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Partynacht im Orient: Fischen, flirten, küssen

Foto: Sanna Miericke

Partynacht im Orient Riskanter Flirt auf dem Africa Boulevard

Viel Whisky-Cola und ein Tablett mit Ecstasy-Pillen: Wild sind die Partynächte in Teheran, Kairo und Damaskus - aber auch gefährlich. Denn Gesetzeshüter und Moralwächter halten nicht viel von Sex, Drugs and Rock 'n' Roll. Ein Streifzug durch die Nacht.
Von Kamila Klepacki, Silke Brandt, Severin Peters und Sahra Gemeinder

1.Teil: Teheran, 20 Uhr

Gleich nach dem Abendessen verschwindet Enrico im Badezimmer. Verschwenderisch schmiert er sich Gel in die schwarzen Haare, schlüpft in ein blütenweißes, frisch gestärktes Hemd. Die obersten Knöpfe lässt er offen, das glitzernde Goldkettchen ist gut zu sehen. Von der Straße tönt ein dreifaches Hupen. Enrico schnappt sich Handy und Schlüssel, noch ein letzter Blick in den Spiegel, ein kurzer Kuss für seine kleine Schwester, dann läuft er eilig die Treppe hinunter. Der Abend kann beginnen.

Draußen schwingt er sich auf den Beifahrersitz des blankgeputzten silbernen Toyota seines Freundes Amin. Der Motor läuft und aus der Stereoanlage wummert "Hips don't lie" von Shakira.

Seit der Revolution 1979 sind Alkohol, Discotheken und sogar private Partys strengstens verboten. Und der Reiseführer "Lonely Planet" bedenkt das Teheraner Nachtleben lediglich mit zwei Worten: "Dream on." - Träum weiter. Trotzdem, die Ingenieursstudenten Amin und Enrico, beide Anfang 20, haben sich mächtig schick gemacht für den heutigen Abend. Denn sie haben etwas vor: Sie wollen im Stau stehen.

Amin steuert seinen Toyota über die Stadtautobahn und reiht sich schließlich in das schleppende Stop-and-Go auf dem Africa Boulevard ein. In Teheran steht man ohnehin täglich mehrere Stunden im Stau, und so bieten die dröhnenden Karossen, die nur im Schneckentempo vorwärts kommen, keinen ungewöhnlichen Anblick - bis den Männern einige junge Damen ins Auge fallen, die auf dem Bürgersteig auf und ab flanieren. Für iranische Verhältnisse sind sie geradezu provokant gekleidet: Die vorgeschriebenen Mäntel sind zu eng, zu kurz und um einige Knöpfe zu weit geöffnet für den Geschmack der Mullahs. Die Kopftücher sind so weit nach hinten gerutscht, dass die Jungs die penibel frisierten Ponys bewundern können.

Austausch von Blicken und Telefonnummern

An jedem Donnerstagabend machen iranische Studentinnen den Africa Boulevard zu ihrem Laufsteg, auf dem sie posieren, jungen Männern den Kopf verdrehen und sich um ihre Handynummer anbetteln lassen. "Wir haben Glück, dass wir so ein schickes Auto haben", erzählt Enrico, "aber ein BMW oder ein Mercedes wären noch besser. Die iranischen Mädchen sind oberflächlich, sie achten mehr auf das Auto als auf den Fahrer."

Dabei scheint er selbst gar nicht so schlecht anzukommen bei den Damen. Auffallend viele Mädchen lassen sich auf seine Zurufe ein und kommen näher ans Autofenster heran, um ihn zu begutachten. "Wegen meines spanischen Großvaters habe ich einen exotischen Vornamen. Das macht sie neugierig. Die Mädchen denken, ich hätte etwas mit Europa zu tun, und das finden sie heiß."

Zeit, das Missverständnis aufzulösen, bleibt auch nicht, denn auf dem Africa Boulevard werden keine Gespräche geführt. Die Flirts beschränken sich auf Augenkontakt und einige wenige Worte. Dann werden rasch Telefonnummern ausgetauscht, um ein Treffen zu vereinbaren. "Mehr wäre auch riskant", erklärt Amin, "denn die Basidschi sind überall."

