Patagonische Küste Windige Gesellen

Patagonien heißt Wind. Immer Wind. In dem kargen Landstrich im Süden von Argentinien leben nur wenige Menschen. Dafür tummeln sich an den Küsten umso mehr Seeelefanten, Seelöwen und Pinguine. Wer Glück hat, kann sogar Wale beobachten.

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In die Ödnis von Nordpatagonien: Nur eine Hand voll Geschäftsleute und Naturtouristen verschlägt es in den einsamen Landstrich
Christoph Seidler

In die Ödnis von Nordpatagonien: Nur eine Hand voll Geschäftsleute und Naturtouristen verschlägt es in den einsamen Landstrich

Am Ende der Welt ist es windig. Das fällt einem sofort auf, wenn man aus dem Flugzeug steigt und es einem in Sekundenschnelle die Haare verstrubbelt. Das Ende der Welt liegt in Patagonien, und das Flugzeug ist in Trelew gelandet, rund 1500 Kilometer südlich der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires. Wer in diese Gegend kommt, in eine der am dünnsten besiedelten Gegenden der Welt - mit statistisch gesehen weniger als einem Einwohner pro Quadratkilometer -, der muss gute Gründe haben.

Vor gut 150 Jahren waren es die ersten Siedler aus Wales, die mit dem Schiff nach Patagonien kamen und bitter enttäuscht wurden: Statt des fruchtbaren Gebietes, das ihnen die argentinische Regierung versprochen hatte, fanden sie nur einen ausgedörrten und einsamen Landstrich, dessen Charme sich erst auf den zweiten Blick erschließt.

Deshalb verschlägt es heute bestenfalls eine Hand voll Geschäftsleute und ein paar Individualtouristen nach Nordpatagonien. Letztere interessieren sich vor allem für die hiesigen Küstenbewohner: An den Stränden tummeln sich Seelöwen, Seeelefanten, Pinguine, und je nach Jahreszeit sind auch Wale und Delfine zu sehen.

Durch die Einsamkeit zum Weltkulturerbe

Der beste Platz dafür ist die Halbinsel Valdes, die seit 1999 zum Weltkulturerbe der Unesco gehört. Neben ein paar vereinzelten Schaf-Farmern leben dort vor allem Millionen von Vögeln und Meeressäugern. Um nach Valdes zu kommen, führt der Weg über schnurgerade Straßen durch die Ödnis der endlosen patagonischen Ebenen.

Zuckend und schniefend: Von den trägen Seeelefanten sollte Abstand gehalten werden
Christoph Seidler

Zuckend und schniefend: Von den trägen Seeelefanten sollte Abstand gehalten werden

Einsamkeit bekommen gestresste Stadtmenschen hier mehr als genug: So weit das Auge reicht - und noch viel weiter - kleine Sträucher und Büsche, die manchmal von früheren Buschfeuern verkohlt sind, dazwischen wächst zerzaustes Gras. Bäume gibt es hier nicht. Und auch das Autoradio bleibt über weite Strecken stumm. Doch die Entbehrungen werden belohnt.

Kurz bevor man zur Halbinsel Valdes kommt, erkennt man im Wasser eine Schlange, die einen Elefanten gefressen hat - jedenfalls wenn man über etwas Phantasie verfügt. Die Isla des Pajaros soll den Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry nämlich während seiner Zeit als Postflieger für Aeropostal Argentina zur Anfangsszene seines Buches "Der kleine Prinz" animiert haben. Der Umriss der 800 Meter vom Strand entfernten Insel sieht tatsächlich so aus, als habe eine Boa einen Elefanten verschluckt.

Für Touristen ist die Insel allerdings tabu, weil die dort lebenden Vögel geschützt werden sollen. Immerhin kann man von einem Aussichtsturm mit einem Fernrohr ein paar Eindrücke erhaschen - außerdem entschädigt die Tierwelt auf Valdes reichlich für das Besuchsverbot auf der Vogelinsel.

Die ersten Tiere zeigen sich schon nach wenigen Kilometern auf der Straße, die hier nur noch eine schlammige Schotterpiste ist. Weil fast wild lebende Pferde und Schafe den Weg kreuzen, heißt es immer wieder anhalten. Guanakos und Nandus - große, straußenähnliche Vögel - beäugen die Fremden lieber aus sicherer Entfernung.

