Patagonien Das große, grandiose Nichts

Tagelang kein Mensch, kein Auto, kein Haus - kilometerweit nur Steppe, Berge, Meer und Eis. Patagonien lässt Reisende nicht mehr los, raubt ihnen den Atem - und öffnet ihnen am Ende die Augen für die große Leere.
Von Tinka Dippel

Die Büschel aus Steppengras sehen im ersten Tageslicht aus wie Tausende rot schimmernde Igel. Im Rückspiegel brennt der Himmel, vor uns hebt sich die Landschaft. Wir kommen zurück zum Rückgrat Südamerikas, an die Anden. Vor zehn Tagen hatten wir sie verlassen - auf dem Weg ins Nichts. Mit jedem Höhenmeter kehrt nun das Grün zurück, wir haben es lange nicht mehr gesehen. Schön ist es hier, und doch haben wir unsere Rückkehr in die Berge hinausgezögert, wollten ein bisschen die Verlorenheit bewahren, die uns über mehr als 4000 Kilometer getragen hatte.

Zehn Tage zuvor hat der Fahrtwind gerade den ersten Staub auf unseren weißen Ford geblasen. Gerade haben wir uns damit abgefunden, dass der Wind uns die Autotür aus der Hand schlägt, wenn wir sie einen Spalt weit öffnen. Wir haben es aufgegeben, so langsam zu fahren, dass die Räder keine dicken Steine gegen den Wagen schleudern. Gerade sind wir, von El Calafate im Süden kommend, im Ort El Chaltén, am Fuße des Berges Fitz Roy angelangt - als das Auto plötzlich keinen Mucks mehr von sich gibt.

Unser Autovermieter, mehr als 1000 Kilometer weiter nördlich in Bariloche, ist sich sicher, dass es am Schlüssel liegt. Er schicke uns den Ersatzschlüssel mit dem Nachtbus, sagt er am Telefon. Der Schlüssel komme in 30 Stunden bei uns an. Wo wir denn als nächstes hinwollen?

Ich zähle es ihm auf: immer nach Norden, auf der Ruta 40 quer durch Patagonien, an die Küste, am Atlantik weiter nach Norden und noch einmal durchs Land. "Aber da ist doch nichts", sagt er und kann nicht fassen, dass dies unsere Reiseroute sein soll. Er betet mir Alternativen runter, sie führen alle über bessere Straßen, er meint es bestimmt gut mit uns und mit seinem Auto. Aber unser Entschluss steht fest. Die großen Literaten, die Patagonien bereist haben, sind schließlich auch nicht dem Asphalt gefolgt - sondern den Geschichten, die ihren Weg säumen sollten.

Fast senkrecht eine massive Eiswand hoch

"Ich wusste, es war die menschenleerste Gegend Amerikas und eine der unbekanntesten dazu - infolgedessen ein Treibhaus von Legenden, Halbwahrheiten und Fehlinformationen"
Paul Theroux

Es ist spät abends, wir sitzen in einer Cervecería in El Chaltén vor hausgebrautem Bier, unsere Lider werden schwer, die Beine sind es schon. Die Zeit, seit der Schlüssel unterwegs ist, war wanderintensiv. Wir sind aufgestiegen zur Laguna de los Tres, wo man den Zacken des Fitz Roy ganz nah ist, wo der Wind alle Geräusche wegpeitscht, wo mitten in einer Steinwüste ein See von knalligem Türkis liegt.

Wir sind mit Steigeisen an den Füßen über den Viedma-Gletscher marschiert, es ist einer der größten Gletscher des Landes. Hinein in eines der Täler zwischen zwei Gletscherwänden, durch einen schwimmbadblauen Tunnel und dann fast senkrecht die massive Eiswand hoch - mit Hilfe zweier Spitzhacken und den Krallen der Steigeisen. Und immer an der sicheren Leine von Bergführer Freddy Schulz, der jetzt beim Bier neben uns sitzt.

Er hat lange schwarze Locken und die dunkle Haut seiner Großmutter, einer Mapuche-Indianerin. Herr Schulz aus Deutschland war sein Großvater. Freddy kam vor 14 Jahren nach El Chaltén, als es dort noch kein Telefon gab, keine Bäckerei, keine Restaurants, keine großen Hotels, als nur 60 Menschen hier lebten. Heute sind es 700. Das wird uns bald sehr viel erscheinen.