Die "Basidschi" - das sind systemtreue, konservative Schläger, ein Teil jenes komplizierten Netzwerks von Sicherheitskräften. Sie sorgen dafür, dass Iraner sich an die Gesetze halten. Dass Mädchen und Jungen sich einfach so kennenlernen, ist in diesen Gesetzen nicht vorgesehen.

Kairo, 21 Uhr

Auch 2000 Kilometer südwestlich nimmt der Stau kein Ende. Auf der Brücke des 16. Oktober, einer der Hauptverkehrsadern im Zentrum Kairos, kommen die Autos nur schleppend vorwärts. Dabei ist Laila jetzt schon spät dran. Ihr blauer Nissan steht eingekeilt zwischen einem Taxi und einem aufgemotzten BMW mit erwartungsfroher Partymeute. Von rechts rezitiert eine leiernde Stimme Koranverse, von links dröhnen ihr Housebeats entgegen, ein permanentes Hupkonzert von allen Seiten macht den ägyptischen Klangteppich perfekt.

Laila lässt sich davon nicht stören und dreht die Rockmusik noch lauter. Die 24-jährige Halbägypterin hat gelernt, wie sie unbeschadet durch den Alltag kommt. "Die Investition in eine ordentliche Anlage fürs Auto hat sich gelohnt", glaubt sie. Damit bleibt sie nicht nur vom fragwürdigen Musikgeschmack anderer Autofahrer verschont, sondern hört auch die Zurufe und Pfiffe nicht, wenn sie allein mit dem Auto unterwegs ist.

Laila will trotzdem weiter, so schnell es geht. Eigentlich müsste sie schon längst bei Ahmed sein. Doch sie ist zu spät in Madinat Nasr losgefahren und ist in den Donnerstagabend-Verkehr hineingeraten. Vielleicht hätte sie besser den Weg über die Qasr-al-Nil-Brücke nehmen sollen. Dort, inmitten hupender und stinkender Autoschlangen, treffen sich jeden Abend junge Pärchen zum Händchen halten. Sie lassen sich von niemandem stören, auch nicht von den jungen Touristen aus Saudi-Arabien, die in dicken Geländewagen ihre Runden drehen, die saudische Flagge schwingen und sich johlend aus dem Fenster hängen, sobald ein paar Mädchen in ihrem Blickfeld auftauchen.

Trotzdem, "ein romantisches Fleckchen" sei die Brücke, sagt Laila. Schließlich steht sie vor Ahmeds Wohnungstür im Szene-Viertel Mohandessin. Der Gastgeber öffnet ihr persönlich. Er ist leicht untersetzt und trägt kunstvoll verschlissene Jeans. Ein sonnengelbes T-Shirt mit aufgedrucktem Hanfblatt im Stil des McDonalds-Logos spannt sich über seinen Bauch.

Mitbringsel aus Duty-Free-Shops

Ahmed hat eine eigene Wohnung. Für Unverheiratete ist das in Ägypten sehr ungewöhnlich, doch da Eltern und Geschwister des 29-Jährigen nicht in Kairo leben, hat er die Zwei-Zimmer-Wohnung ganz für sich allein. Ein Umstand, den er als Partyveranstalter ausgiebig nutzt.

Ein Blick in die Hausbar verrät die Sammelleidenschaft des jungen Ägypters: Von Bacardi und Cointreau bis zu Jack Daniels, Jim Beam und Glenfiddich findet man alle erdenklichen Sorten von Alkohol. Alles Mitbringsel aus Duty-Free-Shops. "Hier kriegt man ja nur ägyptischen Fusel", erklärt Ahmed. Wenn Freunde verreisen, schenken sie ihm immer eine schöne Flasche Schnaps. Weitere Mitbringsel sind Bierdeckel mit dem Konterfei von Hassan Nasrallah und Bin-Laden-Klopapier. Das hat ihm jemand aus den Vereinigten Staaten mitgebracht.

