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07. November 2008, 06:13 Uhr

Panama

Der Wochenend-Indianer

Von Kristin Oeing

Aus den Slums der Millionenstadt ins 80-Einwohner-Dorf: Jedes Wochenende verwandelt sich Elvin aus Panama zum Indianer. Doch die Heldenmärchen seines Vaters nerven genauso wie Misserfolge beim Speerfischen - und auch die Mädchen sind in Panama City interessanter.

Bewegungslos steht Elvin am Ufer des Gatún-Sees und hält den Speer über seinen Kopf. Fast nackt steht er da, nur ein schmales Tuch hat sich der Embera-Indianer um die Lenden geschlungen. Plötzlich stößt er zu und taucht fast zeitgleich im Wasser unter. Eine Minute später taucht er wieder auf. Der Fisch ist entwischt. "Ich kann es nicht mehr", sagt Elvin enttäuscht. Ihm fehlt die Übung. Der 26-jährige kräftig gebaute Mann ist nur noch ein "Wochenend-Indianer". Freitags kehrt er aus Panama-City zurück in sein Dorf Embera-Quera und vergisst für zwei Tage die Millionen-Metropole am Pazifischen Ozean.

"Clanaa kuide" - "lass uns baden" - ruft ihm eine junge Indianerin zu. Auch sie trägt nur einen winzigen Fetzen Stoff am Leib. Doch Elvin schämt sich. Nach einer Stunde liegen erst zwei kleine Fische in dem roten Plastikeimer. Er holt den Einbaum und paddelt zurück ins Dorf, das nur wenige Kilometer den Fluss hinauf liegt, der hier in den See mündet. 30 Minuten später tauchen hinter einer Biegung erste Rauchschwaden am Himmel auf. Zwischen Bananenbäumen und Palmen liegt Embera Quera, das "duftende Dorf".

Aus dem saftigen Grün des Tropenwaldes ragt ein knappes Dutzend Hütten hervor, die weit verstreut auf dem hügligem Gelände stehen. Das kleine Dorf entstand erst vor einem Jahr. 11.000 Dollar zahlten die Embera einem Privatmann für acht Hektar, die Fläche von zwölf Fußballplätzen. Die Hütten haben Palmdächer und sind wegen der heftigen Regenfälle auf Stelzen gebaut.

In der Hütte von Elvins Eltern brutzeln zwei Fische in einer Eisenpfanne über dem Holzfeuer. In einem Topf sieden Kochbananen. "Die Embera versorgen sich mit dem, was die Natur uns bietet", sagt Elvin, und es klingt, als habe er den Satz aus einem Touristenprospekt auswendig gelernt. "Die Natur ist unser Gott."

Flucht vor Waffenschiebern und Drogenbanden

In den vergangenen Jahrzehnten wurde der Lebensraum für die Bewohner des Indianerdorfes immer enger. Als Paramilitärs, Waffenschieber und Drogenbanden über die Grenze aus Kolumbien kamen und wahllos um sich schossen, mussten sie aus ihrem Siedlungsgebiet im Osten des Landes fliehen.

Sie zogen sich tief in den Regenwald Panamas zurück. Doch mit dem Bau der Panamericana, die eine Rodungsschneise im Gebiet der Embera hinterließ, kamen Weiße in ihre Dörfer und weckten in vielen von ihnen den Wunsch nach einem besseren Leben.

Vor zehn Jahren erkannte auch Elvins Familie die Zeichen der Zeit. "Die Weißen rodeten die Bäume und stahlen uns das Land. Für Menschen wie uns, die vom Ackerbau und der Jagd lebten, war das wie ein Todesurteil", sagt Elvins Vater Atilano, ein kleiner, kräftig gebauter Mann. Die Embera zogen zunächst ans Ufer des Río Chagres. Doch vor einem Jahr zerstritten sich die Bewohner. Seine Sippe verließ zusammen mit sechs anderen Familien das Dorf und gründete Embera Quera.

Die kleine Siedlung liegt nur gut zwei Stunden mit Boot und Bus von der panamesischen Hauptstadt entfernt. Für Touristen eine erträgliche Distanz. Die rund 80 Bewohner leben heute hauptsächlich von dem Geld, das die neugierigen Weißen bei ihren gelegentlichen Besuchen im Dorf lassen - 50 Dollar kostet der Besuch pro Tag und Person.

Kleine Lügen für die Touristen

Atilano hat sich die Haut mit dem dunkelblauen Saft der Jenipapo-Frucht bemalt. Aus einer Blechdose kramt er einen Krokodilszahn hervor: "Das Tier habe ich selbst erlegt", schwindelt er. "Erzähl das den Touristen", sagt Elvin ärgerlich. Stumm blickt Atilano auf seine Frau Mitzi, die das Plastikgeschirr einsammelt, um es im Bach zu spülen.

Es ist früher Abend, und die Sonne taucht das kleine Indianerdorf in rotes Licht. Papageien rufen aus Baumkronen, und das Zirpen der Grillen wird von Minute zu Minute lauter. In den Hütten entzünden die Frauen ihre Feuer zum Kochen. Der Geruch des verbrannten Holzes zieht durch das Dorf.

