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Santa-Cruz-Trek in Peru: Wandern aus der Eselperspektive

Foto: Stephan Orth

Packesel in Peru Kein Job für Fohlen

Für Wanderer ist es eine der spektakulärsten Touren der Welt, für Esel harte Arbeit: Der Santa-Cruz-Trek in Peru strapaziert Füße und Hufen gleichermaßen. Doch was denken die Vierbeiner wirklich über die Menschen und ihr seltsames Verhalten im Gebirge? Ein Packesel packt aus.

Vielleicht lag es an der Müdigkeit nach neun Stunden Wandern mit schwerem Gepäck. Oder an der dünnen Höhenluft Perus. Wie auch immer, ein unbedachter Moment sorgte dafür, dass aus einer bis dahin nur leichten Abneigung echte Feindschaft wurde. Das war schlimm. Aber noch schlimmer war der eklige Minzgeschmack, den ich noch Stunden aushalten musste. Schnaub.

Dabei sah das schwarze Beutelchen auf den ersten Blick verdammt vielversprechend aus. Unbewacht lag es vor einem der bunten Zelte auf dem Paria-Campingplatz. Ein kurzer Trab, ein beherzter Biss - und dann: Zahnpasta. Feuchtigkeitscreme. Flüssigseife. Rasiergel. Rasiergel! Welcher Idiot nimmt Rasierzeug mit auf eine viertägige Wanderung? Mensch, Mensch, wenigstens hier in der Natur könnt ihr das Fell doch mal wachsen lassen.

Statt sich für die misslungene Mahlzeit zu entschuldigen, rannte der Nassrasierer hinter mir her und schnaubte wütend etwas auf Deutsch. Schäumend vor Zahnpasta ließ ich die bittere Beute fallen. Der Peiniger meiner Mundflora lief zum Bach, um Spucke und Chemie von seinem Beutel zu entfernen. Ich schiss neben sein Zelt.

Was bin ich doch für ein Esel, dachte ich mir. Apropos - ich habe mich ja noch gar nicht vorgestellt: Mochita, sehr erfreut. Vier stabile Hufe, dichtes weißbraunes Fell, kräftige Hüften und jetzt die wohl saubersten Zähne der gesamten Tierwelt - unter den burro-Damen der Cordillera Blanca bin ich ein Prachtexemplar. Jeden Tag ziehen Dutzende von uns mit ihren peruanischen guias über den berühmten Santa-Cruz-Trek und schleppen Küchengeschirr, Kocher und Rucksäcke für Herdenwanderer. Kein Job für Fohlen, bis auf fast 5000 Meter Höhe führt die Tour.

Mit Pulverfressern zum Base Camp

Manchmal bin ich auch mit Kletterern unterwegs. Bei denen sind zwar die Arbeitszeiten besser, weil man tagelang das Basecamp abgrasen kann, während die Irren am Alpamayo oder am Huascaran ihr Leben riskieren. Doch von abgebrühten Alpinisten kriegt man selten einen Apfel zugesteckt. Die haben anderes im Kopf, als treu dienende Tragetiere niedlich zu finden. Außerdem essen sie sowieso fast nur Pulverfutter, das schmeckt total künstlich.

Wenn sie dann mit wedelnden Armen und erfrorenen Hufen zurück ins Camp kommen, zeigen sie jedem das Gipfelfoto auf ihrer kleinen Digitalkamera. Nur den Eseln nicht. Keiner der Stumpfohren denkt daran, dass wir auch mal Bock hätten, zu sehen, wie es da oben aussieht.

Der dritte Typ Bergtourist sind die Individualisten, die ihr ganzes Gepäck selber tragen. Heimlich wünschen sie sich, stark wie ein Esel zu sein. Einer von ihnen ist der Nassrasierer. Der ist doof, das deutete sich schon vor der Kulturbeutel-Katastrophe an. Zwei Stunden lief er neben mir, doch statt mich auch nur einmal zu streicheln, machte er die ganze Zeit Landschaftsfotos.

Aber mit ihm ist Dave aus den USA unterwegs, und Dave ist mein Lieblingswanderer. Jeden Abend freue ich mich darauf, ihn im nächsten Camp wiederzutreffen. Dave ist Bergführer im Yosemite-Nationalpark und erzählt oft, wie viele Dollar er bei jedem seiner Ausrüstungsgegenstände gespart hat.