Ahmed steht an der Bar und mixt flink seine Cocktails. Auf einem Sessel langweilt sich eine hübsche Brünette. Laila weiß nicht, wer dieses Mädchen ist: "Ahmed hat immer irgendwelche Frauengeschichten am Laufen. Und er erzählt auch sehr gerne davon, ob man es nun hören will oder nicht. Oder er quatscht über Politik." Doch nun ist er gerade damit beschäftigt, der unbekannten Schönen wieder aus ihrer Jacke zu helfen und sie mit einem großen Glas Long Island Ice Tea zum Bleiben zu überreden.

Zwei Typen auf dem braunen Ecksofa vergleichen währenddessen raunend ihre Kenntnisse amerikanischer Waffensysteme; nebenbei bauen sie an einem Joint und bedienen sich kräftig aus Ahmeds Marihuana-Vorrat, der in einem Einmachglas auf dem Couchtisch lagert.

Damaskus, 22 Uhr

Alle paar Sekunden rollt eines der dottergelben Taxis auf den Bab-Tuma-Platz in der Altstadt von Damaskus, lässt seine Fahrgäste aussteigen und nimmt drei Meter weiter neue auf. Dabei umrundet es das alte Thomas-Tor, nach dem dieser Ort benannt ist. Einst war dies einer der acht Eingänge, die durch die Stadtmauer führten. Heute ist die Mauer ringsherum zerstört, und so bleibt es geschlossen. Treffpunkt ist die kleine Treppe, die hinauf zum christlichen Viertel führt. Aus dem Süßigkeitenladen nebenan weht ein Schwall schwülwarmer Luft herüber, die nach gerösteten Erdnüssen duftet.

Said und Assad warten seit zehn Minuten. Nora und Hind steigen gerade aus dem Taxi. Zwei deutsche Studenten stoßen aus Richtung des Bab-Tuma-Viertels dazu, wo sie bei syrischen Familien wohnen. Nach gut 20 Minuten ist die Gruppe vollzählig: zwei Deutsche, ein Amerikaner, eine Französin sowie vier Syrer - Christen und Muslime. Es ist nicht völlig abwegig, aber dennoch ein fremdes Szenario, dass Christen und Muslime gemeinsam den Abend verbringen. Man arbeitet und studiert zwar zusammen, richtige Freunde jedoch finden die meisten eher innerhalb ihrer Religionsgruppen.

In diesem Fall entstand der Kontakt vor allem durch die Ausländer in der Gruppe, die weniger Berührungsängste haben. Auf dem Weg ins Café Beit Yasmin erklären Nora und Hind, zwei Christinnen um die 30, dass ihnen die landesübliche Begrüßung - Küsschen links, Küsschen rechts - manchmal etwas unangenehm ist: "Ich küsse eigentlich alle meine Freundinnen und Freunde. Aber bei Said und vor allem bei Assad finde ich das komisch. Ich denke dann immer: Seine Schwester würde er niemanden so begrüßen lassen", sagt Nora.

Cafés und Bars im Weltkulturerbe-Viertel

Das Beit Yasmin ist nur wenige Gehminuten vom Bab-Tuma-Platz entfernt und eines der herrlichen Kaffeehäuser, die in den vergangenen Jahren so zahlreich in der Damaszener Altstadt aufgemacht haben. Zum Glück war jemand so klug, vorher einige Tische zu reservieren. Denn trotz der großen Auswahl an Cafés sind die meisten Plätze abends besetzt - besonders am Donnerstag.

Ursprünglich war das Beit Yasmin ein Wohnhaus im arabischen Stil. Von außen eher unscheinbar, eröffnet sich im Inneren ein kleines Wohnparadies: ein mit Mosaiken verzierter und bepflanzter Innenhof, in der Mitte plätschert ein Springbrunnen vor sich hin. Es ist erfrischend kühl. Drumherum sind auf zwei Stockwerken die Zimmer angeordnet. Immer weniger Familien wollen noch in diesen alten Häusern wohnen, denn sie sind im Winter schlecht zu heizen und im Sommer nerven die Mücken. Außerdem gehört die gesamte Altstadt zum Unesco-Weltkulturerbe. Bei der notwendigen Modernisierung läuft ohne Schmiergelder gar nichts.