Kleine Beißer: Am Punta Tomba lebt die größte Pinguinkolonie Südamerikas
Christoph Seidler

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Atemberaubende Ausblicke bieten die steilen Klippen an den Küsten von Valdes mit ihren riesigen Kolonien von Meeressäugern. Die eindrucksvollsten Bewohner des Strandes sind die gewaltigen Seeelefanten, die träge in kleinen Gruppen am Strand dösen. Die Männchen bis zu sieben Meter lang und rund 3500 Kilogramm schwer, die Weibchen etwas kleiner und leichter. Kraftlos liegen sie herum; sie zucken und schniefen nur dann und wann, um lästige Fliegen in die Flucht zu schlagen. Dazwischen tummeln sich - deutlich aktiver - die kleineren Seelöwen. Die Tiere, die von Einheimischen "lobo marino" genannt werden, sind rund zwei Meter lang. Im Gegensatz zu ihren schwerfälligen Verwandten sind sie auf ihren Stummelflossen überraschend schnell unterwegs.

Doch egal ob Seelöwe oder Seeelefant, Besucher sollten in jedem Fall respektvoll Abstand halten. Schließlich will man sich nicht mit einem mehrere hundert Kilo schweren, brüllenden Kraftpaket aus Fett und Muskeln anlegen.

Wer ganz großes Glück hat, der bekommt auf Valdes auch Wale zu sehen. Gelegentlich lassen sich Orcas, die schwarz-weißen Meeresriesen, die spätestens seit dem Herzschmerz-Filmchen "Free Willy" Weltruhm erlangt haben, in den Küstengewässern Patagoniens blicken.

Schlammige Wege in der Einsamkeit

Böse Zungen könnten allerdings meinen, dass eine Reise über die schlammigen Wege Patagoniens nur dann etwas mit den Annehmlichkeiten eines Urlaubs zu tun hat, wenn man sich daran erinnert, dass man aus freien Stücken hergekommen ist. Doch ein Fünkchen Luxus gibt es auch am Ende der Welt: Es ist der alte rote Leuchtturm an der Steilküste von Punta Delgada. Hier, 170 Kilometer von der nächsten größeren Stadt entfernt, können bis zu 30 Gäste gleichzeitig Zuflucht finden. Menschenleere Privatstrände locken zum ungestörten Besuch bei den brüllenden Seeelefanten. Das Hotelpersonal lädt außerdem zu Ausritten und Jeep-Fahrten ins Innere der Halbinsel ein.

Draußen am Leuchtturm von Delgada lässt sich in sternenfunkelnder Nacht fühlen, was wirkliche Einsamkeit bedeutet. Überwältigend klar blitzen die viele Sterne am Himmel, dazwischen das Blinken des Leuchtturms - einmal lang, zweimal kurz -, das Donnern des Meeres und dann und wann das Brüllen eines Seeelefanten. Sonst nichts. Gar nichts. Nur der allgegenwärtige Wind. Wie hatte Alejandro, der Tourguide des Hotels doch gesagt? "Patagonien heißt Wind. Immer Wind."

Die Steilküste der Punta Delgada: Die Halbinsel Valdes gehört seit 1999 zum Unesco-Welterbe
Christoph Seidler

Die Steilküste der Punta Delgada: Die Halbinsel Valdes gehört seit 1999 zum Unesco-Welterbe

Elektrisches Licht für die Hotelgäste gibt es des Nachts übrigens nicht. Der Küchenchef gibt den Besuchern nach dem Abendessen stattdessen eine kleine Taschenlampe mit. So soll Strom für den Tag gespart werden, wenn auch der Generator wieder arbeitet.

Wer sich bei Tageslicht dann auf die Suche nach großen Pinguingruppen machen will, der sollte von Valdes noch etwas nach Süden fahren, zurück nach Trelew. Von dort führt eine rund 120 Kilometer lange Schotterpiste durch die menschenleere Ebene nach Punta Tombo.

Dort gibt es die größte Pinguinkolonie Südamerikas. Etwa eine halbe Million Magellanpinguine stehen dort von Oktober bis März wie schwarz-weiße Gartenzwerge am Strand und den angrenzenden Hügeln herum und machen Lärm. Auf Stegen kann man sich zwischen den Pinguinen bewegen und ihnen dabei zusehen, wie sie sich tollpatschig vom Strand ins Landesinnere bewegen.

Angst vor Besuchern haben die Pinguine von Tombo nicht. Weil die Tiere keine Fressfeinde fürchten müssen, können sich Menschen ohne Probleme nähern. Doch auch hier sorgt ein kleiner Sicherheitsabstand von etwa zehn Zentimetern dafür, dass einem nichts passiert. Die niedlichen Pinguine beißen nämlich gern.



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