Es lag nicht am Schlüssel. Wir finden einen Mechaniker, der die Motorhaube öffnet, den Anlasser freilegt und zweimal mit einem dicken Stein darauf schlägt. Das war's, der Motor läuft. Es lag am Staub, der die Kontakte blockierte. Wir fahren weiter. Hinter uns schrumpft das Fitz-Roy-Massiv, dann endet der Asphalt, und jetzt schlägt uns der patagonische Staub erst richtig entgegen. Die Steine klopfen jetzt erst wirklich laut gegen den Boden. Es wird schwer, die Lenkung nicht dem Wind zu überlassen und uns auf der Straße zu halten, nur eine Piste im Sand. Links und rechts nicht abreißende Ketten von mesetas, jenen von der Erosion geschliffenen Hügeln, die geringelt sind wie Schichttorten. Jede Schicht eine Ära.

Streuselkuchen aus Gräsern

Die Steppe um uns herum ist ein Streuselkuchen aus trockenen Grasbüscheln, jeder Halm hart und spitz wie eine Nadel. Wenn einer der grauen Streusel sich erhebt und auf Stelzen über die Straße läuft, dann ist er ein Nandu. Wenn kleine braune Steine von der Straße auffliegen, sind es Vögel. Braune Tupfer in der Steppe sind Guanakos, eine Mischung aus Lama und Kamel. Weiße Tupfer sind Schafe. Sie sind der Grund dafür, dass wir oft bremsen. Wilde Pferde sind der Grund, dass wir hupen, weil sie sonst keine Anstalten machen, die Straße zu räumen. Autos begegnen wir selten. Es gibt keine Stromleitungen, kaum etwas, das als Zaun erkennbar wäre.

Stundenlang fahren wir durch ein Land, das keinen erkennbaren Nutzen hat. Wem gehört es? Wer bewirtschaftet es? Kann man es überhaupt bewirtschaften? Man hat uns erzählt, dass die Größe einer estancia hier nicht nur in Hektar bemessen wird, sondern auch in der Anzahl des Viehs. Denn viele Hektar sind wertlos, wenn sie nur wenig Vieh ernähren können. Die estancias sind kleine Häufchen Zivilisation in der Ödnis, genau wie die Baustellen und Tankstellen. Tres Lagos ist so eine, wer hier nicht tankt, der wird liegen bleiben. Die nächste Tankstelle in Bajo Caracoles ist 400 Kilometer entfernt.

"Die Straße begann und endete in einer gräulichen Fata Morgana"

"Die Straße begann und endete in einer gräulichen Fata Morgana. Kaum sah ich ein Staubphantom hinter mir, glaubte ich, es sei ein Lastwagen, obwohl ich wusste, dass ich jetztnicht mehr mit einem Lastwagen rechnen konnte"
Bruce Chatwin

Manchmal verschwimmt im dämmrigen Abendlicht der Straßenrand mit der Steppe. Und dann kommt der Moment, in dem wir uns fühlen wie aus der Welt gefallen. Wir fahren und fahren. Wenn ein Schild dasteht, dann kündigt es eine Kurve oder Erhebung an - aber keinen der Orte, die auf unserer Karte stehen. War da eine Abzweigung? Unwahrscheinlich. Können wir dort, wo es kaum Straßen gibt, falsch gefahren sein? Zur Orientierung gibt es nichts - außer die Anden, die in der Ferne als weiße Kette über die Steppe ragen. Aber irgendwann ist er doch auf einmal da, der weiße Pfeil mit roter Krakelschrift: Perito Moreno. Die Straße schwenkt von den Bergen ab, wir sind richtig.

Und dann kommt der Moment, der mir fast den Atem nimmt. Kein Feuerwerk schafft, was Wolken und Abendsonne da am Himmel veranstalten. Er steht in Flammen. Wülste, Wirbel und kleine Tupfer malen ein Bild in Orange, Rot und Lila. Fast eine Stunde bewegen sie sich über das Blau, dann erlöschen die Flammen mit der Dunkelheit.