Immer mehr alte Häuser werden jetzt zu Cafés und Restaurants umgebaut. Das Ambiente ist überall ähnlich: wacklige Holztische, viele unterbezahlte Kellner, die sich gegenseitig im Weg stehen, eine arabisch-englische Speisekarte mit amüsanten Rechtschreibfehlern und einer Reihe arabischer Speisen zu moderaten Preisen, sowie Wasserpfeifen in allen Geschmacksrichtungen. Doch bei näherem Hinschauen hat jedes Café seine Besonderheiten. Mancherorts ist das Hummus besonders gut, woanders gibt es Live-Musik oder eine kleine Kunstgalerie. Im Beit Yasmin gibt es Bier.

HipHop statt arabischer Popmusik

Nora bewundert Hinds neue Cowboy-Stiefel. Hind geht gern und häufig Shoppen. Als Sekretärin bei einer ausländischen Firma verdient sie gut. "Und was soll ich mit meinem Geld sonst machen? Ich darf keine eigene Wohnung haben, sondern muss, bis ich heirate, bei meinen Eltern wohnen. Geld zum Leben brauche ich nicht." Also investiert sie alles in Kleidung, Schmuck, Abende mit Freunden und in Sprachkurse. Inzwischen ist Hind bei der fünften Fremdsprache angelangt. Ein Ehemann ist vorerst nicht in Sicht. Als sie 18 oder 20 war, gab es ein paar Anfragen, meist von älteren Männern. Die hat sie abgelehnt, weil sie sich zu jung fühlte. Inzwischen, mit etwa 30, dürfte es schwer sein, einen syrischen Mann zu finden.

Ohnehin würde Hind jedoch lieber einen Ausländer heiraten, denn der würde ihr mehr Freiheit bieten und sie besser verstehen. Vor einiger Zeit hatte sie mal einen Verlobten, einen Iren, "aber das hat nicht geklappt". Am Nebentisch versucht Said gerade zu klären, wo es danach hingehen soll: "Cave du Baal! Cave du Baal!", ruft er. Das "Cave du Baal" - der Baal war ein heidnischer Fruchtbarkeitsgott, der vor 4000 Jahren auf syrischem Boden verehrt wurde - ist Saids Lieblingsdisco. Dort wird weniger arabische Popmusik gespielt, dafür mehr amerikanischer HipHop und ein bisschen Techno.

Plötzlich geht das Licht aus. Mit rhythmischen Trommeln kündigt sich die arabische Version von Happy Birthday an. Dann stolziert ein Tross Kellner zu einem der Tische; einer von ihnen hält eine Schokoladentorte mit Wunderkerzen in den Händen. Funken sprühen. Es knistert. Das Licht geht wieder an, alle klatschen, das Geburtstagskind - eine junge Frau mit Kopftuch - versinkt vor Verlegenheit fast unter der Tischdecke. Beinahe an jedem Abend feiert in den Damaszener Cafés irgendein Gast Geburtstag. Manchmal sogar zwei. Immer wieder "Happy Birthday" mit Trommeln. Immer wieder die gleiche Torte. Überraschung!

Kairo, 23 Uhr

Nach ein paar Drinks bei Ahmed geht es weiter ins Café Horreya, in Downtown-Kairo. Die Brünette hat sich letztlich doch verabschiedet und wird von einem Freund abgeholt. Laila, Ahmed und die beiden Waffenexperten quetschen sich in Lailas Nissan und fahren über den Nil in Richtung Innenstadt. Eigentlich wären die drei Jungs lieber in einen der zahlreichen Coffee Shops nach amerikanischem Vorbild gegangen. Doch verspricht der Abend interessant zu werden: Laila ist im Horreya noch mit ein paar Freunden verabredet - darunter auch ein Mädchen.

Die Fensterfront des Kaffeehauses ist zur Hälfte mit Brettern vernagelt. Von außen ist die Sicht auf die kleinen Tische versperrt, die sich unter den Mengen an Bierflaschen biegen. Drinnen herrscht ein Höllenlärm. Überall scharen sich große Gruppen um die winzigen Tische und die drei Kellner haben Mühe, auf alle Zurufe zu reagieren. Wer als Stammgast zählt, bekommt sofort ein Stella, das gängige Bier Ägyptens, wortlos auf den Tisch geknallt.

