Im Hippie-Bus durch Pakistan Roadtrip mit Polizeischutz

Pakistan gilt als extrem unsicheres Reiseland. Doch ein deutsches Paar tuckert derzeit mit dem Bulli zwischen Lahore und Bahawalpur, zwischen Bergen und Städten. Die Einheimischen feiern sie wie Helden.

DPA

Pakistan war nicht der Plan. Zu kompliziert, zu gefährlich, dachten Elisabeth Hartmann, 25, und Christian Nieth, 26, als sie ihre Reiseroute zusammenstellten. Ihr Plan hieß: mit dem VW-Bus durch die Welt, bis das Geld alle ist.

Sie kündigten ihre Berliner Wohnung, ihre Jobs als Hotelangestellte und Eventmanager - und machten sich im Herbst 2015 auf den Weg. Es ging nach Tschechien, Österreich und Ungarn, durch Südosteuropa und in die Türkei.

Und dann wurde es doch Pakistan. Zögerlich. Aber in Russland wars einfach zu kalt. Der neue Plan hieß: eine Woche nur - rein über den Iran, raus Richtung Indien. Mittlerweile sind die junge Frau aus Miltenberg (Unterfranken) und ihr Freund aus Wuppertal seit sechs Wochen in Pakistan und planen drei weitere. Und wo immer sie hingehen, werden sie wie Helden begrüßt.

"Dass das kurios werden könnte, dachten wir schon, als der pakistanische Botschafter in Iran uns die Visa geschenkt und dann zu sich nach Hause eingeladen hat", sagt Nieth. Kurz darauf entdeckte die Reporterin Haneen Rafi von der pakistanischen Zeitung "Dawn" die beiden mit ihrem Hippie-Bus in Karatschi. Sie schrieb einen Artikel über die beiden Europäer. Überschrift: "From Germany, with love" - aus Deutschland mit Liebe.

"Über Pakistan hört man im Ausland immer nur das Schlechte", sagt die Journalistin. Erst am Ostersonntag war die Welt aufgeschreckt über einen schweren Selbstmordanschlag mit 74 Toten in einem Park voller Familien in Lahore. "Und da kommen diese zwei", sagt Haneen Rafi, "und zeigen mit ihrer Art des Reisens, dass es hier nicht so furchterregend ist, wie viele denken."

2015 kamen nur 5634 Touristen

Mit dem Zeitungsartikel kam der Ruhm, der den Bustouristen von nun an vorausreiste. In der südostpakistanischen Stadt Bahawalpur wurden sie in eine Schule eingeladen, wo die Kinder sie mit Liedern und Plakaten begrüßten. Ein großer TV-Sender, 92 News, sendete einen Beitrag über sie. Der Chef der Tourismusbehörde lud sie zum Kaffee ein. Und Hunderte wildfremde Pakistaner schicken ihnen per Facebook oder über ihre Weltreise-Webseite Hilfsangebote und Dankesbriefe.

"Vielen, vielen Dank, dass ihr Pakistan besucht!" hieße es da, erzählt Hartmann. Oder: "Kommt zum Essen, Duschen, Schlafen..." Je öfter sie sich für Einladungen, Geschenke und Aufmerksamkeiten bedankten, desto öfter hörten sie: "Das ist unsere Pflicht, ihr seid Gäste unseres Landes." Die 25-Jährige empfindet "diese irrsinnige Gastfreundschaft und Freude über unsere Anwesenheit" gleichzeitig als "schön und traurig".

Es ist eine Geschichte von einem Land, das am eigenen Image leidet und dankbar ist für jeden, der mal was Nettes sagt. Jahrzehnte der Radikalisierung und mehr als 50.000 Opfer von Anschlägen seit 2003 haben Pakistan im Bewusstsein der Welt zum Terrorstaat gemacht. 2015 begann der Versuch einer Kehrtwende - aber wie weit das geht, weiß man noch nicht.

Ganze 5634 Touristen kamen 2015 nach Pakistan, einem Land mehr als doppelt so groß wie Deutschland und voller kulturreicher Städte und atemberaubender Natur. Selbst bei der Zahl der Bergsteiger gab es einen dramatischen Einbruch, nachdem im Juni 2013 am Nanga Parbat elf Touristen ermordet worden waren. In dem Land liegen mit dem K2, dem Nanga Parbat oder Gasherbrum Eins und Zwei einige der berühmtesten Gipfel der Welt.

Polizeischutz beim Drachensteigen

Und dann sind da die bürokratischen Hürden. Für ein Visum braucht man eine Einladung aus Pakistan. Für die Reise in bestimmte Gebiete gibt es keine Genehmigung, für andere muss man Keine-Einwände-Zertifikate einholen (No Objection Certificates).

Für die ersten Stationen ihrer Reise, von der iranisch-pakistanischen Grenze aus nach Quetta, bekamen Christian Nieth und Elisabeth Hartmann eine Polizeieskorte. Quetta ist die Hauptstadt der unsichersten Provinz des Landes: Belutschistan. Dort durften sie das Hotel nicht verlassen und wurden selbst beim Drachensteigen auf dem Dach beschützt. "Danach hatten wir aber totale Freiheit", sagt Nieth.

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"Die Reisewarnungen lesen sich, als würden Touristen hier in großem Stil abgeschlachtet", sagt Hartmann. "Das ist schade. Es rückt das Land in eine Ecke, in das es nicht gehört." Aber vorsichtig sind die beiden trotzdem - und das ist angesichts der Risiken auch angebracht. Sie fahren nicht mehr nachts. Sie wissen immer, wo sie abends anhalten werden, meistens auf dem bewachten Parkplatz eines Hotels. Sie halten die Vorhänge im Bus geschlossen, und sie erzählen nicht mehr im Detail, wohin sie als Nächstes fahren.

Das Auswärtige Amt warnt auf seiner Webseite unter anderem vor einem erhöhten Risiko für Entführungen in bestimmten Regionen und spricht von einer hohen Gefährdung durch terroristische Anschläge seitens der pakistanischen Taliban. Es gilt offiziell eine Teilreisewarnung.

Für das Paar aus Deutschland geht es in diesen Tagen dennoch in den Norden des Landes. Nieth und Hartmann freuen sich drauf. Sie haben eine lange Liste von Kontakten in der Tasche, bereitgestellt von neuen Freunden. Und die Telefonnummern der Polizeichefs.

Christine-Felice Röhrs/dpa/jus

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