenden klettert ein Kebab-Verkäufer an Bord und beginnt seine Arbeit.

Ost-Express in der Türkei

Die nächste Stunde geht er von Abteil zu Abteil, nimmt Bestellungen entgegen und gibt sie an sein Restaurant durch. Die Reisenden zahlen sofort und in bar. In Erzurum hält der Zug für zehn Minuten. Die Zugbegleiter nehmen die Tüten voller Kebab in Empfang, bringen sie im Laufschritt zu den einzelnen Waggons und teilen das Essen aus.

Traditionen im Ost-Express gibt es ohnehin viele, etwa allerlei Arten von Waggontänzen, die die Reisenden meist zu türkischer Musik aufführen. Wer damit ursprünglich angefangen hat, weiß niemand so genau. Irgendjemand hat es zuerst auf Instagram geteilt, die anderen zelebrieren es nach.

Tugay, Sandberk und ihre neu gewonnenen Freunde finden die Tänze eher albern. Von der Reise sind sie aber begeistert. In Kars wollen sie zwei Nächte übernachten und nach Ani und zum Cildir-See fahren. Außerdem hat Tugay Gefallen an Zugreisen gefunden und plant eine Fahrt mit dem Süd-Express. Der bringt die Reisenden nicht zu den Stränden nach Antalya, wie der Name vermuten lässt, sondern in den Südosten. Auch da war der Student noch nie.

Mirjam Schmitt, dpa
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