In der Mitte des riesigen Raumes, mit fünf Meter hoher Decke, debattieren Sprachschüler aus allen Teilen Europas und aufgeschlossene amerikanische Studenten neben ägyptischen Intellektuellen oder solchen, die gerne für welche gehalten werden möchten. Und auch die schwulen Pärchen turteln hier recht offen. An den Wänden ringsum sitzen schweigend ältere Ägypter, die das Horreya schon besucht haben, als die stilvoll schlichte Holzverkleidung noch eierschalenweiß war und die eingelassenen Spiegel noch nicht völlig blind.

Erdnüsse vom Kiosk

Heute lässt sich nur noch erahnen, wie elegant es hier einmal war. Stühle werden zusammengestellt und die Gruppe zwängt sich um den kleinen Tisch, an dem Lailas Bekannte bereits warten: Ulrike und Thomas sind zum Arabisch lernen hier, John studiert mit Laila zusammen. Und auch Mahmoud, den Laila auf einer Party kennengelernt hat, sitzt dabei. Er trägt lange Dreadlocks und Schlaghose und "macht irgendetwas beim Fernsehen".

Der Kellner bringt die dritte Runde Bier und zwei Tüten Erdnüsse, die er für vier Pfund vom Kiosk an der Ecke geholt hat. Nicht ohne sich vorher ein angemessenes Trinkgeld zusichern zu lassen. Laila und die Berlinerin Ulrike sind sich völlig einig darüber, dass das Horreya - arabisch für "Freiheit" - doch ein herrlicher Ort in Kairo ist: Wo sonst in der Stadt trifft man so viele weltoffene Ägypter, Rucksacktouristen und Journalisten aus aller Welt? Und wo sonst kann sich auch als Frau hoffnungslos mit billigem Bier betrinken, ohne in eine der überteuerten Hotel-Bars gehen zu müssen?

Teheran, 0 Uhr

Amin und Enrico befinden sich inzwischen auf der Geburtstagsfeier ihres Kommilitonen Ali. Dessen reiche Eltern haben im Keller ihres Hauses einen Partyraum eingerichtet, samt Swimmingpool und Bar. Mit einem Glas Whiskey-Cola in der Hand wippt Enrico zu den HipHop-Rhythmen von Jay-Z. Amin tippt auf seinem Handy herum. Das Mädchen, dem er auf dem Africa Boulevard seine Handynummer zugesteckt hat, meldet sich endlich. Die beiden wollen sich morgen im "Sportkomplex der Revolution" treffen, in dem Amin Tennis spielt oder im Biergarten mit Freunden Malzbier trinkt und Wassermelone isst. Die Anlage wurde noch auf Geheiß des Schahs errichtet und hieß damals "Sportkomplex der Freiheit".

Derweil ist die Party schon seit Stunden in vollem Gange. Die Frauen in kurzen Kleidern mit gelösten Locken bewegen sich ausgelassen auf der Tanzfläche. Ihre langen Mäntel und Kopftücher haben sie am Eingang abgelegt. Farbige Scheinwerfer beleuchten den Raum, eine Discokugel wirft Lichtpunkte auf die tiefen Dekolletés.

Kurz nach Mitternacht hat die Freundin des Gastgebers ihren großen Auftritt. Im knappen roten Kleidchen stolziert sie durch die Reihen der Gäste und balanciert dabei ein Tablett, von dem sich viele freudig bedienen. Keine Käsehäppchen, keine Gläschen mit Wodka oder Tequila. Ecstasy-Pillen. Amin und Enrico bleiben im Gegensatz zu vielen anderen lieber bei Hochprozentigem. Einer der Partygäste spielt das Thema runter "Pillen schmeiße ich nicht so oft, einmal in zwei Monaten. Normalerweise trinke ich, manchmal ziehe ich auch ein wenig Kokain."

