Panama Der Wochenend-Indianer

Von Kristin Oeing

2. Teil: Kleine Lügen für die Touristen


Atilano hat sich die Haut mit dem dunkelblauen Saft der Jenipapo-Frucht bemalt. Aus einer Blechdose kramt er einen Krokodilszahn hervor: "Das Tier habe ich selbst erlegt", schwindelt er. "Erzähl das den Touristen", sagt Elvin ärgerlich. Stumm blickt Atilano auf seine Frau Mitzi, die das Plastikgeschirr einsammelt, um es im Bach zu spülen.

Es ist früher Abend, und die Sonne taucht das kleine Indianerdorf in rotes Licht. Papageien rufen aus Baumkronen, und das Zirpen der Grillen wird von Minute zu Minute lauter. In den Hütten entzünden die Frauen ihre Feuer zum Kochen. Der Geruch des verbrannten Holzes zieht durch das Dorf.

Bevor die Touristen hierher kamen, trugen die Frauen außer bunten Perlenketten, die sie aus Obstkernen fertigen, nichts. Doch seitdem sich das Leben vieler Embera in die Stadt verlagert hat, sie dort arbeiten und einkaufen, tragen immer mehr Bewohner westliche Kleidung. Ketten werden durch T-Shirts ersetzt. Statt barfuß zu laufen, schützen sie ihre Fußsohlen mit Schlappen.

Vor einer der Hütten sitzt die 16-jährige Mutter Adilia Guaynora Dogirama und stillt ihr Kind. Das Neugeborene hat sie mit Muttermilch und Kräutern am Kinn eingerieben, damit dem Mädchen keine Haare im Gesicht wachsen. Eines der Rituale, die immer mehr verloren gehen. So wie die Kunst des Bemalens, die Elvin von seinem Großvater lernte. "Er war ein Hexer", sagt Elvin. "Er kannte alle Pflanzen, Kräuter und Tiere."

Vom Indianerstamm in die Großstadt

Elvin ist der Erste aus seiner Familie, der es als Student in die Großstadt geschafft hat. Vor sechs Jahren zog er nach Panama City und studierte Ökotourismus. Mit seinem Diplom fand er Arbeit bei der Jugendorganisation der Embera- und Wounaan-Indianer, die sich für die Rechte der Indianer stark macht. Zudem ist er Abgeordneter des Kongresses der "Vereinten Erde", ein Zusammenschluss aller sechs Indianervölker Panamas.

Seine Wohnung liegt in San Miguelito, einem schäbigen Vorort der Millionenstadt. Eine gefährliche Gegend, Überfälle gehören zum Alltag. Hier leben die Ärmsten des Landes, viele von ihnen sind Embera-Indianer. Jeden Morgen verlässt er in Jeans und Turnschuhen seine Wohnung, läuft vorbei an baufälligen Häusern, heruntergekommenen Holzverschlägen und Müll.

An einer staubigen Schnellstraße wartet er auf den "roten Teufel", einen der mit Graffiti verzierten amerikanischen Schulbusse. In den USA haben sie ausgedient, in Panama sind das die einzigen öffentlichen Busse. Mit einer flüchtigen Handbewegung stoppt er das Teufelsgefährt. Elvin setzt sich auf einen der zerschlissenen Sitze. An den zerkratzten Fenstern ziehen die Wolkenkratzer der Banken vorbei.

Von den meisten Panamesen werden die Embera als zurückgebliebene Wilde angesehen. Die meisten sprechen weder Englisch noch Spanisch, können weder lesen noch schreiben und müssen ihre Familien mit schlecht bezahlten Jobs durchbringen. Wenn sie einen haben. Rund die Hälfte der Embera in Panama City ist arbeitslos.

Salsa in den Slums

Nach der Arbeit trifft sich Elvin mit Freunden in einer Bar. Mit jedem neuen Bier verschwindet die Müdigkeit aus den Augen des jungen Indianers. Nach einer Stunde bricht Elvin mit ein paar Männern zu einem heruntergekommenen Tanzschuppen auf. Salsa-Musik dröhnt über die meterhohen Steinmauern.

Schon bald erobert Elvin die Tanzfläche, er lacht, ist ausgelassen. Eine dunkle Schönheit erregt seine Aufmerksamkeit. Sie tanzen eng umschlungen. Elvin wirkt glücklich und bestellt noch mehr Bier. Morgen beginnt das Wochenende, und er wird zurück in sein Dorf fahren.

Verkatert steht er um sieben Uhr am Busbahnhof von Panama City. Ihn plagt sein schlechtes Gewissen: "Gestern Abend, das war meine dunkle Seite", sagt er matt. Er meint den Alkohol und die schöne Frau. Wäre er im Dorf geblieben, er wäre längst verheiratet. Die meisten Embera heiraten mit 15 oder 16 Jahren, manche noch früher.

"Anhalten!", ruft Elvin dem Busfahrer nach einer Stunde Fahrzeit durch das Dröhnen der Ragga-Musik zu. Der rote Teufel hält, mitten im Nirgendwo steigt er aus. Mit dem Rucksack auf dem Rücken macht Elvin sich auf zum Rio Gatún. Ein Cousin erwartet ihn bereits mit einem Motorboot, dem einzigen motorisierten Fahrzeug des Dorfes. Für alle kürzeren Wege nutzen die Embera selbstgeschnitzte Einbäume.

Elvin springt ins Boot, zieht sich sein T-Shirt über den Kopf und atmet tief durch. Kurz nach seiner Ankunft im Dorf eilt er ohne Erklärung in Richtung eines kleinen Baches. Erst eine halbe Stunde später taucht er wieder auf. Frisch gebadet und ihn der traditionellen Kleidung seines Volkes. Mit sanften Strichen malt Elvin sich dunkelblaue Linien auf den Körper. Nur seine Lenden sind mit einem buntem Perlenrock und einem gelben Tuch bedeckt. Strich für Strich beendet er das Muster. Es bedeutet "Heimat".



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