Bevor die Touristen hierher kamen, trugen die Frauen außer bunten Perlenketten, die sie aus Obstkernen fertigen, nichts. Doch seitdem sich das Leben vieler Embera in die Stadt verlagert hat, sie dort arbeiten und einkaufen, tragen immer mehr Bewohner westliche Kleidung. Ketten werden durch T-Shirts ersetzt. Statt barfuß zu laufen, schützen sie ihre Fußsohlen mit Schlappen.

Vor einer der Hütten sitzt die 16-jährige Mutter Adilia Guaynora Dogirama und stillt ihr Kind. Das Neugeborene hat sie mit Muttermilch und Kräutern am Kinn eingerieben, damit dem Mädchen keine Haare im Gesicht wachsen. Eines der Rituale, die immer mehr verloren gehen. So wie die Kunst des Bemalens, die Elvin von seinem Großvater lernte. "Er war ein Hexer", sagt Elvin. "Er kannte alle Pflanzen, Kräuter und Tiere."

Vom Indianerstamm in die Großstadt

Elvin ist der Erste aus seiner Familie, der es als Student in die Großstadt geschafft hat. Vor sechs Jahren zog er nach Panama City und studierte Ökotourismus. Mit seinem Diplom fand er Arbeit bei der Jugendorganisation der Embera- und Wounaan-Indianer, die sich für die Rechte der Indianer stark macht. Zudem ist er Abgeordneter des Kongresses der "Vereinten Erde", ein Zusammenschluss aller sechs Indianervölker Panamas.

Seine Wohnung liegt in San Miguelito, einem schäbigen Vorort der Millionenstadt. Eine gefährliche Gegend, Überfälle gehören zum Alltag. Hier leben die Ärmsten des Landes, viele von ihnen sind Embera-Indianer. Jeden Morgen verlässt er in Jeans und Turnschuhen seine Wohnung, läuft vorbei an baufälligen Häusern, heruntergekommenen Holzverschlägen und Müll.

An einer staubigen Schnellstraße wartet er auf den "roten Teufel", einen der mit Graffiti verzierten amerikanischen Schulbusse. In den USA haben sie ausgedient, in Panama sind das die einzigen öffentlichen Busse. Mit einer flüchtigen Handbewegung stoppt er das Teufelsgefährt. Elvin setzt sich auf einen der zerschlissenen Sitze. An den zerkratzten Fenstern ziehen die Wolkenkratzer der Banken vorbei.

Von den meisten Panamesen werden die Embera als zurückgebliebene Wilde angesehen. Die meisten sprechen weder Englisch noch Spanisch, können weder lesen noch schreiben und müssen ihre Familien mit schlecht bezahlten Jobs durchbringen. Wenn sie einen haben. Rund die Hälfte der Embera in Panama City ist arbeitslos.

Salsa in den Slums

Nach der Arbeit trifft sich Elvin mit Freunden in einer Bar. Mit jedem neuen Bier verschwindet die Müdigkeit aus den Augen des jungen Indianers. Nach einer Stunde bricht Elvin mit ein paar Männern zu einem heruntergekommenen Tanzschuppen auf. Salsa-Musik dröhnt über die meterhohen Steinmauern.

Schon bald erobert Elvin die Tanzfläche, er lacht, ist ausgelassen. Eine dunkle Schönheit erregt seine Aufmerksamkeit. Sie tanzen eng umschlungen. Elvin wirkt glücklich und bestellt noch mehr Bier. Morgen beginnt das Wochenende, und er wird zurück in sein Dorf fahren.

Verkatert steht er um sieben Uhr am Busbahnhof von Panama City. Ihn plagt sein schlechtes Gewissen: "Gestern Abend, das war meine dunkle Seite", sagt er matt. Er meint den Alkohol und die schöne Frau. Wäre er im Dorf geblieben, er wäre längst verheiratet. Die meisten Embera heiraten mit 15 oder 16 Jahren, manche noch früher.

"Anhalten!", ruft Elvin dem Busfahrer nach einer Stunde Fahrzeit durch das Dröhnen der Ragga-Musik zu. Der rote Teufel hält, mitten im Nirgendwo steigt er aus. Mit dem Rucksack auf dem Rücken macht Elvin sich auf zum Rio Gatún. Ein Cousin erwartet ihn bereits mit einem Motorboot, dem einzigen motorisierten Fahrzeug des Dorfes. Für alle kürzeren Wege nutzen die Embera selbstgeschnitzte Einbäume.

Elvin springt ins Boot, zieht sich sein T-Shirt über den Kopf und atmet tief durch. Kurz nach seiner Ankunft im Dorf eilt er ohne Erklärung in Richtung eines kleinen Baches. Erst eine halbe Stunde später taucht er wieder auf. Frisch gebadet und ihn der traditionellen Kleidung seines Volkes. Mit sanften Strichen malt Elvin sich dunkelblaue Linien auf den Körper. Nur seine Lenden sind mit einem buntem Perlenrock und einem gelben Tuch bedeckt. Strich für Strich beendet er das Muster. Es bedeutet "Heimat".

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