Knutschen im Pool

Und Heroin, das aus dem Mohn-Schlaraffenland Afghanistan zu Dumpingpreisen über die Grenze schwappt? "Damit haben wir nichts zu tun. Es kommt schon manchmal vor, dass sich auf unseren Partys Leute eine Spritze setzen, aber das geschieht meistens auf der Toilette, davon bekommt man nichts mit", behauptet Gastgeber Ali. Drogen sind inzwischen eines der größten innenpolitischen Probleme in Iran; die Zahl von vier bis fünf Millionen Abhängigen, etwa drei Prozent der Bevölkerung, wird selbst von konservativen Zeitungen genannt.

Auf Alis Ecstasy-Party will man jedoch von Problemen nichts wissen. Alle sind berauscht, die Tanzfläche brennt. Nach Abkühlung lechzend springen einige der Tänzer schließlich in den Pool. Die ersten ziehen nur ihre Schuhe aus, später plantschen Männer und Frauen in Unterwäsche im Wasser und bespritzen sich gegenseitig. Ein Paar knutscht heftig in einer Ecke des Pools. "Ich fühle mich so gut, ich bin glücklich!", strahlt Ali. "Aber wirklich entspannen kann ich mich nicht. Ich habe Angst, dass die Basidschi plötzlich vor der Tür stehen."

Die gefürchteten Sittenwächter klingeln manchmal unerwartet an der Tür und verschaffen sich Zutritt zur Party. Oder sie lauern vor dem Haus und passen die Gäste auf dem Heimweg ab. Dann setzt Ali ein geheimnisvolles Grinsen auf und flüstert: "Vielleicht sind sie ja schon mitten unter uns."

Damaskus, 1 Uhr

Said hat sich nicht durchgesetzt. Und so wandert die Truppe nur einige Schritte weiter. Am Ende eines schmalen Durchgangs schimmert ein Neon-Schriftzug in arabischen Lettern über dem Eingang: "Marmar". Normalerweise ein Restaurant und Café, zeigt es montags ambitioniertes europäisches Kulturkino und wird am Donnerstag zur Disco.

Allen Clubs in der Damaszener Altstadt gemein ist vor allem der horrende Eintrittspreis: 500 Syrische Pfund, etwa sieben Euro, muss man am Eingang lassen. Das ist teuer, auch wenn man gar nicht erst versucht, es in Brotlaiben oder Arbeitsstunden eines syrischen Durchschnittsverdieners auszudrücken. Immerhin sind die ersten beiden Getränke im Preis inbegriffen, und für weitere 250 Pfund gibt es Nachschub und das gesunde Plus ist gratis: je ein Schälchen mit Nüssen, Gurken und Karottenstiften zu jeder Runde Cocktails oder Bier.

Die beiden Räume, aus denen das Marmar besteht, sind schlicht, doch liebevoll dekoriert. Das Licht ist gedämpft, eine richtige Tanzfläche gibt es nicht. Und so wird jeder Quadratzentimeter, der nicht von Tischen und Stühlen belegt ist, kurzerhand dazu erkoren. Frauen mit schwarzen Locken und kniehohen Stiefeln, Männer in engen T-Shirts mit gegeltem Haar schwingen die Hüften und rudern mit den Armen. Der DJ, der im hinteren der beiden Räume in einer kleinen, erhöhten Kabine residiert, legt einen Partykracher nach dem nächsten auf. P. Diddy, Ricky Martin und arabische Popsternchen wie Haifa Wahbi und Elissa; Hauptsache, der Rhythmus stimmt.

"Trinken" oder "Betrinken"?

So läuft das in all den kleinen Clubs und Bars in der Gegend, dem Serail, der Auberge oder dem Domino. Überall die gleichen Getränke und Preise, die Nüsse und Karotten und die selbe Musik. Das Marmar sei ein Treffpunkt für die Künstler und Intellektuellen, heißt es. Im Gegensatz zu manch anderen Discotheken lassen sich hier Herren mit eingekaufter, meist osteuropäischer Begleitung nur selten blicken.