Auf der Ruta 40 sind alle unterwegs

"In jenen einsamen Tagen geschah es selten, dass mir überhaupt ein Gedanke durch den Kopf ging; noch seltener kreuzten tierische Erscheinungsformen mein Blickfeld oder bestürmten Vogelstimmen mein Ohr"
William Henry Hudson

Es ist Nacht, als wir die Schotterstraße der Estancia Telken hochfahren, die in der Nähe des Städtchens Perito Moreno liegt. Wir werden erwartet, man trägt unsere Taschen ins Haus und schiebt uns durch eine Tür. Nach Tagen der Stille und Einsamkeit schlägt uns aus einem hell erleuchteten Esszimmer ein Stimmengewirr entgegen. Petty und Coco, Hausdame und Hausherr, sitzen am Kopfende. Um den großen Tisch eine englische Familie, ein Ehepaar aus Buenos Aires, eine junge Ärztin aus Holland sowie Douglas und Stephanie aus Kalifornien. Sie sind mit einem Wohnmobil drei Jahre lang auf Weltreise, wie sie erzählen, dann steht der erste kunstvoll dekorierte Teller vor uns. Es wird ein langer Abend.

Gar so einsam ist die Ruta 40 nicht, wird uns klar. Sie alle sind hier unterwegs. Alle haben in Tres Lagos und Bajo Caracoles getankt, alle haben die gleichen Kurven und Buckel mitgenommen wie wir. Auf eine Art ist das beruhigend. Andererseits bin ich froh, dass wir ihnen erst jetzt begegnen. Es sind Oasen wie diese estancia, die das Gefühl der Verlorenheit im Nichts auffangen. Aber es gibt nicht viele solcher Anlaufstationen, und man muss wissen, wo sie sind.

Die Bahía Bustamante liegt von hier aus gut 400 Kilometer weiter östlich an der Atlantikküste. Am nächsten Morgen fahren wir los, wir brauchen zwei Tage. Das Meer an der Bahía ist ein geriffelter blauer Teppich mit braunen Rändern aus Algen, gesäumt von einem Strand aus Muscheln und einer Reihe aus schlichten weißen Häuschen. "Als ich ein Junge war, lebten darin noch die Arbeiter", erzählt Matias Soriano. Wir laufen mit ihm durch den Ort, dessen Wege nach Algensorten benannt sind. Matias ist 38, trägt derbe Hosen, Turnschuhe, einen Bart und verstrubbeltes Haar. Sein Großvater hat den Ort aufgebaut.

Mit Algen zum Reichtum

Lorenzo Soriano, Immigrant aus Spanien, war in den fünfziger Jahren in die Bucht gekommen. Wegen des modrigen Geruchs war sie als bahía podrida, als "faulige Bucht", bekannt. Wo Moder ist, da sind Algen, dachte Soriano. Er hatte sein Glück zuvor schon als Assistent eines Zauberers versucht, Boxkämpfe veranstaltet und Rasierklingen importiert. Mit den Algen wurde er reich, er gewann aus ihnen das Geliermittel Agar-Agar, Grundstoff für Haarpomade, damals sehr in Mode. Die Mode ging, der Reichtum blieb, Agar-Agar ist auch ein Grundstoff für Lebensmittel und Kosmetika. Es ist eine dieser typischen Pioniergeschichten Patagoniens.

Die alte Kirche, die verfallene Schule, der Spielplatz - alles steht noch da. Matias lebt hier heute mit 20 Mitarbeitern, früher waren es 500. Er züchtet 20.000 Schafe auf dem Land dreier estancias, baut weiter Algen ab und zeigt Reisenden seine kleine heile Welt. Die Häuser am Meer hat er zu Ferienwohnungen umgebaut, schlicht und edel eingerichtet.

Zum Essen gehen wir in den ehemaligen Kaufmannsladen, heute das Restaurant. Durch die Fenster hören wir das Rauschen des Meeres. Wir radeln über die Halbinsel, springen ins klare Wasser der Gezeitenbecken zwischen den Felsen. Wir wandern durch die Überreste eines Waldes, der hier vor rund 60 Millionen Jahren stand. Ganze Baumstämme sind unter Vulkanstaub zu Stein geworden und wurden von der Erosion wieder freigelegt. Jetzt liegen sie da, als seien sie erst gestern umgefallen.

