Osterinsel Zwischen Steinriesen und Vogelmännern

Die Faszination ungelöster Rätsel lockt vor allem Weltreisende auf die abgelegene Insel Rapa Nui im Stillen Ozean. Bis heute ist ungeklärt, wie dort die gigantischen Steinstatuen entstanden und was den Niedergang der Zivilisation verursachte. Ein Bericht vom "Nabel der Welt".


Hanga Roa - In der unendlich scheinenden Weite des Stillen Ozeans liegt das Eiland Rapa Nui, das seine Geheimnisse bis heute nicht preisgab. "Te pito o te henua", Nabel der Welt, nennen es die Ureinwohner. Längst ist Rapa Nui auch ein Touristenziel: Wenn der Langstreckenjet aus Santiago de Chile nach fast fünf Stunden Flug auf der Osterinsel - wie sie auch heißt - aufsetzt, warten schon Dutzende Insulaner auf die Reisenden, um ihnen Gästebetten anzudienen oder sie in die gebuchte Unterkunft zu bringen.

Besonderen Komfort bietet die karg bewachsene Insel ebensowenig wie Strände und Südseeflair, obwohl sie geographisch zu Polynesien gehört. Der kühle Humboldtstrom im Pazifik bestimmt das Klima. "Reisezeit ist das ganze Jahr über", sagt die Deutsche Conny Martin, die seit fast zehn Jahren hier lebt und mit ihrem chilenischen Partner ein Reisebüro betreibt. "In der Hauptsaison von Oktober bis März ist es wärmer und länger hell, die übrigen Monate sind kühler mit Regen, aber es fällt kein Dauerregen."

Die Osterinsel erhielt ihren Namen vom holländischen Seefahrer Jakob Roggeven, der sie am Ostersonntag des Jahres 1722 entdeckte. "Damals standen die Figuren noch", erzählt der junge amerikanische Historiker Bill Peters aus New York. Unter "Figuren" versteht er die mysteriösen Moais, die einst zu Hunderten auf altarartigen Plattformen errichtet worden waren.

Bis zu 21 Meter hohe Steingiganten

Als der britische Weltumsegler James Cook 52 Jahre später das 163 Quadratkilometer große Eiland - etwa ein Drittel der Größe der Ostseeinsel Rügen - betrat, sah er keine der aufgerichteten Moais mehr. Von den Bewohnern der Insel nahmen die Seefahrer keine guten Eindrücke mit. "Sie waren die größten Diebe, die wir auf der Reise fanden", notierte einer. Der Niedergang der unbekannten Kultur hatte damals schon begonnen.

Einige der meterhohen Moais aus Lavagestein stehen heute wieder aufgerichtet an verschiedenen Stellen. "Der größte misst 21,4 Meter, liegt aber noch im Steinbruch. Alle nennen ihn El Gigante", erklärt Conny Martin. Der alte Steinbruch am erloschenen Vulkan Rano Raraku diente als Steinmetzwerkstatt. Kaum ein Tourist versäumt einen Ausflug dorthin, wo noch mehrere Hundert fertige und unfertige Monolithe liegen.

Die zweite Attraktion der Osterinsel ist der Vulkan Rano Kao mit seinem grün schimmernden See. Am Kraterrand liegt die Kultstätte Orongo mit den Behausungen für Vogelmenschen. Sie erinnern an das gefährliche Ritual für junge Männer, das erste Ei der Schwarzen Wanderschwalbe aus dem Nest auf einem der drei winzigen vorgelagerten Felsen zu holen. Der Sieger wurde für ein Jahr zum "Vogelmann" ernannt.

Rätsel über Rätsel

Die Besiedlung der Insel begann vor etwa 1000 Jahren aus Polynesien, fanden Völkerkundler heraus. Über den Verlauf der Geschichte gibt es mehr Theorien als Erkenntnisse. "Rapa Nui gibt Rätsel über Rätsel auf", sagt Bill Peters. Forscher versuchen seit Jahren, Licht in die mysteriöse Vergangenheit zu bringen. Diese lockt auch zunehmend Touristen an, besonders in der Hochsaison mit dem angenehmeren Wetter.

"Zwischen November und März sollte man Flüge und Hotels im Voraus buchen", rät Conny Martin. "Bei der Einreise muss ein Flugticket für eine Rück- oder Weiterreise vorhanden sein." Wichtig ist außerdem die rechtzeitige Bestätigung der Flüge. Die Route über den Pazifik führt von Santiago de Chile bis Papeete auf Tahiti, so dass die Osterinsel auch Ziel von Touristen mit Rund-um-die-Welt-Ticket ist.

Bei den Kosten müssen Reisende die Insellage Rapa Nuis bedenken. "Hotels sind recht teuer, haben aber keinen vergleichbaren Standard zu Europa oder den USA", sagt Martin. Auch die Verpflegung geht ins Geld. Alle Waren werden über Tausende von Kilometern per Flugzeug und Schiff herangeschafft.

"Das Mystische fasziniert mich", sagt der brasilianische Manager Luiz Cavalcanti aus Sao Paulo, der den "Nabel der Welt" schon zum zweiten Mal besucht. "Wie konnten die Menschen die tonnenschweren Moais transportieren, ohne über schweres Gerät zu verfügen? Wo ist die bis in die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts nachgewiesene üppige Vegetation geblieben? Warum haben die Kolosse überlange Ohren, warum wurden sie an der Küste stets mit dem Rücken zur offenen See aufgestellt?", fragt er.

Und selbst die Frage nach "außerterrestrischen Wesen" als Besucher des entlegenen Eilands auf halbem Weg zwischen Amerika und dem Inselreich der Südsee taucht gelegentlich auf. Schließlich wurde vor zehn Jahren die Flugpiste nahe des Hauptortes Hanga Roa so verlängert, dass sie auch als Landeplatz für US-Raumfähren benutzt werden könnte.

Horst Heinz Grimm, gms



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