Partynacht im Orient Riskanter Flirt auf dem Africa Boulevard

Viel Whisky-Cola und ein Tablett mit Ecstasy-Pillen: Wild sind die Partynächte in Teheran, Kairo und Damaskus - aber auch gefährlich. Denn Gesetzeshüter und Moralwächter halten nicht viel von Sex, Drugs and Rock 'n' Roll. Ein Streifzug durch die Nacht.

Sanna Miericke

Von Kamila Klepacki, Silke Brandt, Severin Peters und Sahra Gemeinder


1.Teil: Teheran, 20 Uhr

Gleich nach dem Abendessen verschwindet Enrico im Badezimmer. Verschwenderisch schmiert er sich Gel in die schwarzen Haare, schlüpft in ein blütenweißes, frisch gestärktes Hemd. Die obersten Knöpfe lässt er offen, das glitzernde Goldkettchen ist gut zu sehen. Von der Straße tönt ein dreifaches Hupen. Enrico schnappt sich Handy und Schlüssel, noch ein letzter Blick in den Spiegel, ein kurzer Kuss für seine kleine Schwester, dann läuft er eilig die Treppe hinunter. Der Abend kann beginnen.

Draußen schwingt er sich auf den Beifahrersitz des blankgeputzten silbernen Toyota seines Freundes Amin. Der Motor läuft und aus der Stereoanlage wummert "Hips don't lie" von Shakira.

Seit der Revolution 1979 sind Alkohol, Discotheken und sogar private Partys strengstens verboten. Und der Reiseführer "Lonely Planet" bedenkt das Teheraner Nachtleben lediglich mit zwei Worten: "Dream on." - Träum weiter. Trotzdem, die Ingenieursstudenten Amin und Enrico, beide Anfang 20, haben sich mächtig schick gemacht für den heutigen Abend. Denn sie haben etwas vor: Sie wollen im Stau stehen.

Amin steuert seinen Toyota über die Stadtautobahn und reiht sich schließlich in das schleppende Stop-and-Go auf dem Africa Boulevard ein. In Teheran steht man ohnehin täglich mehrere Stunden im Stau, und so bieten die dröhnenden Karossen, die nur im Schneckentempo vorwärts kommen, keinen ungewöhnlichen Anblick - bis den Männern einige junge Damen ins Auge fallen, die auf dem Bürgersteig auf und ab flanieren. Für iranische Verhältnisse sind sie geradezu provokant gekleidet: Die vorgeschriebenen Mäntel sind zu eng, zu kurz und um einige Knöpfe zu weit geöffnet für den Geschmack der Mullahs. Die Kopftücher sind so weit nach hinten gerutscht, dass die Jungs die penibel frisierten Ponys bewundern können.

Austausch von Blicken und Telefonnummern

An jedem Donnerstagabend machen iranische Studentinnen den Africa Boulevard zu ihrem Laufsteg, auf dem sie posieren, jungen Männern den Kopf verdrehen und sich um ihre Handynummer anbetteln lassen. "Wir haben Glück, dass wir so ein schickes Auto haben", erzählt Enrico, "aber ein BMW oder ein Mercedes wären noch besser. Die iranischen Mädchen sind oberflächlich, sie achten mehr auf das Auto als auf den Fahrer."

Dabei scheint er selbst gar nicht so schlecht anzukommen bei den Damen. Auffallend viele Mädchen lassen sich auf seine Zurufe ein und kommen näher ans Autofenster heran, um ihn zu begutachten. "Wegen meines spanischen Großvaters habe ich einen exotischen Vornamen. Das macht sie neugierig. Die Mädchen denken, ich hätte etwas mit Europa zu tun, und das finden sie heiß."

Zeit, das Missverständnis aufzulösen, bleibt auch nicht, denn auf dem Africa Boulevard werden keine Gespräche geführt. Die Flirts beschränken sich auf Augenkontakt und einige wenige Worte. Dann werden rasch Telefonnummern ausgetauscht, um ein Treffen zu vereinbaren. "Mehr wäre auch riskant", erklärt Amin, "denn die Basidschi sind überall."

Die "Basidschi" - das sind systemtreue, konservative Schläger, ein Teil jenes komplizierten Netzwerks von Sicherheitskräften. Sie sorgen dafür, dass Iraner sich an die Gesetze halten. Dass Mädchen und Jungen sich einfach so kennenlernen, ist in diesen Gesetzen nicht vorgesehen.



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