Einer der wenigen, die es noch auf ihren Plätzen hält, ist Said. Der steht weder auf arabischen noch auf Latin Pop. Deshalb nippt er etwas mürrisch an seinem Bier, raucht eine Zigarette nach der anderen und unterhält sich lieber über sein Lieblingsthema: die deutsche Sprache, die er seit vier Jahren lernt. Ständig notiert er sich Redewendungen und Vokabeln auf kleinen Zetteln, die er dann in seinem Portemonnaie mit sich herumträgt, und stellt die kompliziertesten Grammatikfragen.

Zum Beispiel will er wissen, was der Unterschied sei zwischen "sich betrinken" und einfach nur "trinken". Schließlich kommt Assad verschwitzt zu Said an den Tisch. Als die ersten Takte von "In da Club" von US-Rapper 50 Cent erklingen, lässt der sich schließlich doch zum Tanzen überreden.

Betrunken ist keiner von beiden, höchstens ein wenig schwindelig von der schlechten Luft. Said trinkt zwar, obwohl er Muslim ist, aber nur ein bis zwei Flaschen Bier am Abend. Das mag an seiner sehr lockeren Auslegung des Islams liegen - in korrektem Deutsch etwa: "Ich trinke, aber ich betrinke mich nicht."

Kairo, 2 Uhr

Ein Teil der Gruppe ist im Cairo Jazz Club gelandet. Die beiden Waffenexperten haben sich verabschiedet. Ahmed dagegen, in der Hoffnung Ulrike vielleicht beim Tanzen ein wenig näher zu kommen, ist noch mitgezogen. Doch die hat heute nur Augen für Mahmoud mit dem zotteligen Haar. Laila amüsiert sich inzwischen prächtig mit John, dem Amerikaner. Der versteht es erstaunlich gut, sich zu dem Mix aus aktuellen internationalen Hits und arabischen Klängen zu bewegen.

An den Tischen im hinteren Bereich, an die Gäste nur mit einer Reservierung kommen, drängen sich Grüppchen junger Ägypter - allesamt gut aussehend und wohlhabend. Die eher dezent geschminkten Frauen tragen Oberteile mit tiefen Ausschnitten und engen, aber nicht zu engen, Jeans. Für Lailas Geschmack sind aber auch die Männer ganz attraktiv. Niemand hat zu viel Gel im Haar und die meisten tragen eher legere Outfits.

Laila sagt, sie gebe an einem Abend gerne mal den Betrag aus, den ihre Putzfrau von ihr als Monatslohn erhält - und ihre Freunde halten diese auch noch für überbezahlt. Laila hält Ausschau nach der Gruppe, die mittlerweile überall im Club verstreut ist. Thomas ist mit Mahmoud und Ulrike am Tresen in ein Gespräch über die Besonderheiten des ägyptischen Dialekts vertieft. John hat eine glutäugige Schönheit aufgetan und läuft ständig zwischen ihr und der Bar hin und her, um seine Eroberung mit neuen Drinks zu versorgen.

Laila wird langsam ein bisschen unruhig und würde eigentlich gerne gehen. Gerade hat sie eine SMS von einem Freund bekommen: Er hätte noch einen Platz für sie auf der Gästeliste des Latex.

Damaskus, 3 Uhr

Bald, viel zu bald, hat die Party ihren Zenit überschritten. Die Tanzfläche des Marmar leert sich. Hind nippt an ihrem Glas Whiskey auf Eis und tupft sich mit einem Papiertaschentuch den Schweiß von der Stirn. Ihr fliederfarbener Rollkragenpulli ist nicht das richtige Outfit für diese schwüle Luft. Wenn es nach ihren Eltern ginge, wäre sie gar nicht hier. Denen ist es nicht geheuer, dass ihre 32-jährige Tochter sich nachts in Bars herumtreibt - natürlich der Männer wegen. Also haben sie es ihr verboten. Doch da sie heute bei Verwandten übernachten, hat Hind sich spontan entschlossen mitzukommen. Ihren Eltern wird sie wohl eine Lügengeschichte auftischen müssen.

Vor ein paar Jahren hat Hind für einige Zeit in Wien gelebt. Das merkt man ihrem Deutsch an, weil sie "Bub" statt "Junge" sagt. Und am liebsten möchte sie sofort dorthin zurück. Zwar hat in Wien ihr Bruder ein wenig "auf sie aufgepasst". Trotzdem hatte sie mehr Freiheiten, vor allem ist sie nicht an jeder Ecke einem Nachbarn oder Verwandten begegnet, der sie bei ihren Eltern verpetzen konnte.