Sein Lieblingsspielzeug ist ein batteriebetriebenes Stäbchen, das mit UV-Strahlen Wasser von Bakterien befreit (99 statt 139 Dollar). Trotz Sonderpreis sinnlos wie Strahlenfäule, denn die Lagunen hier kriegen jeden Tag UV-Licht ab und das Wasser ist einwandfrei.

Dave hatte in Huaraz zu wenig Pulverfutter für sich eingepackt, deshalb hat er am Startpunkt der Wanderung in Vaqueria noch jede Menge Äpfel, Karotten und Zwiebeln gekauft. Ich liebe ihn, weil er ständig mit dem UV-Stäbchen in seiner Aluflasche rührt, denn dann hat er keine Hand mehr frei, um das Gemüse festzuhalten.

Außerdem hat Dave lange Haare, die er ungestriegelt zu einem Pferdeschwanz zusammenbindet, und einen Bart. Ich mag Männer mit Bärten.

Wiederkäuer auf zwei Beinen

Aber ich schweife ab, ich wollte von meinem Job hier erzählen. Mein guia heißt Luís, er trägt heute einen grünen Pulli und eine ausgebleichte lila Baseballkappe. Luís ist der größte Angeber, den ich kenne. Wenn er nicht ein paar arme Vierbeiner durch die Cordillera Blanca scheucht und mit seinem nervigen "Tsch, tsch!" zu mehr Tempo auffordert, arbeitet er als Küchenhilfe in einem Restaurant außerhalb von Huaraz. Einmal war er als Expeditionskoch auf dem 6800 Meter hohen Huascaran. Strahlend erzählt er jedem Touristen davon.

Luís benimmt sich wie ein Wiederkäuer: Er hat ganz schlechte Zähne und dunkel verfärbte Lippen, weil er den ganzen Tag Kokablätter im Mund hat. Die sollen gegen die Höhenkrankheit helfen. Wieher.

Von zulässigen Beladungshöchstgrenzen für Unpaarhufer hat Luís leider wie die meisten Peruaner noch nichts gehört. An guten Tagen darf ich weiche Rucksäcke und Zeltplanen tragen. An schlechten Tagen sind es zwei schwere Holzkisten mit Küchenzubehör und ein Wasserkanister.

Mit zweierlei Maß

Ich arbeite seit drei Jahren auf dem Santa Cruz. Die Berge interessieren mich nicht so, die sind alle unten felsig, oben weiß und laufen spitz zu. Aber Lagunen und Gräser sind toll: Manchmal unterbreche ich den Alltagstrott, bleibe für ein paar Minuten stehen und genieße den Blick auf blühende Mahlzeiten.

Die Menschen stoppen und glotzen auch ständig, aber wenn ich anhalte, werden sie sauer. Da wird mit zweierlei Maß gemessen: Wer eine Kamera in der Hand hält, darf stehen bleiben. Wer keine Kamera in der Hand hat, dafür aber 50 Kilo auf dem Rücken, darf nicht. Schnauf.

Da hilft nur protestieren auf allen Vieren. Ich ignoriere Gebrüll und Geschubse und fordere im Stehstreik mein Recht auf Panoramablick ein. Okay, wenn Luís dann wütend wird, ist auch ein kleines bisschen Schockstarre dabei. Aber nur ein bisschen.

Ein solches Verhalten nährt seit Jahrhunderten den Irrglauben, dass Esel dumm sind, da sind die Menschen ziemlich störrisch. Selbst die Lamas, diese weltfremden Schwielensohler, halten sie für klüger. Aber hat schon mal einer eurer Philosophen bewiesen, dass Gehen weiser ist als Stehen? Glaubt ihr wirklich, dass kritikloser Gehorsam selbst bei fragwürdigen Vorgesetzten (zum Beispiel, wenn diese täglich ein paar Mikrogramm Kokain in Blattform wegspachteln) eine gute Sache ist?

Und wer ist eigentlich schlauer? Wir Lastenträger, die als Lohn für ehrliche Arbeit in traumhafter Landschaft das beste Gras des Landes kauen und von den klarsten Lagunen trinken, oder ihr Freizeit-Herumstreuner, die viel Geld - dank Dave weiß ich, wie viel Geld - dafür zahlen, um mit Kunstfell und Kopfschmerzen die gleiche Route zu laufen. Von der nächtlichen Friererei bei Minusgraden im Zelt ganz zu schweigen. Oder dem Pulverfutter. Oder Rasierzeug. Prust.

Aber klar, die Esel sind die Dummen. Wirklich Leute, veräppeln kann ich mich selber.

Protokoll: Stephan Orth

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