"Patagonien war aber auch ein Land voll seltsamer wilder Tiere und Vögel"

"Patagonien war aber auch ein Land voll seltsamer wilder Tiere und Vögel. 'Pen-gwyn' soll ein walisischer Ausdruck für 'nicht fliegender Vogel' sein; einer abergläubischen Vorstellung von Seemännern aus elisabethanischer Zeit zufolge verkörperten Eselspinguine die Seelen ihrer ertrunkenen Kameraden"
Bruce Chatwin

Matias bringt uns mit seinem Motorboot zu namenlosen, aber dicht bevölkerten Inseln. Magellanpinguine, Kormorane, Wildenten schnattern zu Tausenden durcheinander und lassen sich von uns nicht stören. Ganz anders die Seelöwen. Als das Boot sich dem Ufer nähert, kracht es im Gestrüpp, Sand staubt auf. Scharenweise robben die Tiere zum Strand und stürzen sich wie die Lemminge ins Wasser. Ihre Köpfe ragen um das Boot aus dem Wasser, die Knopfaugen direkt auf uns gerichtet. "Was haben sie denn?", frage ich Matias. "Nichts", sagt er. "Sie freuen sich, dass wir da sind."

Nach der Bahía Bustamante haben wir eine lange Fahrt vor uns, insgesamt 1000 Kilometer, erst an der Küste nach Norden, dann quer durchs Land zurück an die Anden. Unterwegs passiert nicht viel, wir fordern es aber auch nicht heraus. In unseren Köpfen sind so viele Eindrücke, die sich setzen müssen - und nirgends geht das besser als im weiten Patagonien. Sein Reiz ist, dass es sich auf wenige Reize konzentriert. Die geringelten Meseta-Hügel, das Pfeifen des Windes, die Tier-Tupfer, die Weite, all das wird uns so vertraut, dass wir süchtig danach sind, immer weiter zu fahren.

An einem der letzten Tage im Nichts versuchen wir, die Zeit anzuhalten, übernachten auf dem Weg zurück an die Anden in Los Altares, mitten zwischen der Küstenstadt Trelew und den Bergen. Es gibt dort ein paar steil aufragende Felsen, jene "Altäre", nach denen der Fleck benannt ist.

Es gibt eine Tankstelle, ein paar Häuser, eine Kirche, nicht größer als ein Kiosk, ein Motel, wo sie uns ungläubig ansehen, als wir nach einem Zimmer fragen. Und es gibt José, der seit 38 Jahren im einzigen Lokal von Los Altares Schnitzel, zäh wie Tintenfisch, brät. Sein Gästebuch zählt für die vergangenen zwei Jahre acht Einträge, der letzte ist vier Monate alt. Was wir in Los Altares wollen: nichts. Ein allerletztes Mal.

Das große Nichts

"Ich dachte: Nirgendwo ist auch ein Ort"
Bruce Chatwin

Ein Land braucht so wenig, um einen tief zu berühren. Steppe, Wolken und Himmel reichen schon. Ab und zu ein Mensch. Hier und da ein Tier, ein trotteliges Schaf oder ein aufgeregter Seelöwe. Und alle 100 Kilometer ein Schild, das wäre schön - damit die Sorge nicht zu groß wird, man könnte aus der Welt gefallen sein.

Nach der Fahrt durch das Morgenrot kommen wir wieder zurück an die Anden, in den Nationalpark Los Alerces. Wir wandern durch tiefe, verwucherte Wälder. Die klare Luft lässt den Staub der letzten Tage zu einer Erinnerung werden. Einer wehmütigen Erinnerung. Wir fahren weiter, baden im frischen Wasser des Lago Puelo, reiten durch die Wälder um El Bolsón.

Und nach der letzten Etappe stehen wir in Bariloche dann jenem Mann gegenüber, der erleichtert ist, nicht nur uns wohlbehalten vor sich zu haben, sondern auch sein Auto. Sein Blick streift die getrocknete Matschschicht, die sich um den Ford zieht. Er versteht es immer noch nicht. All die Kilometer, all der Staub und all seine Sorgen - nur damit wir durch die Ödnis fahren.

"Ihr habt überhaupt nichts gesehen", sagt er. "Nicht mal drei Prozent von Patagonien. Die ganze Schönheit des Landes liegt in den Bergen, ein Nationalpark nach dem anderen, da hättet ihr bleiben müssen." Er erzählt von der Umgebung Bariloches, von Bäumen mit Blättern, groß wie Regenschirme. Das mag es alles geben. Und bestimmt ist es umwerfend schön.

Aber das Patagonien, das wir gesehen haben, hat etwas mit uns gemacht. Es hat unsere Augen geöffnet für das große Nichts.

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