"Frauen werden ihr ganzes Leben lang wie Kinder behandelt, die keine Verantwortung für ihr eigenes Leben übernehmen können", redet sich Hind in Rage. Und das, obwohl sie und Nora als christliche Städterinnen unter den syrischen Frauen eine privilegierte Stellung genießen. Die beiden sind hübsch, gebildet und erfolgreich, trotzdem gelten sie hier als kleine Mädchen und als alte Jungfern zugleich.

Dann legt der DJ die ruhigste Platte aus seiner Sammlung auf: Fairouz, die sich mit Umm Kulthum den Thron der größten arabischen Sängerin teilt. Das ist das Zeichen zu gehen. Nur die Ausländer scheinen das noch nicht gemerkt zu haben, die einen leidenschaftlichen Tanz in Zeitlupe aufs Parkett legen. Gerade haben sie sich auf den richtigen Pegel getrunken und schon soll der Abend vorbei sein?

Kairo, 4 Uhr

Laila hat ihrem Bekannten dann doch abgesagt und ist im Cairo Jazz Club geblieben. Irgendwie hatte sie am Ende mehr Lust, die Hüften noch ein wenig entspannt zu den Klängen der Live-Band zu wiegen. Im Latex laufen zu später Stunde nämlich nur noch stampfende Technobeats, kondensierter Schweiß tropft von der Decke und vermischt sich mit klebrigem Kunstnebel.

Die Band im Jazzclub, die sich stündlich mit einem DJ abwechselt, spielt ihr beim Publikum beliebtes Repertoire. Arabische Pop-Hits - jazzig arrangiert -, aber auch Kracher von Santana oder der hier sehr beliebten Shakira. Beim extravaganten Gitarren-Solo verbiegt der langhaarige Gitarrist mit dem amerikanischen Band-T-Shirt seinen Körper zwar ein bisschen sehr gewollt, aber Laila schließt einfach die Augen.

Der Club hat sich merklich geleert; am Ende mischt sich noch die Band unter die Tanzenden. Nun ist es aber höchste Zeit zu gehen. Laila schnappt sich ein Taxi zurück zum Horreya. Dort hatte sie ihr Auto vorhin stehen lassen. Doch nun fühlt sie sich wieder frisch genug zum Autofahren.

Auf der Stadtautobahn braust sie zurück in Richtung Madinat Nasr. Laila genießt den kühlen Fahrtwind, der ihr durchs offene Fenster ins Gesicht weht, und die leeren Straßen. Kairo schläft jetzt. Fast.

Teheran, 5 Uhr

Auch auf Alis Geburtstagsparty kommen die Gäste langsam runter. Einige von ihnen haben sich ein Taxi bestellt; viele Taxirufe sind rund um die Uhr besetzt. Einige andere, obwohl betrunken und zugedröhnt, fahren mit ihren Autos nach Hause. Auch Amin, der eigentlich noch sehr nüchtern wirkt, und Enrico machen sich auf den Weg.

Zwei junge Frauen winken ihnen nach. Die beiden sitzen an der Bar, rauchen Zigaretten und wirken etwas verknittert. Sie werden wohl durchmachen müssen und sich am Morgen ein Taxi nach Hause nehmen. Nachts dürfen Frauen gar nicht auf die Straße gehen. Entsprechend ducken sie sich häufig auf der Rückbank, damit man sie nicht sieht, wenn sie unerlaubterweise doch noch zu später Stunde unterwegs sind. Und wenn sich keine private Mitfahrgelegenheit ergibt, warten sie eben auf den nächsten Tag.

Zurück auf der Stadtautobahn deutet Enrico auf die anderen Autos und sagt: "Siehst du die ganzen Leute? Mehr als die Hälfte von denen ist betrunken oder hat Drogen genommen!" Vielleicht übertreibt er da ein wenig. Aber es ist trotzdem ein Wunder, dass heute alle heil nach Hause kommen.

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